Heinz Abels, geboren 1943 in Wickrath (heute Mönchengladbach),
verheiratet, eine Tochter. Studium zunächst der klassischen Sprachen, dann der Fächer
Sozialwissenschaften, Geschichte und Pädagogik in Köln, Bonn und Bochum.
Examen 1968, Promotion zum Dr. rer. soc. (1970) durch die Abteilung für
Sozialwissenschaften der Ruhruniversität Bochum und zum Dr. paed. (1972)
durch die Pädagogische Hochschule Ruhr, Abteilung Essen. Von 1972 bis 1973
Studienaufenthalt an der University of California in Berkeley u. a. bei
Herbert Blumer, John Clausen, Reinhard Bendix und Neil Smelser. Im Jahre
1975 Berufung auf eine Professur für Erziehungssoziologie an der Universität
Essen Gesamthochschule, seit 1978 Universitätsprofessor für Soziologie
an der FernUniversität Hagen. |
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| Zur Inhalt |
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Das Studium der theoretischen Soziologie |
Der publizierte Text ist das 6. Kapitel aus das Buch:
Heinz Abels Interaktion, Identität, Präsentation. Kleine Einführung
in interpretative Theorien der Soziologie, 1998
Der Text kommt von Autor.
© Heinz Abels, 1998
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Goffmans Reputation, so erklärte es Collins, rührte hauptsächlich von einer „popularistic audience", die ihn bewunderte, weil er sage, wie es wirklich ist. Diesen galt er denn auch als politischer Radikaler, während andere ihn für einen konservativen Mittelklassenvertreter oder für unpolitisch hielten. Die Soziologie hat sich von Anfang an mit Goffman schwer getan. Während ihm schon zu Lebzeiten eine außerordentlich große Reputation in der Philosophie, bei den Anthropologen, bei Sprachwissenschaftlern, Psychiatern und Politikwissenschaftlern attestiert wurde, haben ihn seine wissenschaftlichen Zeitgenossen, die sich dem strengen systematischen Denken verschrie-ben hatten, mehr oder weniger geschnitten. Man muß es natürlich auch umgekehrt sehen: Goffman hat es der akademischen Soziologie seiner Zeit aber auch nicht leicht gemacht. Darauf werde ich gleich noch einmal zurückkommen.
Wer war Erving Goffman? Er wurde 1922 in der kanadischen Kleinstadt Manville (Alberta) als Sohn jüdischer Eltern geboren. Er studierte Soziologie zunächst in Toronto und dann in Chicago. Nach seinem Studium arbeitete er an der Universität in Edinburgh. In den Jahren 1949-1951 führte er Feldforschungen auf den Shetland-Inseln nördlich von Schottland durch. Mit dem Ergebnis dieser Studien, das den Titel „Communication conduct in an island community" trug, wurde er im Jahre 1953 in Chicago promoviert. Ein Betreuer dieser Arbeit war Anselm L. Strauss. Sein erstes Buch erschien im Jahre 1959 unter dem Titel „The presentation of self in everyday life". Es ist sicher seine berühmteste Arbeit gewesen und das soziologische Buch, das am häufigsten außerhalb der Soziologie weltweit zitiert wird.
Zwischen 1954 und 1957 arbeitete er als „visiting scientist" in einem Hospital, um das Verhalten von Patienten zu beobachten. Ergebnis dieser teilnehmenden Beobachtung waren das Buch Asyle (1961), das den Untertitel trägt „Über den Umgang mit einer beschädigten Identität", die Studie über „Verhalten in sozialen Situationen" (1967) und einzelne Arbeiten für „Interaktionsrituale" (1967). Zwischen 1958 und 1968 lehrte er in Berkeley in der gleichen Fakultät, in der auch Herbert Blumer arbeitete. Dort wurde, wie es heißt, der „Mythos Goffman geboren. Goffman avancierte in den 60er Jahren für Studenten zu einer Art Kultfigur" , der mit einem Artikel unter dem sprechenden Titel „Where the action is" dem Aufbruch auch soziologische Fundierung zu verleihen schien.
Im Jahre 1969 verließ er die Universität im Aufbruch und ging nach Philadelphia. Im Jahre 1981 wurde er zum Präsidenten der Amerikanischen Gesellschaft für Soziologie gewählt, konnte aber schon seine Antrittsrede nicht mehr halten. Er starb im Jahre 1982.
Das Thema, um das Goffmans Gedanken immer kreisen, wird in seinem Buch „The presentation of self in everyday life" (1959) deutlich, das im deutschen den sprechenden Titel „Wir alle spielen Theater" (1969) trägt. Dort schreibt Goffman: „Zusammenfassend läßt sich sagen, daß ein Einzelner, wenn er vor anderen erscheint, zahlreiche Motive dafür hat, den Eindruck, den sie von der Situation empfangen, unter Kontrolle zu bringen." Das Anliegen dieses Buches formuliert er denn auch so: „Diese Untersuchung befaßt sich mit einigen der üblichen Techniken, die angewandt werden, um hervorgerufene Eindrücke aufrechtzuerhalten, und mit einigen häufigen Folgeerscheinun-gen, die mit der Anwendung derartiger Techniken verbunden sind. (..) Ich werde hier ausschließlich die dramaturgischen Probleme des Gruppenmitglieds bei seiner Darstellung vor anderen untersuchen." Um dieses Thema geht es in allen seinen Schriften, und auch der Vortrag, den er als Präsident der amerikanischen Gesellschaft für Soziologie halten wollte, trug den Titel „Die Interaktionsordnung". Goffman interessierte, „wie Menschen in sozialen Situationen sich darstellen, sich wahrnehmen und ihre Handlungen koordinieren." Das ist auch der Grund, weshalb Scott und Lyman Goffman als „die Autorität für impression management" bezeichnet haben.
Doch es ging um mehr als die Darstellung. Das ständig wiederkehrende Thema in fast allen seinen Schriften waren die „Gefahren, denen das Selbst in Interaktion ausgesetzt ist." Das ist wohl auch der Grund, weshalb Williams die Soziologie Goffmans als die typische Soziologie des Menschen in der Massengesellschaft ("a protean sociology of the common man in mass society") bezeichnet hat.
Goffmans Soziologie kann hier nicht in ihrer Vielfalt ausgebreitet werden.
Ich werde mich nur auf vier Themen konzentrieren, um einen Einblick in
sein Werk zu geben. Ich behandele zunächst die Frage, wie Goffman arbeitet.
Das Stichwort heißt Perspektivenverschiebung. Dann werde ich in einem knappen
Überblick seine wichtigsten Arbeiten vorstellen und zeigen, daß sie vom
Wissen um die Gefährdung des Individuums geprägt sind. Im dritten Teil
wird das bekannteste Werk von Goffman „Wir alle spielen Theater" vorgestellt,
wobei vor allem die Frage behandelt wird, wie Repertoire und Requisiten
der Darstellung im Alltag aussehen. Das leitet dann über zu den höchst
prekären Anstrengungen, Identität zwischen Normalität und Einzigartigkeit
zu balancieren.
6.2 Was tut Goffman, wie tut er es? - Perspektivenverschiebung
Von Karl Mannheim wird berichtet, daß er seine Studenten manchmal in London in die Fleet Street mit der Aufforderung geschickt habe, Gesellschaft zu beobachten und später zu erzählen, was sie gesehen haben. Soweit ich weiß, hat Goffman eine solche Aufgabe nie gestellt. Doch das ganz Alltägliche, das hat ihn genau so interessiert. Aber er hat es selbst beobachtet und davon berichtet, und seine Phantasie, wo man das Alltägliche beobachten und wie man es beschreiben kann, war schier unerschöpflich. Oswald nennt Goffman einen "schreibbesessenen Soziologen, dessen hervorstechendste Eigenschaft darin besteht, sich mit dem Vertrautesten, Alltäglichsten und Banalsten zu beschäftigen und darin Ungewöhnlichstes, Abenteuerlichstes und Erregendstes zu entdecken."
Dahrendorf, der ein Vorwort zu dem ersten Buch von Goffman, das in Deutschland veröffentlicht wurde, geschrieben hat, rühmt diese Fähigkeit, die Wirklichkeit, wie wir sie alle zu kennen glauben, zu interpretieren: Goffman „ist gewiß Interpret und nicht Veränderer - aber er ist dies mit einer Sensibilität, wie sie in der Geschichte der Sozialwissenschaften selten war. Nicht zufällig ist der erste Autor, den Goffman zitiert, Georg Simmel. Hier finden wir ein ähnliches Talent, beobachtete Wirklichkeit transparent zu machen für die in ihr erkennbaren Strukturen; hier finden wir auch einen ähnlichen Sinn für das scheinbar abwegige Detail."
Dahrendorf attestiert Goffman einen Sinn für das Absurde. Doch dieses Absurde interessiert Goffman nur aus einem einzigen Grund: weil es unsere Annahmen über das Normale herausfordert. So schreibt er z. B. über sein Interesse an Kriminellen: „Das Entscheidende bei Kriminellen (ist) nicht, was sie tun und warum sie es tun. (..) Das Entscheidende ist vielmehr das Licht, das ihre Situation durch ihren Kontrast zu unserer auf das wirft, was wir tun." Mit der Methode des extremen Kontrastes zwingt er, sich der Bedingungen von Normalität zu vergewissern. Gouldner hat zu Recht daran erinnert, daß auch Webers Methode des Idealtypus eine „vergleichende Methode" war, „die sich eher extremer denn durchschnittlicher Fälle bediente."
Die Tradition dieses Interesses am Grotesken und Extremen reicht weit in die Romantik zurück. In der jüngeren Soziologie war es Goffman, der dieses Denken elegant vorgeführt hat. Er nahm den „Standpunkt des gewitzten Außenseiters" ein und betrachtete die Dinge anders als üblich. Kenneth Burke hat diese Strategie Perspektivenverschiebung genannt. Goffman hat diese Strategie zur zentralen Methode seiner Beschreibungen erhoben.
Diese Art zu denken hat die Methodendiskussion in der Soziologie nachhaltig beeinflußt. Das gilt sowohl für die Ethnomethodologie seit den 60er Jahren wie für die hermeneutischen Verfahren zur Analyse von Tiefenstrukturen des Sprechens und Handelns seit den späten 70er Jahren. Interessant ist, daß Goffman dabei nur selten explizit genannt wird, aber sein wohlwollendes Mißtrauen, daß das, was wir als die Wirklichkeit des Alltags hinnehmen, vielleicht nur Teil eines Schauspiels ist, hat Schule gemacht.
