Geschichte der soziologischen Diakussion in Russland
Dieser Text kommt von Studienbrief:
Gesellschaftten in Europa: Russland. Kurseinheit 3. Geschichte der
Soziologie
(c) FernUniversitaet — Gesammthochschule in Hagen, 1997
Sh. auch die Kurzfassung des Textes von Dr. N.
Golovin unter Mitaerbeit von Prof. Dr. H. Abels.
Ueber den Autoren
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Rimma P. Shpakova Prof Dr. phil. Rimma P. Shpakova, Professorin am Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der Soziologie an der Fakultät für Soziologie der Staatsuniversität St. Petersburg, Mitglid der Akademy of Sciences (New-York, USA), Mitglied der Geisteswissenschaftliches Akademie (St. Petersburg, Russland). Sie wurde 1939 in St. Petersburg geboren. 1964 hatte sie die Fakultät für Philosophie der Universität St. Petersburg absolviert und lert Geschichte der Soziologie, moderne westliche Soziologie und die Soziologie von Max Weber. 1969 wurde sie mit dem Thema "Die Hauptaspekte der Soziologie von Max Weber" promoviert, und 1981 hat sie sich mit dem Thema "Die Auseinandersetzung mit den Hauptrichtungen der theoretischen Soziologie in der BDR" habilitiert. Die wichtigsten Richtungen ihrer wissenschaftlichen Forschungen sind Methoden der sozialen Erkenntnis, politische Konzeptionen der Legitimation, Geschichte der Soziologie und ihre modernen Strömungen. Sie ist Autorin von mehr als 200 Werken, darunter das Buch "Max Weber, heute gelesen" (St. Petersburg, 1997) und "Sankt-Petersburger Beiträge zur Soziologie" (Hamburg, 1995)
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Nikolai A. Golovin
Dr. phil. Nikolai A. Golovin, Dozent am Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der Soziologie an der Fakultät für Soziologie der Staatsuniversität St. Petersburg. Er wurde 1956 in Gebiet Irkutsk geboren. 1986 hatte er die Fakultät für Philosophie der Universität St. Petersburg absolviert. 1989 wurde er mit dem Thema "Die bürgerlichen Konzeptionen der politischen Macht" promoviert. Er unterrichtete an der Fakultät für Philosophie. Seit 1990 lehrt er Soziologische Theorie und Politische Theorie an der Fakultät für Soziologie der Universität St. Petersburg. Seine wissenschaftlichen Interessen sind moderne soziologische Theorie und politische Theorie, politische Sozialisationsforschung, Didaktik der Soziologie. Er hat mehr als 40 wissenschaftliche Artikel und Studienbriefe geschrieben und mehrere Arbeiten (z. B. von Luhmann) übersetzt. Prof. Dr. Heinz Abels / FernUniversität Hagen |
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Das Studium der theoretischen Soziologie |
Aus das Vorwort von Heinz AbelsINHALTSVERZEICHNIS Aus das Vorwort von Heinz AbelsRimma Shpakova
1. Das russische soziologische Erbe
2. Soziologische Diskussion in den 20er und 30er Jahren
3. Soziologische Diskussion der 60er Jahre
4. Soziologische Diskussion in den 70er und 80er JahrenNikolai Golovin
5. Die Situation der Soziologie in den 90er Jahren
5.1. Der Gegenstand der Soziologie
5.2. Theorie und Methodologie
5.2.1. Ausgangspositionen der theoretischen Diskussion. Beziehungen zum Historischen Materialismus und den
westlichen Theorien
5.2.2. Theorie der Gesellschaft
5.2.3. Sozialstruktur: Klassen oder Schichten
5.2.4. Theorie des Systems
5.2.5. Methodologische Defizite
5.2.6. Zwischenbilanz
5.3. Die empirischen Forschungen
5.4. Die soziologische Ausbildung
5.5. Die soziologische Gemeinschaft
5.6. Die Perspektiven der russischen Soziologie
Die russiche Soziologie entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert als Bestandteil der internationalen soziologischen Diskussion. Die Schwierigkeiten der komplizierten politischen Geschichte Russlands haben die Soziologie in besonderer Weise betroffen. In ihrer wechselvollen Geschichte hat sie wissenschaftliche und politische Erfahrungen gesammelt, eine eigene Tradition ausgebildet und gute Reputation erhalten. Einerseits war sie politisch unterdrueckt und einige Zeit zwar nicht im rechtlichen Sinne, aber faktisch verboten, andererseits versuchte sie immer eine unabhaengige wissenschaftliche Position zu verfolgen. Dies ist ihr manchmal auch gelungen. Heute hat sie sich als akademische Disziplin etabliert und ist ein wichtiger öffentlicher Beruf geworden. Nach langen Jahren der Isolation hat sie wieder Anschluss an die internationale soziologische Diskussion gefunden. Der vorligende Studienbrief macht den Leser mit der Entwicklung der russischen Soziologie und zugleich mit der russischen Gesellschaft bekannt.
Der Studienbrief wurde von Mitglidern der Fakultaet fuer Soziologie der Universitaet St. Petersburg, wo die Soziologie in Russland Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts begann, in Zusammenarbeit mit Prof. Der. Hainz Abels (FernUniversitaet Hagen) verfasst. Er wendet sich vor allem an russische und an deutsche Studenten. Um beide Gruppen fuer fremde Sprache in ihrem Fach zu interessieren, erscheint der Text parallel in russisch und deutsch. Die Autoren und Uebersetzer haben sich bemüht, die wiossenschaftliche Diskussion und den historischen Kontext fuer beide Lesegruppen verstaetdlich zu machen. Deshalb haben Sie von einer woertlichen Uebersetzung abgesehen, wo der Sinn das in der anderen Sprache gebot.
1. Das russische soziologische Erbe
Es gibt auch Städte, in denen sich das geistige Leben manchmal derart verdichtet, daß sie kultursoziologische Reflexionen geradezu provozieren. In ihnen verdichtet sich bisweilen die geistige Geselligkeit derart, daß sie ein nachhaltiges soziologisches Interesse auf sich ziehen. Sankt Petersburg, die Hauptstadt des vorrevolutionären Rußland, war so eine Stadt. In St. Petersburg begann die russische Soziologie. Kaum ein anderes Fach scheint mit dieser Stadt innerlich derart verbunden und für sich auch nach außen hin so kennzeichnend zu sein wie die Soziologie.