Doch trotz dieses indirekten Einflusses ist er bis heute nicht in das Zentrum einer Theoriediskussion gerückt. Zwar wurde er, wie ich oben berichtet habe, in „The Sociological Quarterly" seinerzeit als der „möglicherweise bedeutendste soziologische Theoretiker nach dem Zweiten Weltkrieg" bezeichnet, der entscheidend zum Aufblühen der phänomenologischen Soziologie beigetragen habe, doch müsse man feststellen, daß ihn die Fachwelt nur selten zur Kenntnis nehme. Daß sie es zumindest nicht explizit und schon gar nicht im Zusammenhang mit einer Theoriediskussion tut, hat Gründe. Da ist zum einen seine Art zu schreiben. Goffman ist „leicht zu lesen wegen seiner Beispiele und wegen seines schriftstellerischen Talents. Er ist schwer zu verstehen wegen der Komplexität seiner Analyse, wegen des differenzierenden Ausuferns seiner Konzepte, wegen der Verschlungenheit seiner Gedankenführung aufgrund einer Methode des häufigen Perspektivenwechsels." Soziologen, die die Reputation des Fachs über abstrakte Begrifflichkeit und systematische Analysen definieren, haben mit dieser Mischung aus „wissenschaftlicher Monographie und Roman" nach wie vor ihre Schwierigkeiten. Aber Dahrendorf warnt, diese Soziologie zu unterschätzen. Goffman gehört wie Simmel zu den Soziologen, die immer auch etwas ärgerlich für die Soziologie sind, da sie so „unprätentiös an die Grundlagen der Disziplin" herangehen, „daß man daran zu zweifeln beginnen könnte, ob diese Disziplin denn nun den literarischen oder den exakten Wissenschaften zuzuordnen ist." Man solle sich aber durch die „leichte, beinahe hingehauchte Darstellung" nicht „über den theoretischen Gehalt" täuschen lassen.
Der andere Grund, weshalb Goffman nicht in das Zentrum einer Theoriediskussion gerückt ist, hat damit zu tun, daß er selbst nie versucht hat, seine Theorie zu explizieren oder gar zu erläutern. Er ließ es einfach darauf ankommen, daß man ihn verstand - oder auch nicht. So hat er sich auch nur ein einziges Mal zu einer Kritik geäußert. Wenn er überhaupt den Wunsch gehabt hat, die Theoriediskussion zu befruchten, dann höchstens in der Weise, daß er die Soziologen neu sehen lehren wollte. So ist dann auch seine Präsidentschaftsansprache für das Jahr 1982 zu lesen, die er nicht mehr halten konnte. Dort bezeichnet er die Soziologen als theoretisch hohl und empirisch blind. Über den ersten Vorwurf kann man streiten, der zweite zeigt, worum es Goffman ging. Er wollte die Soziologie als Wissenschaft wieder zu ihren Voraussetzungen zurückführen, indem sie die Dinge mit Leidenschaft beobachtet und mit Distanz beschreibt.
Goffman hat das sein ganzes Leben getan, indem er hinter die Kulissen der Normalität blickte. Dieser Blick hinter die Dinge hat die soziologische Theorie beeinflußt, und es ist interessant, daß es gerade die am weitesten entwickelten komplexen soziologischen Theorien gewesen sind, die sich auf Goffman bezogen haben. Als Beispiele, die das Spektrum der Theorien markieren, seien nur Luhmann und Habermas erwähnt.
Kommen wir zum Schluß noch zu der Frage, an welchem soziologischen Thema denn Goffman seine Methode der Perspektivenverschiebung demonstriert. Er ist das soziale Handeln. Das behandelt er aus zwei theoretischen Richtungen. Er behandelt es aus der Richtung von Max Weber, den er zwar nur ganz vereinzelt zitiert, dessen Annahme von der Orientierung des Handelns am gemeinten Sinn ihn aber unverkennbar fasziniert haben muß. Und er behandelt es aus der Richtung von George Herbert Mead, dessen Annahme von der Rollenübernahme ihn ebenfalls ungemein interessierte. Beide Theorien verbindet er in einem Modell des dramaturgischen Handelns.
Habermas hat diesen Handlungsbegriff so beschrieben: „Der Begriff des dramaturgischen Handelns bezieht sich primär weder auf den einsamen Aktor noch auf das Mitglied einer sozialen Gruppe, sondern auf Interaktionsteilnehmer, die füreinander ein Publikum bilden, vor dessen Augen sie sich darstellen. Der Aktor ruft in seinem Publikum ein bestimmtes Bild, einen Eindruck von sich selbst hervor, indem er seine Subjektivität mehr oder weniger gezielt enthüllt. Jeder Handelnde kann den öffentlichen Zugang zur Sphäre seiner eigenen Absichten, Gedanken, Einstellungen, Wünsche, Gefühle usw., zu der nur er einen privilegierten Zugang hat, kontrollieren. Im dramaturgischen Handeln machen sich die Beteiligten diesen Umstand zunutze und steuern ihre Interaktion über die Regulierung des gegenseitigen Zugangs zur jeweils eigenen Subjektivität. Der zentrale Begriff der Selbstrepräsentation bedeutet deshalb nicht ein spontanes Ausdrucksverhalten, sondern die zuschauerbezogene Stilisierung des Ausdrucks eigener Erlebnisse."
Goffman betrachtet soziales Handeln als Schauspiel, in dem Webers Annahme in die Richtung der Manipulation des zu meinenden Sinns weiterentwickelt und Meads Annahme in der Richtung der kalkulierten Wirkung gedacht wird. Darauf werde ich gleich unter dem Stichwort der „Eindruckskontrolle" eingehen.
Man kann vermuten, daß es auch die gerade angedeutete Art der Weiterführung der Theorie von Mead gewesen ist, die Soziologen erschreckt hat. Als Beispiel für jemanden, der sich die Anwendung der Theorie des Symbolischen Interaktionismus wohl etwas anders vorgestellt hatte, will ich Heinz Steinert zitieren, der Goffman durchaus freundlich gegenüber steht und für die Verbreitung der Theorie des Symbolischen Interaktionismus in Deutschland entscheidendes geleistet hat. Er schreibt: „Bei Goffman hat sich das Meadsche Paradigma insofern weiterentwickelt, als er nicht mehr von einem nach der Sozialisation gegebenen Konsens zwischen den Akteuren ausgeht, sondern von sozialen Zumutungen und vorgegebenen Handlungsversatzstücken, mit denen der Akteur mehr oder weniger (bei Goffman meist mehr) raffiniert umgeht, um aus der jeweiligen Situation noch das Beste herauszuholen." Es ist eine Welt von Schauspielern, die Goffman vor uns ausbreitet. Steinert fährt fort: „Das Paradigma ist auch insofern weitergekommen, als Goffman, verglichen mit Mead, viel genauer Bescheid weiß über die Tricks im Handwerk des täglichen Lebens. Er schaut immer noch zu, aber er staunt nicht mehr. Er weiß, wie es gemacht wird, und das beschreibt er kühl und distanziert."
Goffman beobachtet wie ein Fremder, und er nutzt die spezifischen Möglichkeiten, die der Fremde hat. Georg Simmel hat sie in seinem berühmten Exkurs beschrieben. Er verstand den Fremden als jemanden, der heute von außen kommt und morgen bleiben wird. Der Fremde wird Teil der Gruppe und legt doch die Erfahrung von etwas anderem nie ab. Diese Synthese von Nähe und Ferne verleiht ihm die „besondere Attitüde des Objektiven" , er ist keiner einzigen Sicht auf die Dinge verpflichtet, sondern kann alle aus der gleichen Distanz prüfen. Deshalb hat Simmel Objektivität auch als Freiheit bezeichnet. Goffman ist der Fremde, der schon immer in dieser Gesellschaft gelebt hat, aber frei ist, das, was als normal gilt, so zu betrachten, als ob es ganz anders sein könnte. Mit dieser Kunst der Beobachtung hat er viele belustigt, andere irritiert. Der Soziologie hat er damit wieder ein Stück Aufklärung zugeschrieben.
Deshalb kann man die Frage, was Goffman mit seinen Beschreibungen will, auch ganz anders beantworten: weil Goffman die Freiheit des Objektiven beanspruchte und eine Methode beherrschte, hinter die Dinge zu sehen, konnte er sich auch einem soziologischen Grundproblem zuwenden, der Frage, in welchem Verhältnis das Individuum zur Gesellschaft und den vielen anderen steht. Goffmans Antworten handeln von der vielfältigen Bedrohung des Selbst in der Moderne.
Als Ralf Dahrendorf im Jahre 1969 sein Vorwort zu der deutschen Veröffentlichung von „The presentation of self" schrieb, fühlte er sich an den totalen Ideologieverdacht bei Karl Mannheim erinnert. Bei Goffman sah er den „totalen Rollenverdacht". Wie nach Mannheim Denken gar nicht anders möglich ist als Denken von einem bestimmten Standpunkt aus, so ist Handeln nicht anders möglich als Handeln in Rollen. Dieser „totale Rollenverdacht" erinnerte natürlich an das Bild von der „ärgerlichen Tatsache der Gesellschaft" , das Dahrendorf selbst in seiner Studie über den „Homo sociologicus" gebraucht hatte. Doch der Unterschied zwischen dem Goffman unterstellten totalen Rollenverdacht und der Lesart, die Dahrendorf dem Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft erhalten möchte, sieht so aus: „Goffman spricht mehr von den Zwängen als von den Chan-cen". Nach der Lektüre falle es schwer, noch Möglichkeiten zu sehen, „aus der totalen Institution Gesellschaft" auszubrechen. Damit war eine fast resignative Lesart in die Welt gesetzt, die in der deutschen Diskussion über Goffman lange Zeit die einzige bleiben sollte.
Zu dieser Lesart paßte auch ein zweites prominentes Urteil, das Alvin W. Gouldner in seiner Generalabrechnung mit der westlichen Soziologie abgab. Danach beschreibe Goffman die Überlebensstrategien der Angehörigen der Mittelklasse, die „eifrig an einer Illusion des Selbst" basteln, obwohl sie wissen, daß sie den gesellschaftlichen Verhältnissen unterlegen sind. Diese bürgerliche Welt des impression management „wird von ängstlichen, außengeleiteten Menschen mit feuchten Händen bewohnt, die in der permanenten Angst leben, von anderen bloßgestellt zu werden oder sich unabsichtlich selbst zu verraten." Mit diesem Urteil wurde Goffman direkt in das Erbe von David Riesman eingesetzt, der Anfang der 50er Jahre mit seiner These von der Außenleitung dem Individuum in Amerika jegliche Illusion von Freiheit und Einzigartigkeit geraubt hatte. Doch schärfer als bei Riesman, der unter Außenleitung ein Verhalten verstand, das Erich Fromm als Marktorientierung bezeichnet hatte, entlarvt sich für Gouldner in den Beschreibungen Goffmans die moralische Seite dieses Verhaltens: Während Riesman den Übergang von einer religiös motivierten Innenleitung zu einer Anpassung um der Anerkennung willen beschrieb, beschreibt Goffman nach der Meinung Gouldners den Übergang von „Menschen mit einem in sich ruhenden calvinistischen Gewissen zu Spielern, die nicht gemäß innerer Einsicht, sondern in schlauer Antizipation der Reaktion anderer auf eine raffinierte Methode ‘einsteigen’." Einsteigen, so muß man wohl ergänzen, in das Schauspiel auf der Bühne des Lebens. Zu dieser Lesart paßte der deutsche Titel „Wir alle spielen Theater" natürlich hervorragend!