Die moderne russische Soziologie ist nicht im leeren Raum entstanden. Sie hat eine interessante Geschichte und starke wissenschaftliche Traditionen. Man muß auch betonen, daß sich die Soziologie im vorrevolutionären Rußland (also vor dem Oktober 1917) und in den ersten Jahren nach der Revolution (bis in die Mitte der 20er Jahre) breit und erfolgreich entwickelte. Sie hielt durchaus Schritt mit der westeuropäischen Soziologie, und für eine Reihe von Problemen waren die russischen Soziologen an der Spitze. Trotz der dramatischen, ja sogar tragischen Seiten ihrer Geschichte war und ist die russische Soziologie ein untrennbarer Bestandteil der internationalen wissenschaftlichen Diskussion.
In den letzten Jahren hat sich in verschiedenen Ländern das Interesse an der Kulturgeschichte des vorrevolutionären Rußland verstärkt. So wurden in Kanada, in Deutschland und Tschechien spezialisierte Zentren eröffnet, wo man das humanitäre russische Denken der vorrevolutionären Periode erforscht. In diesen Zentren übersetzt und kommentiert man die wichtigsten Werke der russischen Soziologie vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.
Die Soziologie als eigenständige Wissenschaft entstand in Rußland in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, und von Anfang an war sie stark und organisch mit der westeuropäischen Soziologie verbunden. Schon damals stellte und beantwortete sie auch die Fragen nach der Besonderheit der Entwicklung in Rußland. Aus der nationalen Realität nahm die russische Soziologie ihre Themen und Materialien und bezog sie ihre wissenschaftlich-methodologischen Ansätze.
In jener Zeit befand sich Rußland in der Lage einer „verspäteten" Nation, die energisch und zuversichtlich europäische Länder einholen wollte. Aber das veraltete politische System wirkte als Bremse. In Rußland wurde die Leibeigenschaft erst 1862 aufgehoben. Ihre Spuren und Folgen blieben noch lange sichtbar und fühlbar. Liberalismus, Ideen der demokratischen Rechtsordnung und konservativer Monarchismus bestanden nebeneinander. Diese Widersprüchlichkeit wirkte auf das kulturelle Klima ein. Auf der einen Seite herrschte im Lande eine energische Bewegung hin zum Kapitalismus, auf der anderen Seite aber war die Einwicklung noch stark von den Resten des Feudalismus bestimmt, der sich auf allen Gebieten des sozialen Lebens auswirkte.
Genau hier, in dieser Widersprüchlichkeit, ist der Schlüssel zu der Besonderheit der frühen russischen Soziologie zu finden. Hier liegen auch die Ursachen für den Unterschied zwischen den westlichen und russischen Human- und Sozialwissenschaften, ebenso die Ursachen für die Schwierigkeiten der Institutionalisierung dieser Wissenschaften in Rußland. Außerdem muß man den starken Einfluß der russischen Philosophie und des geistigen Klimas seinerzeit auf die Soziologie in Betracht ziehen. In der Soziologie verbanden sich alte kulturelle Traditionen in Rußland und die geistigen Entwicklungen in Literatur, Politik und Wissenschaft mit der Frage nach dem praktischen Nutzen für die breite Masse der Bevölkerung. Die russische Intelligenzia engagierte sich stark für die sozialen Unterschichten und versuchte, ihnen ideologisch wie praktisch zu helfen. Viele Vertreter der wissenschaftlichen Intelligenzia selbst stammten aus armen Gesellschaftsschichten.
Dieses Interesse äußerte sich nicht nur politisch und praktisch, es fand seinen Niederschlag auch in der Kunst, Literatur, Publizistik und Wissenschaft. Darum trug die soziologische Literatur oft ganz offensichtliche Züge der Publizistik. Ihre betont humanistische Orientierung berührte sich mit jener literarischen Tendenz, die wie Fjodor Dostojevsky die „Erniedrigten und Beleidigten" zeigte und beschrieb. Und umgekehrt nahm die russische realistische Literatur die sozialen Probleme und sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse in sich auf. In der Verbreitung soziologischer Ideen spielte die russische Publizistik eine große Rolle, das gilt für die Kritik der zaristischen Monarchie wie für die Thematisierung der Macht und des Rechts und für die Forderung nach Pressefreiheit. Es war keine Übertreibung, als um die Jahrhundertwende der bekannte russische Schriftsteller Vladimir Korolenko von „dem Einzug der siegreichen Soziologie" sprach. Sein Gegner, der marxistische Soziologe G. Plechanov, schrieb ähnlich: „Bei dem Dichter Maxim Gorki und bei dem vor kurzem verstorbenen Schriftsteller G. Uspensky kann ein kluger Soziologe viel Nützliches für sich finden."
Um die Entwicklung der russischen Soziologie zu verstehen, ist es wichtig, die engen Kontakte und die tiefe innere Verbindung der Russen mit den europäischen Denkern nicht zu vergessen. In dem Zusammenhang kann man erwähnen, daß die erste soziologische Untersuchung des Selbstmordes von Statistikern und Juristen in Rußland schon in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts durchgeführt worden ist. Sie wurde umgehend in Frankreich (1824) publiziert, da die Lage der Wissenschaften in dieser Zeit in Rußland viel schlechter als in Frankreich war. Auch andere spätere Episoden im internationalen wissenschaftlichen Leben beweisen die enge Zusammenarbeit der Vertreter russischer und europäischer, vor allem deutscher soziologischer Wissenschaft.