Es ist schwer, gegen diese Lesarten eine andere zu setzen, zumal auch die Soziologen, die sich strenger Systematik und abstrakter Analyse verpflichtet fühlen, aus den gerade genannten Gründen wenig an einer Revision des Bildes von Goffman interessiert sind. Um so höher ist der Versuch von Hans Oswald zu bewerten, Goffman vor dem Verdacht, er beschreibe die Tricks und Betrügereien des Lebens und heiße sie gut, zu schützen. In seinem Nachruf stellt er die These auf, Goffman sei durch das Wissen um die Bedrohtheit des Selbst in der Interaktion angetrieben gewesen.
Unter dieser Perspektive versuche ich nun in einem kurzen Überblick über die wichtigsten Arbeiten Goffmans zu belegen, daß er der Soziologe war, der von der Gefährdung des Individuums wußte und deshalb immer aufs Neue beschrieb, wie Menschen sich in ihrem Alltag zu schützen versuchen - vor der Gesellschaft und vor den vielen anderen. Daß er dabei auch beschreiben mußte, wie die Gesellschaft und ihre Institutionen versuchen, Identität auf eine bestimmte Funktionalität „hinzubiegen", liegt auf der Hand. Interessanterweise stand just diese Frage am Beginn seiner Soziologie.
In dem Aufsatz „On cooling the mark out", der im Jahre 1952 in der Zeitschrift „Psychiatry" erschien, behandelt Goffman das Problem, wie Individuen, die aus bestimmten Gründen gesellschaftlich versagt haben, dazu gebracht werden, ihr Versagen zu akzeptieren und sich auf Restchancen, die die Gesellschaft und die dafür vorgesehenen Institutionen definieren, zu beschränken. Versagen versteht Goffman in dem Sinne, daß jemand eine Rolle, die ihm wichtig ist, verliert oder nicht erreichen kann. „Kühlung" ist ein Prozeß der Anpassung an eine unmögliche Situation. Damit ist gemeint, daß jemand seine Identität aus einer Situation definiert, der er nicht mehr oder noch nicht gerecht wird. Gouldner hat die Funktion der Abkühlung so verstanden, „Verlierer mit ihren Niederlagen zu versöhnen." Aus der Sicht einer strukturfunktionalen Theorie gesellschaftlicher Ordnung wäre es dann eine notwendige Funktion, individuelle Ansprüche und Mittel und gesellschaftliche Erwartungen und Ziele wieder in ein Gleichgewicht zu bringen.
Abkühlung ist aber nicht nur ein Prozeß der nachträglichen Korrektur, indem z. B. ein Schulversager an seine wirkliche Leistungssituation angepaßt wird, sondern ist auch ein vorbereitender Prozeß, indem z. B. ein Jugendlicher seine Eltern langsam darauf vorbereitet, daß er über kurz oder lang das Elternhaus verlassen wird und dann seine Rolle als behütetes Kind aufgeben wird. Abkühlung ist ein Prozeß der Dämpfung von Erwartungen. Er soll das Zerbrechen der Identität verhindern.
In dem frühen Aufsatz mit dem Titel „Face-work" (1955), den Goffman noch in Chicago geschrieben hat, geht es um die Strategien, die Menschen einsetzen, um ein bestimmtes Gesicht (face) zu wahren oder zu vermitteln. Das beinhaltet, einen guten Eindruck, den man zu machen glaubt, zu bestätigen bzw. einen schlechten zu korrigieren. Da das Individuum in Interaktionen auftritt, sind diese Versuche auch gebunden an die Kooperation der anderen. Face ist zum einen das Selbstbild, dann aber auch das Bild, das das Individuum glaubt, in den Augen der anderen zu haben. Dieses zweite Bild wurde in der deutschen Fassung als „Image" bezeichnet. Deshalb trägt der Aufsatz über face-work auch den Titel „Techniken der Imagepflege". Selbstbild und Image können in Widerspruch zueinander geraten, weshalb das Individuum darauf bedacht sein muß, das, was einem gewünschten Bild widerspricht, zu kaschieren. Dazu gehört auch die Technik, die Goffman später ausführlich als Trennung zwischen Bühne und Kulisse beschreiben wird.
Das Buch „Asylums. Essays on the social situation of mental patients and other inmates" (1961) ist das Ergebnis einer mehrjährigen Arbeit als visiting scientist in einer psychiatrischen Klinik. In diesem Buch beschreibt Goffman Menschen in Institutionen, in denen ihnen die Mittel zur Darstellung ihrer Identität genommen werden. Das Buch handelt aber nicht nur von der „totalen Institution" einer psychiatrischen Klinik, sondern von der ganz normalen Ausschaltung von Identität durch einen Apparat und von den Versuchen der Insassen, ihre Identität zu erhalten oder neu zu finden. Das erfolgt zum Teil in Konsens mit der Institution, zum Teil aber auch gegen die offiziellen Regeln, indem sich z. B. ein „underlife" organisiert. Wie das erfolgt und was die Funktion dieser zweiten Ebene des Verhaltens in einer totalen Institution ist, ist in den Berichten von Überlebenden aus Konzentrationslagern niedergelegt. Eine eindringliche Beschreibung dieses underlife, die nur auf den ersten Blick amüsant ist, bringt der Film „Einer flog über das Kuckucksnest".
Der Aufsatz über „Rollendistanz" aus dem Jahre 1961 dürfte zum Kernbestand aller soziologischen Reader weltweit gehören. Interessanterweise hatte Goffman den Begriff der Rollendistanz in seinem zentralen Werk „Wir alle spielen Theater", das zwei Jahre vorher erschienen war, eher beiläufig erwähnt. Der Gedanke muß ihn aber so fasziniert haben, daß er kurz darauf einen ganzen Aufsatz dazu verfaßt hat. Da das Thema aber unter meiner Lesart zu Goffman - Vorkehrungen gegen die Gefährdung des Individuums in der Gesellschaft - besser in die Darstellung der Strategien auf der Bühne des Lebens paßt, werde ich das Thema Rollendistanz vor allem dort behandeln. Deshalb fasse ich hier auch nur die zentrale Frage zusammen, der Goffman in diesem berühmten Aufsatz nachgeht, kurz zusammen.
In dem Aufsatz „Rollendistanz" geht es um die Frage des Individuums nach der Legitimität der Erwartungen, denen es sich in einer bestimmten Rolle ausgesetzt sieht. Für Parsons war das eine nachrangige Frage, weil er in einer gelungenen Sozialisation die Voraussetzungen dafür gelegt sah, daß das Individuum freiwillig das tut, was es tun soll. Für Goffman ist es die vorrangige Frage, inwieweit die Zumutungen der Gesellschaft die Darstellung der Identität stören. Um zu zeigen (oder wenigstens zu beanspruchen), daß man anderes und mehr ist als in der Rolle erwartet und ermöglicht wird, distanziert sich das Individuum von der Rolle. Rollendistanz heißt nicht Verweigerung oder Unfähigkeit, sondern im Gegenteil die hohe Kompetenz, souverän mit einer Rolle umzugehen.
Das Buch „Stigma" trägt den Untertitel „Notes on the management of a spoiled identity". Stigma ist das griechische Wort für „Stich" oder „Brandmal". In der Soziologie versteht man darunter sichtbare oder soziale Merkmale, mit denen Menschen aus der Gruppe der „Normalen" ausgesondert werden. Ein Beispiel für ein sichtbares Stigma ist eine auffällige Behinderung, ein Beispiel für ein soziales Stigma ist der Beruf der Prostituierten. Was als Stigma gilt, ist von Gesellschaft zu Gesellschaft verschieden. Immer aber ist ein Stigma mit Diskriminierung verbunden. Stigmatisierte müssen versuchen, mit dieser Diskriminierung fertig zu werden. Dazu bieten sich verschiedene Techniken an. Man kann seine Behinderung verbergen, man kann sie aber auch so stark herausstellen, daß sie wie eine normale Bedingung für normales Verhalten erscheint. Ein Beispiel für diese scheinbar paradoxe Strategie ist der Rollstuhlfahrer, der an der Ampel mit den Worten drängelt: „Nun laßt mich mal vor, denn schließlich bin ich nicht so flink wie Ihr!" An diesem Beispiel wird die doppelte Funktion der Techniken zur Bewältigung einer beschädigten Identität deutlich: sie dienen der Sicherung oder Wiederherstellung der eigenen Identität, und sie schaffen für die anderen die Voraussetzungen, daß sie sich „ganz normal" verhalten können. Gerade Körperbehinderte müssen oft so tun, als ob sie eigentlich ganz normal sind, damit diejenigen, die nicht recht wissen, wie sie mit den Behinderten umgehen sollen, so tun können, als ob sie sie wie normale Menschen behandeln. Diese verwickelte Konstruktion des mehrfachen „als ob" zeigt, welche Identitätsarbeit zu leisten ist und wo sie permanent bedroht ist. Die Sache ist auch nicht einfacher, wo es nicht um sichtbare, sondern soziale Stigmata geht. Wenn jemand z. B. sexuelle Bedürfnisse hat, die man in seinem Bekanntenkreis nicht gutheißen würde, dann tut er gut daran, sie in einer fremden Stadt zu befriedigen. Bedroht ist seine Identität, weil er immer damit rechnen muß, daß er diskreditiert werden kann. Informationskontrolle und Techniken der Täuschung sind notwendig, um das Schlimmste zu verhindern.
Die von Goffman so genannten „Microstudies of the public order", die er im Jahre 1971 unter dem Titel „Relations in public" veröffentlichte (dt. Das Individuum im öffentlichen Austausch, 1974) fügen den bisher behandelten Aspekten u. a. das Thema des Territoriums hinzu. Jedes Individuum beansprucht einen Raum, über den es frei verfügen will. Das ist z. B. der Abstand, den wir in einem Aufzug von den anderen gewahrt sehen wollen, das kann aber auch der eigene Schreibtisch sein, den ein anderer auf keinen Fall aufräumen darf. Territorien sind symbolische Räume zur Erzeugung und Sicherung der Identität. Sie dienen dem Auftritt des Individuums vor anderen, aber auch zum Rückzug vor den anderen. Territorien sollen Distanz und Nähe zugleich herstellen. Deshalb müssen auch die Grenzen deutlich markiert werden. Wo die Grenzen verletzt worden sind, muß man wissen, wie die Sache zu heilen ist, z. B. in Form von Entschuldigungen und Erklärungen.