Einen Beleg für die enge Zusammenarbeit stellt die internationale Zeitschrift für Philosophie und Kultursoziologie „Logos" dar. Sie ist eine der erstaunlichsten Erscheinungen in der Geschichte der Geisteswissenschaften. Sie erschien 1910 zugleich in Freiburg und Moskau (dort bis 1913, bis Kriegsbeginn dann in Sankt Petersburg), ferner kam 1913 eine italienische Redaktion und 1914 die erste Ausgabe eines italienischen „Logos" hinzu. Weitere nationale Redaktionen waren in England, Amerika und Frankreich geplant, doch konnten diese Projekte vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges nicht mehr realisiert und danach nicht weiter verfolgt werden. „Logos" schloß von Anfang an die berühmtesten Gelehrten als Autoren und Mitarbeiter ein. Man braucht auf deutscher Seite nur Max Weber, Heinrich Rickert, Ernst Troeltsch oder Georg Simmel und auf russischer Seite Fjodor Stepun, Sergius Hessen, Boris Jakovenko und Nikolai Bubnov zu nennen. Diese internationale Zeitschrift wurde bald das bedeutendste Organ im Bereich von Kulturphilosophie und Soziologie. Die Hauptidee des Unternehmens bestand darin, eine neue philosophische und soziologische Kultur in der Gesellschaft zu formieren. Die neue Kultur sollte, wie die Autoren meinten, mit den Bestrebungen des neuen Jahrhunderts übereinstimmen. Die gemeinsame Tätigkeit in der Herausgabe und Redaktion der Zeitschrift war sehr fruchtbar für die russischen wie für die deutschen Denker. Der Erfolg dieser europäischen Zeitschrift bildete die Grundlage für eine rein russische Variante des „Logos" (ab 1913, mit gleichem Titel), in der aber die engen Zusammenhänge mit der deutschen Ausgabe und den deutschen Autoren erhalten blieben. Und umgekehrt waren und blieben die Russen Mitglieder der deutschen Redaktion. Die Zeitschrift erschien, wie schon erwähnt, zuerst in Moskau und dann in Sankt Petersburg, ihre Geschichte war allerdings wegen der Oktoberrevolution von 1917 nur kurz.
Bis heute sind die sog. „russischen" Artikel von Max Weber wenig bekannt, und nur wenige wissen, daß Max Weber dem Russen Fjodor Kistiakovsky in herzlicher Freundschaft verbunden war. Weber zeigte lebhaftes politisches Interesse, als im Jahre 1905 die Erste russische Revolution ausbrach. Die alte russische Gesellschaftsordnung war schon erschöpft. Die Kluft zwischen alten adligen Schichten und der Masse der Bevölkerung war zu groß und die Macht der Bürokratie nahm ständig zu. Dazu kamen auch die Kriegserklärungen, z. B. gegenüber Japan. Die Proteste der Arbeiter gegen die verschiedenen Mißstände nahmen zu. Sie gipfelten in großen Streiks, z. B. dem Moskauer Streik, und schließlich in der Revolution. Nach Max Weber hing die absolute Macht des Zaren „völlig in der Luft." Es entstand eine politische Organisation, die sich „Befreiungsbund" nannte, und im Jahre 1905 einen Entwurf für eine konstitutionell-demokratische Verfassung. Zu der Zeit lenkte - wie heute - der riesige Staat im Osten des Kontinents in die Bahn europäischer Entwicklung ein und suchte nach Möglichkeiten für den Aufbau einer von Grund aus freiheitlichen Gesellschaft. Was Weber am stärksten an den demokratischen Reformen in Rußland bewegte, war die Frage nach dem „mutmaßlichen" Einfluß der russischen Ereignisse auf die deutsche Entwicklung.
Weber hat zwei Kriterien der Entwicklung zur Demokratie besonders herausgestellt: den „Rechtsstaat" und die „unveräußerlichen Menschenrechte". Deshalb interessierte er sich besonders für die Entwicklung in Rußland, weil in Europa die ökonomische Saturiertheit und geistige Trägheit diesen Werten entgegensteht. Für Europa ist es, nach Webers Ansicht, schon zu spät. Der Kapitalismus habe dazu geführt, daß der moderne Mensch seine ehemalige Vielseitigkeit verloren hat. In diesem Sinn war Rußland seine Hoffnung. Darum bemächtigte er sich umgehend der russischen Sprache und verfolgte gespannt die Tagesereignisse in mehreren russischen Zeitungen und Zeitschriften. Weber lebte sich völlig in die Seele und Kultur des russischen Volkes ein und verfolgte monatelang das russische Drama.
Die Veröffentlichung des Entwurfs einer konstitutionell-demokratischen Verfassung seitens des „Befreiungsbundes" regte Weber zu einigen „Bemerkungen" in der Zeitschrift „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" an. Diese Bemerkungen wuchsen sich jedoch schnell zu zwei umfangreichen, eng gedruckten Sonderbänden der Zeitschrift aus, und sie wurden eine chronikartige und soziologisch ausgelegte Tagesgeschichte des russischen Befreiungskampfes. Seine Sympathie gehörte der russischen Demokratiebewegung und der russischen Kultur. Emphatisch schrieb er: „Niemals ist, nach alledem, ein Freiheitskampf unter so schwierigen Verhältnissen geführt worden wie der russische, niemals mit einem solchen Maß von rücksichtsloser Bereitschaft zum Martyrium, für die, scheint mir, der Deutsche, der einen Rest des Idealismus seiner Väter in sich fühlt, tiefe Sympathie besitzen müßte". Beide Artikel über das Schicksal und die Wege der Demokratisierung in Rußland sind aktuell bis zum heutigen Tage. Weber war sicher, daß diese Bewegung langfristig nicht mehr aufzuhalten war, so schwer die Rückschläge zunächst auch sein mochten.
Der Leser kann aus diesen Artikeln Webers ersehen, daß er auch die sozialwissenschaftlichen Aufsätze bekannter Marxisten wie Vladimir Lenin und Georgij Plechanov kannte. Er kritisierte sie scharf und wies überzeugend nach, daß die linksradikale Strategie der marxistisch orientierten Sozialdemokratie für die Gesellschaft äußerst gefährlich sei. Überdies sei sie theoretisch längst überholt und dogmatisch. Als Beispiel diente für Weber der schon oben erwähnte Moskauer Streik im Dezember 1905. Lenin antwortete ihm später im „Vortrag über die Erste russische Revolution" und nannte ihn „einen Vertreter der feigen Bourgeoisie". Auf eine strenge Analyse, wie Weber es getan hatte, ließ er sich allerdings nicht ein und brachte auch keine materiellen Beweise für seinen Vorwurf.