Das letzte Buch, das Goffman im Jahre 1974 veröffentlicht hat, trug den Titel „Frame-Analysis". Manche sehen in diesem Buch einen Bruch in der Entwicklung der Soziologie Goffmans, doch die sorgfältige Analyse von Robert Hettlage macht deutlich, daß Goffman hier alles einbezieht, was er bis dahin bedacht hat, das aber mit einer aktuellen soziologischen Diskussion verbindet, die er selbst mit seinen Analysen befruchtet hatte. Goffman hat sein Buch als „Essay on the organization of experience" bezeichnet. In der deutschen Übersetzung lautet der Untertitel für die „Rahmenanalyse": „Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen." Diese Übersetzung ist insofern glücklich gewählt, weil darin angedeutet wird, auf welche soziologische Diskussion sich Goffman bezieht: auf die phänomenologische Soziologie von Alfred Schütz und die Ethnomethodologie von Harold Garfinkel. Will man den Kerngedanken dieses umfangreichen Werkes in wenigen Sätzen zusammenfassen, dann kann man das in den Worten von Goffman selbst tun. Er schreibt: „Mir geht es um die Situation, um das, dem sich ein Mensch in einem bestimmten Augenblick zuwenden kann; dazu gehören oft einige andere Menschen und mehr als die von allen unmittelbar Anwesenden überblickte Szene. Ich gehe davon aus, daß Menschen, die sich gerade in einer Situation befinden, vor der Frage stehen: Was geht hier eigentlich vor? Ob sie nun ausdrücklich gestellt wird, wenn Verwirrung und Zweifel herrschen, oder stillschweigend, wenn normale Gewißheit besteht - die Frage wird gestellt, und die Antwort ergibt sich daraus, wie die Menschen weiter in der Sache vorgehen. Von dieser Frage also geht das vorliegende Buch aus, und es versucht ein System darzustellen, auf das man zur Beantwortung zurückgreifen kann." Rahmen sind die implizit vorgenommenen oder explizit genannten Definitionen der Situation. Bei Max Weber ist das unter dem Begriff der Orientierung am gemeinten Sinn, bei Alfred Schütz unter dem Begriff der Motivation des Handelns behandelt worden.
Soeffner versteht die Rahmen als „soziale Darstellungsformen, mit deren Hilfe die Gesellschaftsmitglieder sich gegenseitig anzeigen, in welchen erkennbaren, weil typisierbaren Handlungszusammenhängen sie sich gemeinsam mit ihren jeweiligen Interaktionspartnern zu befinden glauben." Goffman behandelt das Zusammenspiel zwischen den Interaktionspartnern unter dem Aspekt, wie sie auf der Bühne des Lebens voreinander und füreinander die Rahmen definieren, die gelten sollen. Diese Strategien, die natürlich selten bewußt sind, dienen dazu, daß jeder seine Identität ins Spiel bringen kann und verhindert, daß sie falsch definiert wird. Insofern ist die „innere Organisation unseres Wissens um die Ordnung der Wirklichkeit" auch eine Organisation der sozialen Identität im Alltag.
Als Goffman in seiner Präsidentschaftsadresse 1982 auf seine Arbeit zurückblickte, nannte er als durchgängiges Thema sein Interesse an der „Interaction order" (1983). Das war dann auch der Titel seines letzten Beitrags für die Soziologie, der erst nach seinem Tode erschien. Die Ordnung der Interaktion, das ist Ordnung, die face-to-face gilt. Diese Ordnung ist zum einen das Ergebnis von Strukturen, die unabhängig von den Individuen existieren, sie ist aber auch das Produkt der gemeinsamen Definition der Regeln, die gelten sollen. Es sind die Regeln, die sich die Individuen gegenseitig anzeigen, um zu zeigen, wer sie sind bzw. wer sie nicht sein wollen.
Dieser Überblick, ich sagte es einleitend, stand unter der Lesart, daß Goffman der Soziologe war, der von der Gefährdung des Individuums wußte und deshalb immer aufs Neue beschrieb, wie Menschen sich in ihrem Alltag zu schützen versuchen - vor der Gesellschaft und vor den vielen anderen. „Für Goffman ist das Leben nicht Betrug, es geht vielmehr um interaktive Vorkehrungen, um soziale Erfindungen, die den Verletzbaren schützen." Dem möchte ich nur hinzufügen: Betrug ist das Leben nicht, aber leicht zu durchschauen ist es auch nicht. Daß es aber dennoch ganz spannend ist, will ich nun zeigen, indem ich mich Goffmans berühmtestem Buch „Wir alle spielen Theater" zuwende.
6.4 The presentation of self in everyday life - Wir alle spielen Theater
Die Grundannahme des Buches „The presentation of self in everyday life" erschließt sich aus einem Zitat und aus einer lakonischen Aussage. Das Zitat stammt von einem der Gründerväter der amerikanischen Soziologie, Robert Ezra Park (1864-1944). Park war nach seinem Studium, das ihn auch nach Deutschland geführt hatte, zunächst Zeitungsreporter. Seine Art der scheinbar unsystematischen Beobachtung („nosing around") und der anhaltenden Neugier auf die alltäglichen Ereignisse hat wesentlich zu der lebendigen Sozialforschung in den USA beigetragen. Auf Park bezieht sich Goffman mit einem bemerkenswerten Zitat. Park schreibt: „Es ist wohl kein historischer Zufall, daß das Wort Person in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Maske bezeichnet. Darin liegt eher eine Anerkennung der Tatsache, daß jedermann überall und immer mehr oder weniger bewußt eine Rolle spielt. (..) In diesen Rollen erkennen wir einander; in diesen Rollen erkennen wir uns selbst. In einem gewissen Sinne und insoweit diese Maske das Bild darstellt, das wir uns von uns selbst geschaffen haben - die Rolle, die wir zu erfüllen trachten -, ist die Maske unser wahreres Selbst (truer self): das Selbst, das wir sein möchten. Schließlich wird die Vorstellung unserer Rolle zu unserer zweiten Natur und zu einem integralen Teil unserer Persönlichkeit. Wir kommen als Individuen zur Welt, bauen einen Charakter auf und werden Personen."
Die lakonische Aussage, die schon eingangs zitiert wurde, lautet: „Zusammenfassend läßt sich sagen, daß ein Einzelner, wenn er vor anderen erscheint, zahlreiche Motive dafür hat, den Eindruck, den sie von der Situation empfangen, unter Kontrolle zu bringen. Diese Untersuchung befaßt sich mit einigen der üblichen Techniken, die angewandt werden, um hervorgerufene Eindrucke aufrechtzuerhalten, und mit einigen häufigen Folgeerscheinungen, die mit der Anwendung derartiger Techniken verbunden sind."
Das Zitat von Park muß man so verstehen, daß wir unsere Masken nicht zufällig wählen, sondern wir wählen solche, die uns so präsentieren, wie wir sein wollen. Das ist wohl auch der Grund, weshalb Goffman von „presentation" spricht. Den Gedanken kann man fortspinnen: Nicht wie wir erscheinen, sondern wie wir erscheinen wollen, das sagt etwas über uns. So heißt es bei dem Philosophen Friedrich Nietzsche: „Alles, was tief ist, liebt die Maske." Das ist der Grund, weshalb Goffman sich so sehr für das Schauspiel interessiert, das wir voreinander aufführen. Doch dieses Interesse bleibt nicht bei der Kunst der Aufführung stehen, sondern zielt auf die Botschaft, die die Schauspieler mit der Aufführung bewußt vermitteln wollen oder unbewußt vermitteln. Gerade diese Differenz fasziniert Goffman, weshalb er auch den Pannen auf der Bühne besondere Aufmerksamkeit schenkt. Es ist das gleiche Interesse, mit dem Sigmund Freud an den Brüchen im Sprechen ansetzte, um Tiefenstrukturen zu erkunden. Goffman ist neugierig auf das, was sich hinter der Maske tut und was vor und nach der Aufführung passiert. Während Nietzsche noch mahnte, „es gehöre zur feineren Menschlichkeit, Ehrfurcht vor der Maske zu haben und nicht an falscher Stelle Psychologie und Neugierde zu betreiben" , will Goffman genau von dieser Neugierde nicht ablassen. Er will wissen, wie die Menschen spielen und was sie spielen. Ehrfurcht vor den Masken hat er nur insofern, als er keine Maske und keine Rolle anders bewertet als jede andere. Das moralische Urteil ist nicht die Sache seiner Soziologie, sondern nur „die formale soziologische Analyse".
Im Zentrum des Buches „Wir alle spielen Theater" stehen die beiden Kapitel „Darstellungen" und „Die Technik der Eindrucksmanipulation". Auf sie werde ich mich im wesentlichen konzentrieren, da dort die Themen behandelt werden, um die es Goffman in seiner ganzen Soziologie immer wieder geht.
Unter einer Darstellung („performance") versteht Goffman das Gesamtverhalten, das jemand vor anderen zeigt und das diese andere beeinflußt. Die soziologische Analyse dieser Darstellungen beginnt Goffman nun mit einer Frage, in die der Zweifel an der Wahrheit des Schauspiels gleich zweifach eingebaut ist. Normalerweise nehmen wir an, daß der einzelne, wenn er eine Rolle spielt, die Zuschauer auffordert, ernst zu nehmen. Sie sollen denken, „es verhalte sich alles so, wie es scheint". Wenn es ihm gelingt, uns in den Bann zu schlagen, halten wir ihn für einen guten Schauspieler. Erst lange nach der Vorstellung lösen wir uns von der Faszination einer Illusion und machen uns klar, daß es nicht die Wirklichkeit war, sondern „nur" ein Schauspiel. Das ist der erste Zweifel, in dem wir entdecken, daß jemand für uns gespielt hat. Goffman stellt nun die Frage genau von der anderen Seite und untersucht, „wieweit der Einzelne selbst an den Anschein der Wirklichkeit glaubt, den er bei seiner Umgebung hervorzurufen trachtet." Das ist der zweite Zweifel, in dem wir vielleicht entdecken, daß der andere nicht für uns, sondern für sich gespielt hat. Das habe ich gemeint, als ich oben Pirandello zitierte: Niemand wählt seine Maske zufällig. Das meinte Park, als er sagte: die Maske ist unser wahreres Selbst.
Es gibt Darsteller, die vollständig von ihrer Darstellung gefangengenommen sind und ehrlich überzeugt sind, wirkliche Realität darzustellen. Und es gibt Darsteller, die von ihrer Rolle keineswegs überzeugt sind und sich bis zum Zynismus steigern, wenn sie ihre Rolle weiterspielen.