Zu den politischen und soziologischen Gegnern Lenins zählte auch der russische Soziologe Nikolai Michailovsky (1842-1904). Er gehörte zur sogenannten subjektivistischen Schule, die seinerzeit in der russischen Wissenschaft sehr verbreitet war. Michailovsky verteidigte den Liberalismus und die Sittlichkeit als Determinanten der gesellschaftlichen Geschichte. Er kritisierte scharf die Ideen des französischen Soziologen und Sozialpsychologen Gabriel Tarde über die Spezifika der sozialen Entwicklung. Es ging dabei vor allem um die Rolle des Phänomens der Nachahmung im gesellschaftlichen Leben. Michailovsky beschrieb die Nachahmung viel früher und genauer als Tarde, aber er maß dieser eine nicht so große und ausschließliche Bedeutung zu, wie es dieser tat. Politisch gehörte Michailovsky zu der Bewegung der russischen Intelligenzia, die „Narodniki" („Volksfreunde") hieß. Für ihn war die russische Bauerngemeinde („Obschina") ein ideales Modell des gesellschaftlichen Daseins, und die russische Bauernschaft galt für ihn als führende Kraft auf dem Weg der Modernisierung Rußlands. Die Zukunft gehörte nach seiner Ansicht nicht dem Kapitalismus, sondern der Bauernschaft. Für Lenin aber gehörte diese Rolle den Proletariern. Im Jahre 1894 schrieb W. Lenin das Buch „Was sind die ‘Volksfreunde’ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten?", in dem er die politischen und sozialen Ideen von N. Michailovsky kritisch analysierte.
Die deutschen und französischen Soziologen beobachteten aufmerksam die Arbeiten ihrer russischen Kollegen, die sogar oft zuerst im Ausland und erst danach in Rußland erschienen. So wies z. B. Werner Sombart auf das Buch von Maxim Kovalevsky über die Entwicklung Europas hin, monierte einige Fehler und teilte mit, daß der Druck des russischen Originals in Vorbereitung sei.
Neben der engen Verbindung zur westeuropäischen Diskussion muß man auf eine andere Besonderheit hinweisen, die die russische Soziologie in ihren Anfängen entscheidend geprägt hat. Das ist der Einfluß des Marxismus, der aus Deutschland kommend in die russische Diskussion eingedrungen war und sich dort eingebürgert hatte. Der Grund dafür, daß diese Gedanken in Rußland Fuß fassen konnten, lag in der chaotischen politischen und ökonomischen Lage in Rußland, in der großen propagandistischen Arbeit der Sozialdemokraten und ihrer gut und stark organisierten Partei, die in fast allen Gebieten des Landes wirkte. Er hing aber auch mit dem Ersten Weltkrieg zusammen, den die Bevölkerung nicht wollte, und der Schwäche der zaristischen Regierung. Diese Faktoren schufen die Voraussetzung für das Eindringen der marxistischen Ideologie in Rußland. Schon am Ende des vorigen Jahrhunderts drangen der Marxismus und seine Varianten in die Geisteswissenschaften, in die Kunst und in die Weltanschauung ein.
Die von Karl Marx ausgearbeitete materialistische Geschichtsauffassung diente als philosophisches Fundament der Gesellschaftstheorie. Die materialistische Geschichtsauffassung beschrieb die historische Entwicklung als das Verhältnis von Sein und Bewußtsein, von Basis und Überbau. Mit der Herausarbeitung der materialistischen Geschichtsauffassung entwickelten Marx und Engels ihren Begriff der Ideologie. 'Ideologisch' nannte Marx zum einen die durch gesellschaftliche bzw. Klasseninteressen bestimmten, durch sie vermittelten oder gebrochenen und auf ihre Verflechtung gerichteten verschiedenartigen Formen der ideellen Widerspiegelung, worunter er die bewußtseinsmäßige Verarbeitung von Vorgängen in der ökonomischen Basis verstand; ideologisch nannte er aber auch die Formen der (durch den Kopf hindurchgehenden, also ebenfalls durch das Bewußtsein „vermittelten") praktischen Austragung der aus den Basisprozessen resultierenden Konflikte. Für die breiten Massen schlug die marxistische Ideologie eine einfache und klare Weltkonzeption, den einfachen und schnellen Weg zum Glück vor.
Die Konfrontation zwischen einer marxistisch orientierten Soziologie und allen anderen Richtungen wurde auf lange Zeit bestimmend. Diese Konfrontation hat in Rußland eine lange und tragische Geschichte. Hier nämlich unternahm man den ersten praktischen Versuch, die Idee von Marx aus dem letzten Band des „Kapitals" über die „Expropriation der Expropriateure" zu verwirklichen. Theoretisch wurde der Marxismus vor allem von Lenin, dem Führer der russischen Sozialdemokratie, weiter entwickelt.
In dieser Zeit, im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, wandten sich viele junge Intellektuelle von der Sozialdemokratie und der materialistischen Geschichtsauffassung ab und den spirituellen Theorien zu. Das war die Bewegung der jungen Intelligenzia „vom Marxismus zum Idealismus". Im Jahre 1902 erschien das Buch „Probleme des Idealismus". Die Autoren waren sich darin einig, daß der Prozeß der Erkenntnis viel komplizierter ist als der Marxismus ihn beschreibt. Sie kritisierten, daß Marx und Engels die Abhängigkeit der Bewußtseinsinhalte und der Bewußtseinsstruktur von den Produktionsverhältnissen nicht schlüssig nachgewiesen hätten. Das Buch bringt gewissermaßen die erste Etappe dieser Bewegung und eine Wende zum Idealismus zum Ausdruck. Viel wichtiger wurde ein zweites Buch mit dem Titel „Die Wegzeichen" („Wechi"). Dieses Buch erschien im Jahre 1909, und es versammelte die besten und einflußreichsten Soziologen und Philosophen der neuen Generation, zu denen N. Berdjaev, F. Kistiakovsky, P. Struve, S. Frank u. a. gehörten. In dem Sammelband kamen die Ideen und Ideale dieser neuen Generation zum Ausdruck, aber auch ihre Widersprüche.