Darstellung bezeichnet das Gesamtverhalten vor anderen. Den Teil der Darstellung des einzelnen, „der regelmäßig in einer allgemeinen und vorherbestimmten Art dazu dient, die Situation für das Publikum der Vorstellung zu bestimmen", nennt Goffman Fassade („front"). Es ist „das standardisierte Ausdrucksrepertoire, das das Individuum bewußt oder unbewußt verwendet." Dazu gehört zum einen das Bühnenbild, der gestaltete Raum, in dem wir auftreten. Ein solcher Raum ist z. B. unsere Wohnung, das Auto oder das Lokal, das wir am liebsten besuchen. Dazu gehört zweitens die „persönliche Fassade". Dazu zählen Statussymbole, Kleidung, Geschlecht, Körperhaltung oder die Art zu sprechen. Schließlich gibt es noch „soziale Fassaden", worunter man die sozialen Erwartungsmuster versteht, die mit einer bestimmten Rolle verbunden sind. Dazu gehören zum Beispiel die festen Vorstellungen, wie „man" sich in dieser Gesellschaft als Arzt oder als Mutter zu verhalten hat.
Auf einer Polenreise erinnerte sich der amerikanische Präsident Bush
seinerzeit an ein Wort von Woody Allen, wonach 90 Prozent des Lebens darin
bestünden, sein Gesicht zu zeigen. Man kann vermuten, daß Woody Allen nicht
das „wahre Gesicht" gemeint hat, sondern die Fassaden, von denen Goffman
spricht, und daß er dieses „Zeigen" durchaus für anstrengend gehalten hat.
Wie wir nicht alle Masken wählen können, so können wir auch nicht alle
Fassaden wählen. Das ist keine Frage der Quantität, sondern eine der Qualität.
Da Fassaden etwas bedeuten, kommen jeweils nur die in Frage, die das, was
zum Ausdruck gebracht werden soll, in typischer Weise zum Ausdruck
bringen. Goffman vermutet, daß es in der Entwicklung von Gesellschaft dazu
gekommen ist „eine große Anzahl verschiedenartiger Handlungen durch eine
kleine Anzahl von Fassaden darzustellen." Dies belegen z. B. die Studien
von Radcliffe-Brown über das Verwandtschaftssystem in großen Gemeinschaften,
in denen eine Clan-Aufspaltung vorgenommen wird, „um ein weniger kompliziertes
System der Identifizierung und Verhaltensweise zu schaffen."
Diese Reduzierung auf typische Verhaltensweisen und entsprechende Fassaden,
die alle kennen, die in dieser Gesellschaft groß geworden sind, macht die
Erwartung der Zuschauer sicherer: sie brauchen nur mit einem „kleinen und
infolgedessen handlichen Vokabular von Fassaden vertraut sein und auf sie
zu reagieren wissen, um sich in sehr verschiedenen Situationen orientieren
zu können." Wie an anderer Stelle gezeigt, hat C. Wright Mills das
treffend Motivvokabularien genannt: „Die Menschen unterscheiden Situationen
mit spezifischen Vokabularien, und nach diesen Vokabularien antizipieren
sie die Konsequenzen ihres Handelns."
An dieser Stelle wird schon deutlich, daß die Wahl und die Konstruktion der Fassaden auch von dem abhängt, was man in einer Gesellschaft in dieser Hinsicht erwartet. Das meinte Goffman mit dem Begriff der sozialen Fassaden. Die stereotypen Erwartungen an eine soziale Fassade können dazu führen, daß die Fassade institutionalisiert wird. Sie wird unabhängig von bestimmten Aufgaben. „Die Fassade wird zu einer 'kollektiven Darstellung' und zum Selbstzweck." Das bedeutet auch, daß der Darsteller einer etablierten Rolle auch eine bestimmte Fassade übernehmen muß: Fassaden werden „meist gewählt und nicht geschaffen". Sie sind Teil der dramatischen Gestaltung.
Wenn jemand auf der Bühne des Lebens auftritt, kann man unterstellen, daß er wahrgenommen werden will. Das gilt selbst für den, der sich bescheiden im Hintergrund hält oder vor Schüchternheit umkommt. Zur conditio humana gehört, daß der Mensch wahrgenommen werden muß, um sich seiner selbst überhaupt vergewissern zu können. Ebenso unbestritten ist, daß der Mensch durch sein Handeln nicht nur auf die Natur, sondern auch auf die anderen Menschen einwirkt. Wie Alfred Schütz zeigt, ist schon die Wahrnehmung Handeln, und die Wahrnehmung der Wahrnehmung durch andere ist ebenfalls Handeln. Auch die Beobachtung der anderen ist Handeln, und zu wissen, daß man selbst beobachtet wird, setzt ein bestimmtes Handeln in Gang. So ungefähr kann man den Hintergrund für die Annahme der dramatischen Gestaltung des Handelns in der Theorie von Goffman skizzieren. Ich sage „so ungefähr", weil dieses Kapitel merkwürdig diffus ist. Das liegt auch an daran, daß die Beispiele, an denen Goffman erläutern will, worum es geht, in der Luft hängen.
Vielleicht kann man die Argumentation Goffmans so zusammenfassen: wenn jemand vor anderen etwas tut, dann ist er bemüht, dabei auch noch anderes zum Ausdruck zum bringen. Er verweist auf etwas, das dem sichtbaren Handeln eine ganz bestimmte Bedeutung verleihen soll. Das nennt Goffman dramatische Gestaltung. Er schreibt: „Vor anderen durchsetzt der Einzelne gewöhnlich seine Tätigkeit mit Hinweisen, die bühnenwirksam ihn bestätigende Tatsachen illustrieren und beleuchten, welche sonst unbemerkt oder undeutlich bleiben könnten." Bestätigung heißt, daß ein bestimmtes Bild, das der Handelnde von sich erzeugen will, unterstrichen wird. Manchmal geht es sogar darum, ein bestimmtes Bild erst zu erzeugen, das sonst unsichtbar bliebe. Dabei geht es gar nicht einmal um geheimnisvolle Hintergründe, sondern im Gegenteil um Handeln, dem wir wegen seiner Normalität normalerweise keine Aufmerksamkeit schenken. Das kann man sich am Beispiel eines Klempners klar machen. Einiges von dem, was er tut, kennt jeder, und jeder kann es einsehen. Um nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, das, was er tut, könne jeder, wird er vielleicht zuerst einmal die Stirn in Falten legen, das Problem in verschiedene Richtungen kommentieren usw. Eine andere Strategie ist, die Arbeit, die die Klempner von der anderen Firma geleistet haben, schlecht zu machen. Auf diese Weise wird fachliche Kompetenz dramatisch zum Ausdruck gebracht. Das rechtfertigt dann auch einen hohen Arbeitslohn und stellt den richtigen Abstand zum Hobbyklempner her.
Dramatische Gestaltung dient auch dazu, „unsichtbare Kosten in sichtbare zu verwandeln." Diese Strategie erläutert Goffman am Beispiel des Leichenbestatters. Dessen Arbeit ist nicht sichtbar. Gleichwohl wissen wir, daß sie nicht sehr angenehm ist. Jedenfalls möchten wir sie nicht machen. Der Leichenbestatter weiß das natürlich auch, und er belegt diese Einschätzung seiner unsichtbaren Kosten z. B. durch einen hohen Preis für einen Sarg. Ausschlaggebend für den Preis ist weder das Material noch der Arbeitslohn, sondern die Verrechnung der Leistungen, die er aus Rücksicht auf die Trauernden nicht benennen kann. Das Problem, unsichtbare Kosten in sichtbare zu verwandeln, stellt sich aber auch für Berufe, die gesellschaftlich hoch anerkannt sind, bei denen aber auch die meisten nicht recht wissen, was da eigentlich gemacht wird. Politiker lösen dieses Problem, indem sie auf ihre gesellschaftliche Verantwortung verweisen, manche Wissenschaftler, indem sie in einer Sprache reden, die kein normaler Mensch versteht.
Eine dritte Form der dramatischen Gestaltung könnte man als stellvertretendes Schauspiel bezeichnen. Goffman stellt fest, daß viele, die ihre Aufgaben gut erfüllen, keine Zeit oder nicht das Talent haben, den anderen zu zeigen, wie gut sie sie erfüllen. Bei manchen Berufen wird das über hohe Honorare oder feste Gebührensätze geregelt. In manchen Betrieben werden eigens Leute eingestellt, die die Arbeit der anderen, die nicht sichtbar ist, vor Augen führen. Presseabteilungen haben genau diese Funktion. Nach außen sollen sie unsichtbare Kosten in sichtbare verwandeln, nach innen sollen sie vermitteln, daß die unsichtbare Arbeit von denen draußen auch zur Kenntnis genommen wird.
Dramatische Gestaltung, das dürfte klar geworden sein, dient dazu, das Besondere in einer Rolle zum Ausdruck zu bringen. Es geht also um die besondere Leistung in einer Rolle. Es kann aber auch sein, daß das gesamte Verhalten in einer bestimmten Weise stilisiert wird. Stilisierung meine ich in dem Sinne, wie Max Weber von der Stilisierung des Lebens spricht, die einen bestimmten Stand auszeichnet. Goffman nennt dieses Verhalten Habitus. Es ist eine Kultivierung von Tätigkeiten, durch die soziale Abstände hergestellt werden.
Die dramatische Gestaltung ist „eine Methode, durch die eine Darstellung ‘sozialisiert’, das heißt dem Verständnis und den Erwartungen der Gesellschaft, vor der sie stattfindet, angepaßt wird." Die dramatische Gestaltung des Verhaltens muß sich der Fassaden bedienen, die die Zuschauer kennen. Nur dann kann man auch die eigene Besonderheit zum Ausdruck bringen. Goffman zeigt nun, daß Darsteller die Tendenz haben, die Werte, die hinter ihrem Verhalten und den Erwartungen der Zuschauer stehen, dramatisch zu steigern. Goffman nennt das Idealisierung. Diese Meinung ist natürlich nicht neu. Für Charles Horton Cooley (1864-1929), auf den sich Goffman beruft, scheint es sogar ein allgemein menschlicher Impuls zu sein, „der Welt einen besseren oder idealisierten Aspekt unserer selbst zu zeigen." Solche Verhaltensformen, durch die offizielle Werte in vorbildlicher und verbindlicher Weise zum Ausdruck gebracht werden, hat Durkheim als Rituale bezeichnet. Sie stellen eine „ausdrückliche Erneuerung und Bestätigung der Werte der Gemeinschaft" dar. Zeremonien haben die gleiche Funktion, bestimmte Werte zu idealisieren und dramatisch zu steigern. Sie dienen dazu, für bestimmte Rollen einen Rahmen zu schaffen, in dem das einzelne Verhalten seine ganz besondere Bedeutung bekommt. Beispiele solcher zeremoniellen Darstellungen sind das Armutsschauspiel, das ganz besonders Reiche vor geladenen Gästen aufführen oder die „harmonische Familie", die manche vor ihren Nachbarn spielen.
Idealisierende Darstellungen scheinen eine besondere Rolle beim sozialen Aufstieg zu spielen. Durch die gesteigerte Betonung der Werte, die in der neuen Umgebung eine Rolle spielen, soll die alte Herkunft kaschiert und der neue Status gefestigt werden. Statussymbole drücken die Nähe zu den neuen Werten aus. Wo es hinter der Fassade Probleme gibt, wird das sorgfältig vor den wichtigen Bezugspersonen verborgen. „Wenn jemand in seiner Darstellung bestimmten Idealen gerecht werden will, so muß er Handlungen, die nicht mit ihnen übereinstimmen, unterlassen oder verbergen." Wer ständig über Shakespeare, Schiller und Puschkin redet, kann unmöglich zugeben, daß er regelmäßig die soap operas im Vorabendprogramm sieht oder regelmäßig Groschenhefte liest.
Es gibt zahlreiche Strategien der Idealisierung. So stellen manche ganz bestimmte ideale Seiten an ihrem Beruf heraus, während sie in Wirklichkeit ganz platte Interessen verfolgen. Andere sind peinlich darauf bedacht, nur ja keine Fehler zu zeigen. Ärzte begraben ihre Fehler, viele Mütter können sich nicht daran erinnern, sich jemals mit ihren Kindern gezankt zu haben. Manche können gar nicht genug betonen, wieviel Anstrengung sie in einer bestimmte Sache gesteckt haben, während andere so tun, als ob sie sie nebenbei erledigt hätten. Einige bieten eine ästhetisch überhöhte Darstellung und schirmen die weniger schöne Vorbereitung sorgfältig ab. Das ist der Grund, weshalb von einer bestimmten Stufe der Eitelkeit an Menschen es nicht gern haben, wenn man sie im Badezimmer beobachtet, und warum die Küche im Restaurant für Gäste verboten ist.
Idealisierung heißt Entscheidung für einen bestimmten Wert. Da es aber keinen Konsens über die Werte gibt, und die Hierarchie, in der sie zueinander stehen, durchaus wechseln kann, bleiben Konflikte nicht aus. In den Fällen, wo man mehreren Idealen gerecht werden muß, erfolgt eine Orientierung an den Idealen, deren Mißachtung die größten Sanktionen nach sich zieht und deren Mißachtung am wenigsten verheimlicht werden kann.
Zur Idealisierung gehört auch, jedem Publikum den Eindruck zu vermitteln, es sei das einzige oder zumindest das wichtigste. Dabei ist die Kontrolle des Publikums natürlich besonders wichtig. Wer zum Beispiel zum Schluß seines Vortrages jedesmal sagt, „Sie sind das interessanteste Publikum, das ich bisher erlebt habe", sollte darauf achten, daß er es nicht vor einem identischen Publikum sagt. Und selbstverständlich sollte man auch nicht den Fehler begehen, jemandem das gleiche Kompliment im Beisein dessen zu machen, dem man genau dieses Kompliment früher gemacht hat.
Der Darsteller vertraut darauf, daß das Publikum kleine Hinweise „als Zeichen für wichtige Momente der Vorstellung annimmt." Er darf nicht mit der Tür ins Haus fallen, aber er darf auch nicht so zurückhaltend sein, daß keiner merkt, was er sagen wollte. Das berüchtigte „name dropping" ist so ein Fall einer komplizierten Darstellung. Wer einen Namen fallen läßt, muß sicher sein, daß die Zuhörer damit auch etwas anfangen können. Manchem wird es gar nichts sagen, wenn ihm jemand beiläufig erzählt, er habe mit Tom eine ganze Nacht über die Welträtsel gesprochen. Und manche feine Ironie wird gar nicht bemerkt, oder das Gesagte wird für bare Münze genommen. Deshalb ist ein wichtiger Bestandteil der dramatischen Gestaltung die Ausdruckskontrolle.
Wenn das Publikum die Darstellung falsch interpretiert oder vielleicht einem Mißgeschick des Darstellers zu große Aufmerksamkeit schenkt, besteht die Gefahr, daß es eine ganz andere Definition der Situation vornimmt, die die geplante Darstellung nicht mehr zuläßt. Deshalb muß der Darsteller auch jeden störenden Eindruck vermeiden, denn er weiß: ein falscher Ton zerstört den Klang eines ganzen Orchesters. Goffman unterscheidet drei Hauptgruppen solcher Ereignisse, die die ganze Darstellung zum Einsturz bringen können. Erstens, dem Darsteller passiert ein Mißgeschick. Ein harmloses Beispiel ist der Lehrer, der seiner Schulklasse mit drohender Stimme ins Gewissen redet und just in dem Augenblick einen Schluckauf bekommt. Zweitens, der Darsteller engagiert sich zu wenig oder viel zu stark. Wer Arbeitslosigkeit zu seinem Thema macht und darüber im gleichen Ton wie über das Wetter redet, zerstört die Darstellung, die ein bestimmtes Publikum erwartet, und wer darüber nur unter Tränen sprechen kann, auch. Drittens, der Darsteller tritt im falschen Bühnenbild auf oder die Inszenierung klappt nicht. Wer auf einem Karnevalsfest im nüchternen Zustand allen Ernstes seinen Kampf gegen Tierexperimente verkündet, hat die falsche Bühne gewählt, und wer seiner Schwiegermutter das liebe Enkelkind vorführen will, wird peinlich berührt sein, wenn es der Oma ständig widerspricht.
Bis hierher dürfte deutlich geworden sein, daß die Präsentation im Alltag eine komplizierte Angelegenheit ist. Es dürfte aber auch deutlich geworden sein, daß uns diese Darstellungen normalerweise ganz gut gelingen. Wenn Goffman den Strategien dennoch so viel Aufmerksamkeit schenkt und nicht müde wird, Störungen und Pannen zu erfinden, dann nur aus dem Grunde, um den soziologischen Blick dafür zu schärfen, daß das Eis sehr dünn ist, auf dem wir voreinander auftreten. Das wird bei einer anderen Strategie deutlich, die Goffman im Zusammenhang der Darstellungen eher am Rande erwähnt, der Strategie der Rollendistanz.
Das Thema Rollendistanz wird wie kaum ein zweites mit dem Namen Goffmans verbunden. Das hat Gründe, denn von diesem Thema aus ließ sich seinerzeit die Diskussion über die Rollentheorie weiterführen, die vor lauter Kritik an Parsons und seiner strukturfunktionalistischen Theorie in eine Sackgassen geraten war, und gleichzeitig eröffnete sich damit der Blick auf das, was dann der Interaktionismus dem Individuum im Angesicht der Gesellschaft versprach - oder prophezeite, je nachdem. Interessanterweise behandelt Goffman es in seinem Buch „Wir alle spielen Theater" eher beiläufig. Ich will diese Strategie kurz umreißen und mich dabei auf den Beitrag beziehen, den Goffman zwei Jahre später dazu geschrieben hat und den ich oben schon einmal erwähnt habe.
Auf den ersten Blick scheint Rollendistanz das Ende eines gemeinsamen Schauspiels zu signalisieren. Dennoch läßt sich zeigen, daß gerade diese Darstellung dem Individuum die Chance eröffnet, die Situation und die Fassaden, das Bühnenbild und sogar die Zuschauer neu zu definieren. Dieses komplizierte Spiel beschreibt Goffman so: „Während das Individuum offensichtlich an einem Gefüge von Rollen teilnimmt, besitzt es die Fähigkeit, sein Engagement für andere Schemata in der Schwebe zu halten; es erhält so eine oder mehrere ruhende Rollen aufrecht, die bei anderen Gelegenheiten ausgeübt werden." Das ist die eine Seite, weshalb dramatische Darstellungen nur ein Ausschnitt aus einer größeren Wirklichkeit sind. Es bleiben immer Bereiche außen vor, die unter anderen Umständen relevant werden. Der Blick auf diese anderen Bereiche - sprich: Rollen - kann nie ganz vermieden werden. Anselm Strauss hat sogar davon gesprochen, daß jede Interaktion eine Interaktion mit abwesenden Zuschauern ist. Diese Zuschauer, auf die man sich bezieht, müssen nicht konkret anwesend sein, es können symbolische Figuren der Vergangenheit, der Gegenwart oder auch der Zukunft sein. Die „Vorwegnahme der Antworten" dieser anderen geht in das eigene Handeln ein. Dies kann dazu führen, daß man die Verpflichtung, die sich aus einer aktuellen Rolle ergibt, anders definiert, weil die Erwartungen dieser abwesenden Zuschauer höheres Gewicht haben. Der Handelnde distanziert sich also von aktuellen Erwartungen, indem er sich anderen Erwartungen annähert. Er handelt also in Bezug auf seine Interaktionspartner unter einem nicht explizit gemachten Vorbehalt.
Die zweite Seite, weshalb eine Darstellung immer nur ein Ausschnitt aus einer komplexeren Wirklichkeit sein kann, hängt mit den Erwartungen der anwesenden Zuschauer zusammen. Goffman beschreibt das Problem so: „Das Individuum steht in einer Doppelbeziehung zu Attributen, die ihm aufgedrängt werden oder werden können. Es fühlt, daß einige Attribute von Rechts wegen seine sind, bei andern wird das nicht so sein, über einige wird es sich freuen und in der Lage sein, sie als Teil seiner Selbstdefinition zu akzeptieren, bei anderen wieder nicht." Da in einer Interaktion jeder Darsteller auch Zuschauer und jeder Zuschauer auch Darsteller ist, beeinflußt jede Definition der Situation jeden anderen in dieser Situation. Definition der Situation heißt auch, den anderen zu einem Verhalten zu bewegen, das in das eigene Handlungskonzept paßt. Das bedeutet notwendig, den anderen in seinem Handeln einzuschränken. Da im Prinzip alle in der gleichen Situation sind, werden alle auch die gleichen Versuche unternehmen, sich nicht in ihrem Handeln festlegen zu lassen. Das ist die Basis, auf der Rollendistanz notwendig wird. Goffman beschreibt die Strategie, die dazu eingeschlagen wird, so: „Wenn wir das Verhalten des Individuums Schritt für Schritt verfolgen, stellen wir fest, daß es angesichts der möglichen über ihn ins Spiel gebrachten Bedeutungen keineswegs passiv bleibt, sondern soweit es irgend kann, aktiv an der Aufrechterhaltung einer Situationsdefinition teilnimmt, die stabil ist und mit seinem Bild von sich selbst übereinstimmt."