Das Buch „Die Wegzeichen" löste bei seinem Erscheinen eine Diskussion über die soziale Erkenntnis, über die Position der Intelligenzia und das Schicksal des Kapitalismus und des Sozialismus in Rußland aus. Im Zentrum standen die Fragen nach dem Verhältnis zwischen der Macht und der Kultur, zwischen der Intelligenzia und anderen Schichten der russischen Gesellschaft. Peter Struve beklagte z. B. die Schwächen der nationalen Intelligenzia und ihren Hang, radikale Maximalforderungen zu stellen, ihre Verantwortungslosigkeit und ihre zerstörerische Rolle in der Gesellschaft. Wichtig waren auch andere Aufsätze von Semjon Frank über die „Ethik der Nihilismus", Nikolai Berdjaev über „Philosophische Wahrheit und Wahrheit der Intelligenzia" u. a. Alles in allem wurden zu diesem Buch mehr als zweihundert Beiträge und Stellungnahmen allein zwischen März und September 1909 veröffentlicht. Die Besprechung des Buches war im vollen Gange, als die obengenannte neue deutsch-russische Zeitschrift „Logos" herauskam.
Ein Teil der Autoren der „Wegzeichen" schloß sich dieser neuen Zeitschrift „Logos" an. Das waren S. Frank, F. Kistiakovsky und P. Struve. Ein anderer Teil ging zu der anderen neuen konkurrierenden Zeitschrift „Der Weg" („Put"). Diese zweite Zeitschrift trug deutlich religiöse Züge, und ihre Autoren, wie die bedeutenden Denker Sergej Bulgakov und Pavel Florenski, besprachen vornehmlich Fragen der Religion.
Theoretisch war die russische Soziologie dieser Zeit überwiegend positivistisch orientiert. Der Positivismus war den russischen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vertraut. Teils trat man ihm feindselig entgegen, teils unterstützte man ihn aber auch völlig in seinem Anspruch auf Genauigkeit und Objektivität der Erkenntnis, wie sie in den Naturwissenschaften herrschten und nun auch für die Geisteswissenschaften gelten sollten. Nicht wenige sahen im Positivismus ein vielversprechendes Modell, neue, soziologische - und nicht mehr philosophische oder kulturtheoretische - Fragestellungen und Forschungsansätze zu entwickeln. Als man dann den Versuch unternahm, sie zu realisieren, war das für die Regierung Anlaß genug, gegen soziologische Forschungstätigkeit einzuschreiten. Die unabhängigsten unter ihnen, die sich dem Druck zu widersetzen suchten, wurden Opfer von „Berufsverboten".
Als Beispiel sei das Schicksal von Maxim Kovalevsky (1851-1916) genannt. Die Entstehungsgeschichte der Soziologie und ihre Institutionalisierung als wissenschaftliche Disziplin in Rußland ist eng mit seinem Namen verbunden. Kovalevsky war ein hervorragender Gelehrter. Er verbrachte viele Jahre im Ausland, weil er wegen seiner unabhängigen wissenschaftlichen Tätigkeit, wegen seiner liberalen und demokratischen Ideen seine Heimat verlassen mußte. Er wurde dreimal ausgewiesen. Er hielt Vorlesungen in Frankreich, Schweden und Italien. In zahlreichen Publikationen in Tageszeitungen und Zeitschriften, in Vorlesungen und Vorträgen verlangte er, daß die Entscheidung über ein Gesetz allein dem Volk und nicht dem Zaren zustehe. Kovalevsky forderte für Rußland die friedliche und allmähliche Einführung einer demokratischen Verfassung. Rußland mußte nach ihm ein Rechtsstaat werden. Er war ein Anhänger A. Comtes und von dessen Positivismus. In der Soziologie sah er ein Mittel der objektiven Erkenntnis und zugleich der demokratischen Erziehung und der Transformation der Gesellschaft.
In diesem Sinn spielte die Soziologie eine oppositionelle Rolle, und entsprechend galt sie in den Augen der Öffentlichkeit als eine oppositionelle Wissenschaft. Man begriff die Zensur und die Verbotsmaßnahmen seitens der Regierung und ihrer Vertreter als Vergeltung. Die Ausweisung war eine Variante der offiziellen Macht, mit Kovalevsky und mit anderen progressiven Sozialwissenschaftlern abzurechnen.
Kovalevsky war der Verfasser des ersten in Rußland erschienen Werkes mit dem Titel „Soziologie". Der erste Band erschien 1910 in Sankt Petersburg. In diesem Buch legte Kovalevsky nicht nur seine rein positivistischen Gedanken dar, sondern er zeigte den russischen Forschern auch die Hauptrichtungen der zeitgenössischen europäischen und amerikanischen Soziologie auf. Die Aufsätze Kovalevskys waren ebenso wie seine demokratischen Ideen in den wissenschaftlichen Kreisen seines Heimatlandes und im Ausland gut bekannt. Hier seien nur Werke wie die folgenden erwähnt: „Modern customs and ancient laws in Russia", London, 1891; "Die ökonomische Entwicklung Europas bis zum Beginn der kapitalistischen Wirtschaftsform", Vol.1-7. Berlin, 1901-1914; „Institutions politique de la Russie", Paris, 1902; „Demokratie und ihre politische Doktrin", Sankt Petersburg, 1913. Er interessierte sich für Fragen der Methodologie, vor allem für historisch-vergleichende Methoden, die er mit Erfolg auf die Demographie und auch im Kontext seiner sozialökonomischen Aufsätze anwandte. Kovalevsky war Anhänger einer Forschrittstheorie, deren Hauptidee in der Entwicklung der zwischenmenschlichen Solidarität („Konsensus") lag. Statt A. Comtes „Dreistadiengesetz" propagierte Kovalevsky das „Gesetz zur Vermehrung der zwischenmenschlichen Solidarität". Im positivistischen Sinne war sich Kovalevsky sicher, daß es in der menschlichen Gesellschaft nicht die eine Hauptursache gibt, die die Gesellschaft als Ganze und ihre Entwicklung bestimmt und reguliert. Es seien die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Faktoren festzustellen. Wohl aber sei der Staat die eine und einzige Macht, die alle gesellschaftlichen Kräfte vereinigen und die einander widerstreitenden Seiten und Gruppen versöhnen müsse.
Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Soziologie überwiegend noch in privaten Instituten gelehrt, an den Universitäten kam sie höchstens als Wahlfach oder kleines Nebenangebot vor. Alle Gesuche zur Gründung einer selbständigen soziologischen Fakultät an den Universitäten in der Hauptstadt Sankt Petersburg und in Moskau wurden vom Ministerium für die Hochschulbildung negativ beschieden. Daraufhin gründete Kovalevsky im Jahre 1906 in Paris die sog. „Russische Hochschule für Gesellschaftswissenschaften", an der Soziologie als obligatorisches Fach gelehrt wurde. Diese Hochschule wurde auf Druck der russischen Regierung bald wieder geschlossen. Im Jahre 1908 unternahmen Kovalevsky und seine Kollegen Bechterev, De Roberti und andere einen zweiten Versuch, die Soziologie zu institutionalisieren. Maxim Kovalevsly hatte als Soziologe in diesem Jahr den Planungsauftrag für das private Psychoneurologische Institut in Sankt Petersburg erhalten, in dem das Fach Soziologie nur Teil des Institutes und der Psychoneurologie untergeordnet sein sollte.
Die seinerzeit geforderte und im Institut verwirklichte Praxisorientierung der Soziologie hatte offenbar positive Folgen für das berufliche Unterkommen der Absolventen. Nach einer umfassenden Studie über die Berufskarrieren von Absolventen des Studiums am soziologischen Lehrstuhl kann man sagen, daß der besondere Zuschnitt der Petersburger „Praxisschwerpunkte" eine starke Wirkung gehabt hat. Daß diese Konzeption letztlich gescheitert ist, lag nicht an Kovalevsky, sondern an den Zeitumständen. Diese Umstände, vor allem die reaktionäre Hochschulpolitik der Regierung haben seit 1910 der Soziologie den Garaus gemacht. Die soziologische Forschung wurde verboten. Aus dem neuen Lehrstuhl Kovalevskys war bald eine bloße allgemeine Bildungseinrichtung geworden, an der die Soziologie keinen Platz mehr hatte.
Im Ausland wurden russische Soziologen viel besser anerkannt. So machte die internationale wissenschaftliche Öffentlichkeit Kovalevsky (wie später Paul Lilienfeld und Pitirim Sorokin) in verschiedenen Perioden zum Präsidenten des Internationalen Instituts für Soziologie, das von Rene Worms im Jahre 1894 in Paris gegründet worden war. Kovalevsky war lange Zeit in der französischen „Gesellschaft für Soziologie" (Paris) tätig. Erst nach seinem Tod wurde dann in Rußland im Jahre 1916 eine „Russische soziologische Gesellschaft" unter dem Titel „Kovalevsky-Gesellschaft" gegründet.
Während es Kovalevsky für wichtig hielt, Theorie und Empirie eng zu verbinden, verstand ein anderer berühmter russischer Soziologe Nikolai Kareev (1850-1931) die gesellschaftlichen Prozesse als Bestandteile der Kultur. Kareev war Anhänger einer historisch-kulturellen Konzeption. Sein Ausgangspunkt war ein methodologischer Pluralismus, und auch er stand in der philosophischen Traditionen des Positivismus. Nach seiner Meinung ist die Gesellschaft eine spezifische geistig-materielle Einheit und Ganzheit, die es sozialpsychologisch zu analysieren gelte. Kareev war stark von dem englischen Soziologen Herbert Spencer beeinflußt, und mit diesem beschreibt er die Gesellschaft als einen „Überorganismus", als etwas „Superorganisches". Die Eigentümlichkeit des gesellschaftlichen Organismus besteht in den sozialen Formen des individuellen und kollektiven Lebens. Der soziale Fortschritt ist bloß eine Funktion des Zusammenwirkens verschiedener kultureller Formen. Darüber schrieb Kareev u. a. in seinen Werken „Historisch-philosophische und soziologische Studien" (1895), „Einführung in das Studium der Soziologie"(1913) und „Allgemeine Grundlagen der Soziologie" (1919).
Kareev war seiner Profession nach Historiker, der sich u. a. auch mit der Großen Französischen Revolution befaßte. Für ihn war es wichtig, Grenzen zwischen Soziologie und Geschichte zu ziehen. Der Ausgangspunkt seiner Antwort war, daß die Geschichte das Einmalige - die einzelne historische Tatsache, ein Ereignis u. ä. - studiert. Geschichtsphilosophie und Soziologie sind dagegen nomologische Wissenschaften, die in einem komplizierten Verhältnis zur Geschichte stehen. Nomologisches Wissen versucht, die Gesetzmäßigkeiten des kulturellen und sozialen Lebens zu entdecken. Kareev war bemüht, der Spezifika jeder diesen Wissenschaften gerecht zu werden. Die Geschichtsphilosophie hat die Aufgabe, die reale Geschichte unter dem Gesichtspunkt des Fortschritts zu studieren, Soziologie dagegen sucht das Verbindende und die strukturellen Gründe in der Gesellschaft, in der faktischen Geschichte und in der „sozialen Dynamik". Große Bedeutung maß Kareev der Psychologie bei, die der Sphäre der Kultur, der menschlichen Seele und den psychischen Zusammenhängen zugewandt war.
Die Soziologie untersucht nach Kareev auch die Rolle der verschiedenen politischen Formationen, vor allem des Staates im sozialen Leben. Der Staat ist nach ihm das Resultat der gesamten historischen Entwicklung von der Anarchie und Armut der Verhältnisse in primitiven Gesellschaften hin zu den politisch und ökonomisch „reifen" Gesellschaften der Gegenwart. Auf dem Wege dahin ordnen sich die Menschen der Macht ganz freiwillig unter, obwohl es auch in der entwickelten Gesellschaft rohe Gewalt im Kampf ums Dasein gibt.
Kareevs Lebenszeit fiel mit der revolutionären Entwicklung in Rußland zusammen. Da er sich als professioneller Historiker mit der Großen Französischen Revolution befaßt hatte, sah er sehr genau, was Revolution bedeutet. Seine Einstellung zur Revolution war nicht nur skeptisch, sondern absolut negativ. So warnte er auch vor der Gefahr, die Revolution nicht objektiv zu sehen und sie euphorisch zu überschätzen. Jede Revolution beginne mit Losungen der Freiheit, aber sie bewege sich unweigerlich in Richtung Diktatur. Und in den Revolutionen falle die Macht den alten Behörden und Apparaten zu, auch wenn ihre Losungen neu klingen mögen.