Das ist nicht immer leicht, und grundsätzlich ist die Voraussetzung, daß es eine Interaktion von Gleichen ist. Wo Macht die Situation dominiert, ist nur für eine Seite Rollendistanz möglich. Normalerweise aber stehen uns Methoden zur Verfügung, mit denen wir uns als eine Person im Spiel halten und Vereinnahmungen zurückweisen. Solche Methoden sind Erklärungen, Entschuldigungen und Scherze. Es sind „alles Methoden, durch die das Individuum bittet, einige der bezeichnenden Merkmale der Situation als Quellen zur Definition seiner Person zu streichen." Rollendistanz ist die „Trennung zwischen dem Individuum und seiner mutmaßlichen Rolle." Mittels Rollendistanz beeinflußt das Individuum aktiv das Bild, das andere von ihm haben oder haben könnten. Ein Beispiel für diese Strategie ist der kleine Junge, der auf dem Karussell wild herumhampelt, um den anderen Kindern und vor allem seinen besorgten Eltern zu signalisieren, daß er kein Baby mehr ist.
Rollendistanz kann aber auch der freiwillige Verzicht auf ein bestimmtes Recht sein, das man in einer bestimmten Rolle ausüben könnte. Goffman bringt dazu das Beispiel des Chirurgen, der bei einer komplizierten Operation auf ein Mißgeschick seines Assistenten nicht mit einem strengen Verweis reagiert, der ihn womöglich noch unsicherer machen würde, sondern mit einem jovialen „Das ist mir bei meiner ersten Operation genau so passiert!". In diesem Beispiel hat Rollendistanz etwas mit der Abwägung der Vor- und Nachteile eines bestimmten Handelns für die Fortführung eines gemeinsamen Handelns zu tun. Daran wird auch deutlich, daß Rollendistanz nicht verwechselt werden darf mit Verweigerung oder Unfähigkeit, sondern es ist der souveräne Umgang mit einer Situation, wie sie von anderen definiert wird oder wie sie sich durch bestimmte Umstände ergeben hat. Goffmans Beschreibungen des Verhaltens in totalen Institutionen zeigen, daß Rollendistanz eine Strategie des Überlebens unter institutionellen Randbedingungen ist, unter denen das Individuum extrem gefährdet ist.
Es wäre verwunderlich, wenn es in diesem komplizierten Spiel nicht auch ein falsches Spiel gäbe. So sieht es auch Goffman, und er nennt diese Darstellungen unwahre Darstellungen. Manchmal spürt das Publikum, ob ein Eindruck wahr oder falsch, echt oder unecht ist. Manche stürzen sich mit professioneller Skepsis (Polizei) oder mit moralischem Rigorismus auf die Lücken in der Fassade. Auch hier ist das Spektrum der Darstellungen breit. Wenn jemand sich für ein bestimmtes Individuum ausgibt, halten wir die falsche Darstellung für unentschuldbar, etwas weniger streng sind wir, wenn es sich um Hochstapelei handelt. Und wenn das ganze einer guten Sache dient oder ein Bösewicht damit ausgetrickst wurde, dann freut uns das sogar.
Doch wenn wir die ganze Sache nicht aus der Sicht des Zuschauers, sondern aus der des Darstellers betrachten, dann wird die Darstellung ausgesprochen riskant, weshalb sich die Menschen im Alltag auch nicht so oft darauf einlassen. Man kann diese unwahre Darstellung nämlich auch als Täuschung bezeichnen. Täuschung heißt, daß jemand etwas zu sein vorgibt, das er nicht ist, und eine Rolle spielt, die ihm nicht zusteht. Täuschung birgt die Gefahr in sich, daß sie auffliegt: „Abgesehen von der Tatsache, daß die gegenwärtigen Handlungen des Individuums seine gegenwärtigen Anmaßungen diskreditieren können, ist eine grundlegende Möglichkeit beim Täuschen die, daß das Individuum von denen entdeckt wird, die es persönlich identifizieren können."
Daß nicht jede unwahre Darstellung gleich geahndet wird, haben wir gerade gesehen. So ist es auch mit dem Umgang mit der Wahrheit. Wir wissen: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht." Wer beim Lügen erwischt wird, läuft Gefahr, daß nicht nur die Interaktion kaputt geht, sondern daß sein ganzer Ruf zerstört wird. Bei anderen Lügen, mit denen z. B. Ärzte ihre Patienten verschonen, haben wir Verständnis.
Man mag das moralisch bedauern, Tatsache ist, daß es zwischen Wahrheit und Lüge ein breites Niemandsland gibt. Nicht ganz wahr, aber auch nicht direkt bewußt unwahr sind „gewisse Kunstgriffe bei der Kommunikation, wie Andeutungen, taktische Zweideutigkeiten und entscheidende Auslassungen." Diese Kunstgriffe „erlauben es dem Fehlinformanten, Nutzen aus Lügen zu ziehen, ohne im strengen Sinne gelogen zu haben." Goffman zitiert aus einer britischen Verwaltungsanordnung: „Es darf nichts gesagt werden, was nicht wahr ist; aber es ist ebenso überflüssig und manchmal sogar im öffentlichen Interesse unerwünscht, alles was relevant und wahr ist, zu sagen; die Tatsachen dürfen in jeder geeigneten Reihenfolge mitgeteilt werden."
Wie wir schon oben bei der Ausdruckskontrolle gesehen haben, kann sich ein falscher Eindruck in einer Rolle auf alles übrige Verhalten diskreditierend auswirken. Das gilt für unwahre Darstellungen, die entlarvt werden, in besonderer Weise. Sie bewirken einen Generalisierungseffekt, der auch Bereiche erfaßt, in denen man nichts zu verbergen hat. Dieser Effekt kann aber auch nach innen wirken, und der Darsteller kann, „wenn er auch nur einen Punkt zu verbergen hat, und selbst, wenn die Gefahr der Entdeckung höchst unwahrscheinlich ist, während seiner ganzen Darstellung von Angst verfolgt sein."
Spätestens hier drängt sich die Frage auf, ob eine Darstellung wahr oder falsch ist. Um diese Frage zu beantworten, muß man daran erinnern, daß Goffman ausdrücklich nicht fragen wollte, was der Zuschauer glaubt, sondern inwieweit der Darsteller „selbst an den Anschein der Wirklichkeit glaubt, den er bei seiner Umgebung hervorzurufen trachtet." Aus dessen Sicht aber geht es nach Goffman nicht um die Frage von wahr oder falsch, sondern nur darum, auf welche Weise ein vorhandener Eindruck entwertet werden kann. Und in dieser Hinsicht ist die Antwort klar: keine Ausdrucksweisen aufkommen lassen, die in irgendeiner Form den erwünschten Eindruck diskreditieren können. Auf diese Antwort werde ich gleich noch einmal zurückkommen, denn sie ist mit ein Grund für den Vorwurf an Goffman, er habe eine grandiose Soziologie des Betrügens geschrieben und zeige dem geneigten Leser, wie man seine Moral schadlos verkaufen kann. Vorher müssen aber noch zwei Formen der Darstellung behandelt werden, die eng mit der Frage der Wahrheit der Darstellung zusammenhängen.
Daß der Darsteller störende Eindrücke vermeiden will, liegt auf der Hand. Doch er tut, wie wir unter dem Stichwort Idealisierung gesehen haben, noch mehr. Er versucht, einen ganz bestimmten Eindruck zu erwecken. Eine auffällige Strategie, mit der der Darsteller sich gewissermaßen über die Zuschauer erhebt, ist die Mystifikation. Ein erster Schritt dahin ist die Einschränkung des Kontakts. Die Wahrung einer sozialen Distanz ist eine Methode, „um beim Publikum Ehrfurcht zu erzeugen." Vorzimmer und hohe Mauern, verdunkelte Scheiben im Auto und ähnliches sind Bühnenbilder, mit denen Ehrfurcht durch Distanz erzeugt werden soll. Das distanzierte Verhalten, das uns bei Adligen, selbst wenn sie sich leutselig geben, auffällt, hat die gleiche Funktion. Interessanterweise läßt sich Distanz aber auch aus der Sicht der Zuschauer positiv begründen. Goffman zitiert den Berater des Königs von Norwegen, der den König gewarnt hatte, daß aus Vertraulichkeit Verachtung entstehe: „Ich sagte ihm, er müsse sich auf ein Podest stellen und dort bleiben; dann erst könne er auch gelegentlich gefahrlos heruntersteigen. Das Volk wolle keinen König, mit dem es auf ein Picknick gehen kann, sondern etwas Ungreifbares wie das delphische Orakel. Die Monarchie sei in Wirklichkeit die Schöpfung jedes einzelnen Gehirns. Jedermann überlege sich gerne, was er tun würde, wenn er König wäre. Das Volk schreibe dem Monarchen jede nur erdenkbare Tugend und Fähigkeit zu. Es müsse deshalb enttäuscht sein, wenn es ihn wie einen gewöhnlichen Menschen auf der Straße umhergehen sehe." Daraus läßt sich der Schluß ziehen, daß auch das Publikum Distanz wahren will.
Mystifikation wird auch dadurch erzeugt, daß sich die Darsteller Geheimnisse zulegen. Das kann sich auf die Herkunft oder auf die Dinge, die da kommen werden, beziehen oder auf Kontakte und Informationen, über die man verfügt. Die Darsteller ergehen sich in Andeutungen, die aber im Dunkeln bleiben, und vermitteln dadurch den Eindruck, etwas Besonderes zu sein. Mancher versucht es auch damit, daß er gar nichts über sich sagt. Wieder andere wissen, daß es eigentlich keine Geheimnisse um sie gibt. Für sie besteht das Problem darin, „das Publikum daran zu hindern, dies ebenfalls zu bemerken."
Die letzte Strategie der Darstellung hängt mit der Frage zusammen, die sich nach diesen ganzen Beschreibungen der Auftritte auf der Bühne des Lebens immer mehr aufdrängt: Ist das Verhalten echt oder gespielt? Für Goffman ist es die Frage nach Dichtung oder Wahrheit. Lassen wir uns zunächst auf die Meinung der Zuschauer ein. Sie beurteilen ein Verhalten dann als ehrlich, wenn es wie eine ganz natürliche, unbewußte Reaktion erscheint. Je künstlicher eine Darstellung erscheint, um so weniger wahr gilt sie: das Schauspiel wird als Schauspiel „durchschaut". Doch ist es tatsächlich so? Wir wissen, daß gute Redner trainieren, sich zu versprechen. Wir haben oben unter dem Stichwort der dramatischen Gestaltung gesehen, wie man Probleme künstlich vergrößert, um sie dann um so eindrucksvoller lösen zu können. Wo der Darsteller dann auch noch aus seiner Rolle herauszutreten scheint und sich seinem Publikum gewissermaßen von Mensch zu Mensch öffnet, da sind wir sofort bereit, an die Wahrheit zu glauben. Doch auch das kann eine raffinierte Strategie sein. Verkäufer wenden sie z. B. an, indem sie dem Kunden hinter vorgehaltener Hand von einem bestimmten „teuren" Radio abraten und ein anderes mit dem Hinweis über allen Zweifel stellen, sie selbst hätten es auch gekauft. Im Alltag erfüllen alle Versicherungen, die mit den Worten „Wenn ich ganz ehrlich bin, ..." oder „Ich persönlich ..." beginnen, die gleiche Funktion. Dem Zuschauer soll der Glaube an die Wahrheit der Darstellung erleichtert werden.