Wovor Kareev gewarnt hatte, erfuhr er dann am eigenen Leibe. Nach der Oktoberrevolution von 1917 protestierte er energisch und heftig gegen die mit Gewalt durchgesetzte und einzig noch zugelassene Ideologie des Marxismus und auch gegen die Expropriation und den Raub privaten Eigentums. Doch als die neuen Machthaber ihren Druck auf die akademische Wissenschaft verstärkten, wurde auch Kareev bald ein Opfer des ideologischen Zwangs, der seinen Tod im Jahre 1931 beschleunigte.
Pitirim A. Sorokin (1889-1968) ist unter den russischen Soziologen im Westen der bekannteste. Er war Mitarbeiter und enger Freund von Kovalevsky. Sie gaben seit 1913 die Zeitschrift „Neue Ideen in der Soziologie" heraus, die unter ihrer Leitung das bedeutendste russische Organ im Bereich der Soziologie wurde. Sie entwarfen einen Plan für die Ausbildung von Soziologen in Rußland und machten die einheimischen Forscher mit der Lage ihrer Wissenschaft im Ausland vertraut. Auch Sorokin fühlte sich den Gedanken der europäischen Positivisten verpflichtet. Eine starke Attraktivität übte Emile Durkheim auf ihn aus, und Sorokins Religionssoziologie steht der Durkheims sehr nahe.
Die ersten Aufsätze von Sorokin erschienen schon im Jahre 1910. Etwas später (1913) erschien dann seine erste große Arbeit unter dem Titel „Verbrechen und Strafe - Heldentat und Belohnung" und wurde von ihm als seine Doktorarbeit verteidigt. In dieser Arbeit bestimmte er Soziologie als eine Wissenschaft, die die Wechselwirkung zwischen den Menschen untersucht. Die soziokulturellen Erscheinungen sind das Ergebnis dieser Wechselwirkungen. Sie kommen in den Systemen der Persönlichkeit, der Gesellschaft und der Kultur zum Ausdruck. Sorokin beschreibt Stufen der sozialen Interdependenz: ökonomische, kulturelle, biologische, territoriale. Auf jeder Stufe entstehen Systeme, die den Systemen in der Theorie H. Spencers ähnlich sind. Gemeinsames Zusammenleben von Menschen bedeutet verdichteten Verkehr, der notwendig die Ausbildung gemeinsamer Symbole verlangt. Die Menschen, die in diesen Prozeß des gemeinsamen Lebens hineingezogen sind, müssen diese Symbole einheitlich verstehen. Darin nämlich besteht nach Sorokin eine Hauptbedingung des gesamten kollektiven Lebens.
Parallel zur Vielfältigkeit der sozialen Verbindungen und Formen des Zusammenlebens existiert ein Mechanismus der „sozialen Kontrolle". Gemeint sind damit standardisierte Formen des Verhaltens und Reagierens. Positive Reaktionen nennt Sorokin „Belohnung" und negative „Strafe". Zusammengenommen stellen alle Reaktionen eine besondere regulative Substruktur dar. Diese beeinflußt die Entstehung und Veränderung der sozialen Gruppen. Ihre Evolution ist, so Sorokin, ein maßgebliches Moment der sozialen Dynamik. Sorokin war überzeugt, daß die moderne Phase der sozialen Evolution von einer proportionalen Verteilung der Güter und Rechte nach persönlichen Leistung gekennzeichnet ist, die die alten Standes- und Kastenmechanismen abgelöst habe. Die historische Dynamik bestehe in einem Wandel der Mechanismen und in der Ausweitung der sozialen Kontrolle. Von diesem Standpunkt aus analysiert Sorokin nun das moderne Gesellschaftssystem, und er findet an ihm viele Züge sozialer Organisation und Gebräuche, die längst obsolet sind. Als Beispiel führt er die ständischen und traditionellen Formen der französischen und der russischen Gesellschaft zu Beginn dieses Jahrhunderts an. Für Sorokin ist es selbstverständlich, daß die liberale Gesellschaftsorganisation heute entscheidende Vorzüge hat.
Sorokin war Anhänger des sogenannten „gemäßigten Behaviorismus", und seine eigene behavioristische Konzeption bezeichnete er als „russische Variante". In ihrem Rahmen entwickelte er neue originelle Ideen über das Verhalten der Menschen und zum Verhältnis von Psychologie und Soziologie. In der Frage des „Konsensus", den er als praktische Maxime betrachtete, folgte er Comte und Kovalevsky.
Alle diese Ideen legte Sorokin in seinem Buch „System der Soziologie" (1922) dar. Als willkommenes Hilfsmittel, sein „System" zu erklären, griff er auf die von dem russischen Nobelpreisträger für Medizin, Ivan P. Pavlov, der ebenfalls in St. Petersburg lehrte, entwickelte Methode der Herstellung und des Löschens bedingter Reflexe zurück. Nach Pavlov dient die Verwendung von Daten, die man z. B. aus der Gehirnforschung erhalte, nicht dazu, das Seelenleben unmittelbar zu erkennen, vielmehr vermittelten sie - wie in den Naturwissenschaften generell - Kenntnisse von der äußeren Welt, insbesondere im Falle experimenteller Ergebnisse, die von jedermann nachgeprüft werden können. Von Sorokin wird die Realität psychischer Prozesse anerkannt, und die Anpassung wird bei ihm oft nicht nur biologisch, sondern auch soziologisch - als Beitrag zur menschlichen Kultur - verstanden.
In der Geschichte des vorrevolutionären Rußland und in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution 1917 ist Sorokin sehr bekannt. Er begründete in der Sankt-Petersburger (dann Petrograder) Universität im Jahre 1919 die Abteilung für Soziologie und wurde ihr Leiter. Soziologie wurde eine selbständige Disziplin.
Sorokin war aber nicht nur ein renommierter Wissenschaftler, sondern zwischen 1917 und 1918 auch politisch tätig. Er war Mitglied der Provisorischen Regierung von A. Kerensky und Deputierter und kämpfte energisch und heftig gegen die Sowjetmacht, gegen ihre Demagogie, ihre Lügen und Verbrechen. Kühn und mutig sprach Sorokin davon offen in der Presse. Die Bolschewisten verurteilten ihn im Jahre 1918 zum Tode, begnadigten ihn dann aber zur Verbannung. Da Sorokins Leben in Sowjetrußland ständig in Gefahr war, emigrierte er im Jahre 1922 in die USA. Die Abteilung für Soziologie wurde geschlossen. Nach einem längeren Aufenthalt an der Universität von Minnesota ging Sorokin nach Harvard, wo er ein Vierteljahrhundert (von 1930 bis 1955) neben Parsons als Soziologe lehrte. Über sein Leben, das wirklich ein tragisches Abenteuer war, hat Sorokin später in seinem Buch „A long journey" berichtet.