Damit komme ich noch einmal auf die oben angeschnittene Frage zurück, ob eine Darstellung wahr oder falsch ist. Die erste Antwort auf diese Frage lautete, daß es aus der Sicht des Darstellers darum überhaupt nicht geht, sondern nur darum, daß die Darstellung erfolgreich ist. Daraus haben Kritiker Goffmans abgeleitet, er habe eine Soziologie des Betrugs geschrieben, ja zeige überaus einfallsreich, wie man es am besten macht. In diesem Zusammenhang wird von Kritikern gerne der Satz Goffmans zitiert, wonach wir als Darsteller die Moral nur verkaufen. Vor dem Hintergrund dieser dezidierten Aussage, die selten in ihrem Zusammenhang zitiert wird, ist es schwer, die Frage nach Dichtung oder Wahrheit zu beantworten. Ich will es dennoch versuchen, indem ich sie grundsätzlicher anlege und frage: wie wirklich sind die Darstellungen eigentlich und wie wirklich müssen sie sein? Die Antwort, die Goffman parat hält, überrascht. Denn diese Frage stelle sich gar nicht! Er will es überhaupt nicht entscheiden, „was mehr Realität hat: der hervorgerufene Eindruck oder der Eindruck, den der Darsteller beim Publikum nicht aufkommen lassen will." Im Grunde aber hat Goffman seine Antwort doch gegeben und sie löst das Dilemma von Betrug und Moral.
Die Antwort findet sich gleich am Anfang seines Buches, wo es heißt, daß das „Verhalten des einzelnen in unmittelbarer Anwesenheit anderer eigentlich erst aus der Zukunftsperspektive beurteilt werden kann." Das ist der Gedanke von Alfred Schütz, daß Handeln nur vom Ergebnis des Handelns gedacht werden kann. Handeln ist der Vollzug einer vorweggenommenen Zukunft. Anders ist Handeln nicht denkbar. Deshalb ist auch jede gedachte Zukunft wirklich. Damit hängt die zweite Anwort zusammen, die Goffman implizit mit der häufigen Verwendung des Wortes von der „Definition der Situation" gegeben hat. Damit ist natürlich das berühmte Wort von William I. Thomas (1863-1947) gemeint. Es lautet: „Wenn Menschen Situationen als real definieren, sind auch ihre Folgen real." Definitionen sind Methoden des Handelns. Aus der Sicht einer moralischen Anthropologie kann einem dazu natürlich viel einfallen, doch genau die hat Goffman nicht geliefert, sondern eine Soziologie des sozialen Handelns. Sie ernüchtert und desillusioniert. Möglicherweise fühlt sich jeder - auch der Soziologe - auch ein bißchen ertappt. Im Grunde aber - ich bleibe bei meiner Lesart von der Gefährdung des Individuums - wollte Goffman keinen bloßstellen, sondern alle vor Illusionen warnen. Das gilt auch für die Aufdeckung der unbewußten Strategien des Individuums, sich gleichzeitig als anders als alle anderen und als so normal wie alle anderen zu präsentieren.
Den Figuren in Goffmans Schauspielen kann man wahrlich keinen ausgesprochenen inneren Seelenfrieden attestieren. Im Gegenteil, meist sind sie ja Virtuosen in der Kunst, sich durch das Leben zu lavieren. Positiver kann man es auch so sagen: sie sind raffinierte Strategen, die sich vor den Gefährdungen der Identität heute schützen. Weil sie das Risiko scheuen, daß jemand so aufmerksam wird, daß er ihnen zu nahe tritt, vermeiden sie Aufmerksamkeit; weil sie aber auch nicht in der Masse untergehen wollen, müssen sie etwas unternehmen, was Distanz - Auffälligkeit - schafft. De Levita umschreibt diese Identitätskonzeption mit den Worten von Kluckhohn und Murray: Jedes Individuum ist gleichzeitig „wie alle anderen Menschen, wie manche andere Menschen und wie kein anderer Mensch". Was hier als Faktum konstatiert wird, will ich in ein Bedürfnis umformulieren: so ganz unauffällig will doch eigentlich niemand sein, aber so ganz anders zu sein als alle anderen, traut sich auch kaum einer zu.
Die Strategie, eine solche Spannung zwischen Normalität und Einzigartigkeit aufrechtzuerhalten, nenne ich „die doppelte Strategie des als-ob" und behaupte, daß ohne sie Leben in der Gesellschaft nicht möglich ist. Eine solche Behauptung mag manche gute Meinung von der Wahrhaftigkeit des Handelns kränken und manches modische Offenheitsritual diskreditieren, Tatsache ist, daß nur mit diesem doppelten als-ob soziale Sicherheit (in der Erwartung des Handelns aller anderen) und individuelle Freiheit (als Annahme, relevant zu sein und Spuren zu hinterlassen) gegeben sind. Daß mit dieser Strategie ein soziales Risiko und eine individuelle Täuschung zugleich gegeben sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Spannung zwischen Normalität und Einzigartigkeit ist nämlich eine Spannung zwischen zwei Täuschungen, die einmal die anderen und zum zweiten das Individuum selbst betreffen.
Diese Täuschung wird in der kritischen Interaktionstheorie als Balance zwischen phantom normalcy und phantom uniqueness beschrieben. Dieses Bild wird zwar meist Goffman zugeschrieben, doch er spricht nur von „phantom normalcy" und meint damit ein strategisches Kalkül, das Menschen anwenden, deren soziale Identität aufgrund eines Stigmas gefährdet ist. Es handelt sich also um Personen, die Aufmerksamkeit nicht entgehen können. Sie müssen so tun, als ob sie normal wie alle anderen sind, damit diese so tun können, als ob sie sie als Normale betrachten. Aus dieser doppelt gebrochenen Strategie, Annahmen von Normalität im Spiel zu halten, läßt sich dann allerdings der Schluß ziehen, den Jürgen Habermas aus Goffmans Beschreibungen der Auftritte des Individuums auf der gesellschaftlichen Bühne gezogen hat. Diese Schlußfolgerung bezieht sich auf das Bedürfnis, sich als einzigartig darzustellen und Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ohne es vielleicht zu sein, muß das Individuum so tun, als ob es etwas Besonderes wäre. Habermas nennt das „phantom uniqueness". Vermutlich wäre Goffman mit diesem komplementären Begriff durchaus einverstanden gewesen, denn er fügt sich genau in die Erklärung für die von ihm beschriebene Strategie der Rollendistanz ein. Doch wie diese Strategie der Rolle selbst nicht entfliehen kann, so geben auch die Strategien gespielter Normalität und gespielter Einzigartigkeit nicht wirklich Freiheit. Phantom normalcy und phantom uniqueness sind ein strategisches Kalkül, hinter dem aber die Gefährdung von sozialer Identität aufscheint. Und es ist nicht nur der soziale Außenseiter, der es anwenden muß, sondern es wird auch von denjenigen in ihr Handeln einbezogen, die sich mitten im Zentrum der Gesellschaft wähnen. Die Balance von Nicht-Wirklichem zeigt, daß Identität in der Tat zum Krisenbegriff in der Moderne geworden ist.
Die ganze Welt ist Bühne - dieser Satz aus Shakespeares Komödie „Wie es euch gefällt" könnte über allen Arbeiten von Goffman stehen. Er zitiert ihn auch und fährt fort: „Natürlich ist nicht die ganze Welt eine Bühne, aber die entscheidenden Punkte, in denen sie es nicht ist, sind nicht leicht zu finden." Und es geht wahrlich nicht nur um Komödien im Leben, sondern auch um Tragödien. Immer aber geht es um Darstellungen von Individuen voreinander und füreinander.
Diese Strategien der Darstellung wollte Goffman darstellen. Wir können sie nachvollziehen, wo die Menschen sich zur Wehr setzen gegen die anderen, die Gesellschaft, gegen Institutionen. Bei den Strategien, die sich angeblich im ganz normalen Alltag abspielen und die Goffman so schonungslos beschreibt, haben wir dagegen unsere Zweifel. Vielleicht fühlen wir uns selbst ertappt, vielleicht wollen wir uns aber auch die Illusion nicht rauben lassen, im Alltag - zumindest in unserem Alltag - gehe alles normalerweise mit rechten Dingen zu. Der Zweifel, die Wirklichkeit sei gar nicht wirklich, wäre uns unerträglich. Das alles ist natürlich gedacht unter der Perspektive, was bedeutet die Darstellung für den Zuschauer. Doch Goffman - ich wiederhole es - analysierte die Darstellung aus der Sicht des Darstellers. Aus dieser Perspektive kann man die soziologische Frage ableiten, warum tun die Darsteller das, was Goffman so eindringlich beschreibt? Eine Antwort ist die von Heinz Steinert. Sie tun es, „damit der Laden so weiterläuft, wie er läuft." Letztlich sei Goffmans Welt „trotz aller Leere und Beliebigkeit" doch in Ordnung.
Die zweite Meinung teile ich nicht, die erste lese ich als eine bittere Bestätigung dessen, was Goffman festgestellt hat. So läuft der Laden, doch wir merken es nicht, warum er so läuft, wie er läuft. Solange wir es nicht merken, merken wir auch nicht, wo der Laden uns etwas zumutet. Doch wenn wir es merken, beginnt die Aufmerksamkeit. Bei den einen mag dann das Leiden an der Gesellschaft bewußt werden, bei den anderen aber kann sich der Protest gegen Zumutungen formieren. Ich vermute, daß Goffman vor allem diese zweite Gruppe im Auge hatte. Dabei sollte man sich auch nicht von seinem ironischen Kommentar seiner eigenen Soziologie irritieren lassen, den er in der Rahmenanalyse abgegeben hat. Auf den Vorwurf, er setze sich nicht mit der Struktur der Gesellschaft auseinander, antwortet er: „Die hier entwickelte Analyse kommt nicht an den Unterschied zwischen bevorzugten und benachteiligten Klassen heran, ja man kann sagen, sie lenke die Aufmerksamkeit von solchen Fragen ab. Das scheint mir durchaus zutreffend. Ich kann nur sagen, wer das falsche Bewußtsein bekämpfen und den Menschen ihre wahren Interessen zum Bewußtsein bringen möchte, der hat sich eine Menge vorgenommen, denn die Menschen schlafen sehr tief. Was mich betrifft, so möchte ich hier kein Wiegenlied komponieren, sondern bloß mich einschleichen und die Menschen beim Schnarchen beobachten."
Statt eines soziologischen Fazits nur eine Frage: Wer schnarcht schon ohne schlechtes Gewissen weiter, nachdem man ihm das gesagt hat?!