Kovalevsky, Kareev, Sorokin und andere stehen für die liberale Richtung in der russischen Gesellschaftswissenschaft. Ihre Tragik bestand darin, daß es ihnen in der Gesellschaft an tatsächlicher Unterstützung fehlte. Ihre Aufrufe zu schrittweisen sozialen Reformen, zum Frieden, zu Konsensus und Dialog blieben ohne Resonanz. Ihre wissenschaftlichen wie politischen Gegner waren demgegenüber nicht nur viel radikaler, sondern auch besser organisiert. Sie verstanden es, die Unzufriedenheit des Volkes und seinen Protest gegen den Weltkrieg zu nutzen. Als theoretische Grundlage diente ihnen der Marxismus. Die einflußreichsten russischen Marxisten und Gegner der Liberalen zu dieser Zeit waren vor allem Georgiy Plechanov und Vladimir Lenin.
Georgiy V. Plechanov (1856-1918) war ein bedeutender marxistischer Theoretiker zu Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts und einflußreicher Theoretiker der russischen Sozialdemokratie. Mit seinem Namen ist die Theorie des Marxismus in Rußland eng verbunden. Er war glänzend ausgebildet und hatte in wissenschaftlichen Kreisen den Ruf eines scharfen Polemikers. In Westeuropa wurde er auch als strenger Vertreter der marxistischen Orthodoxie und als aktiver Sozialdemokrat im Sinne Liebknechts bekannt. Karl Liebknecht (1871 - 1919) war ein Sozialdemokratischer Politiker und führender Repräsentant der äußersten Linken in Deutschland. Sein Gegenspieler war der „Revisionist" Eduard Bernstein. Nach Plechanov ist der Marxismus die „moderne Algebra der Revolution". Sein Ziel ist die proletarische Revolution, und darum müssen Marxismus und Sozialdemokratie gegen alle anderen Gesellschaftstheorien und gegen politischen Liberalismus kämpfen und sie mit Gewalt ausrotten.
In Plechanovs Werken nehmen philosophisch-soziologische Probleme einen zentralen Platz ein. Die soziologischen Aspekte überwiegen vor allem dann, wenn er sich mit Fragen der Moral, der Kunst und der Geschichte auseinandersetzt. Seine Hauptwerke „Zur Frage der Entwicklung des monistischen Gesichtspunktes auf die Geschichte" (1895), „Essays zur Geschichte des Materialismus" (1896), „Zur Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte" (1898) u. a. sind ein Beispiel der marxistisch orientierten soziologischen Diskussion. Seine Arbeiten gelten als ein großer und wichtiger Beitrag in der Diskussion des modernen Marxismus. Seine Aufsätze waren glänzend und packend geschrieben und wirkten wie eine Einladung zu einer neuen Verzauberung unter der Maske der Entfesselung und des Versprechens der Freiheit.
Berühmt ist die Auseinandersetzung des „Orthodoxen" Plechanov mit dem Realisten und „Revisionisten" Eduard Bernstein (1850-1932). So glänzend Plechanov sonst auftrat, in der Auseinandersetzung mit Bernstein fehlten ihm bei aller Polemik durchschlagende Argumente gegen den Realisten. Bernstein stellte in seinem Vortrag „Wie ist ein wissenschaftlicher Sozialismus möglich?" (1900) prinzipielle Fragen, die bis heute in der Soziologie aktuell sind: Grenzen und Möglichkeiten der Soziologie, Soziologie und exakte Erkenntnis, Wissenschaft und Ideologie, Theorie und soziale Praxis - das sind nur einige dieser Fragen. Deutsche und russische Sozialdemokraten waren empört, daß Bernstein den Sozialismus der Ideologie und nicht der Wissenschaft zurechnete. Andererseits war die Sozialdemokraten selbst aber nicht bereit, diese Fragen theoretisch und methodologisch zu erörtern. Nur der Russe Plechanov unternahm einen Versuch, die Fragen Bernsteins zu beantworten. Aber auch er konnte Bernsteins Hauptgedanken nicht widerlegen, der darin bestand, daß der Sozialismus wegen des wissenschaftlich Unbeweisbaren in ihm reine Utopie ist. Was die Soziologie angeht, stellte Bernstein fest, sie könne weder beweisen noch sicher vorhersagen, daß der Sozialismus unausweichlich kommt. In dieser Diskussion hat Plechanov eine Niederlage erlitten.
Der andere Theoretiker, der die frühe Diskussion um die Soziologie maßgeblich beeinflußt hat, war Wladimir I. Lenin (1870-1924). Lenin war Anhänger eines strengen orthodoxen Marxismus. Politisch war er der charismatischer Führer der Russischen Sozialdemokratischen (später der Bolschewistischen und noch später, von 1956, der Kommunistischen) Partei und Gründer des Sowjetstaates. Unter Lenins Leitung wurde die Partei zur führenden Kraft in der Oktoberrevolution von 1917. Lenin formulierte die Lehre von der sozialistischen Revolution unter modernen Umständen und über die Partei der neuen Art, die als „führende und organisierende Kraft" der Gesellschaft wirkt und die Diktatur des Proletariats mit Gewalt in die Geschichte einführt. Die Partei führt die Diktatur des Proletariats zum Sozialismus und weiter zum Kommunismus. Die neue, sozialistische Gesellschaft besteht nur aus zwei einander freundlich zugewandten Klassen: aus Arbeitern und Bauern. Als Zwischenschicht darf nur eine „Volksintelligenzia" bestehen bleiben, die freundlich zu den beiden anderen Klassen ist.
Lenin war überzeugt, daß die Lehre des Marxismus „allmächtig" ist, „weil sie wahr ist". Lenin verteidigte den „reinen" Marxismus gegen „Revisionisten" wie z. B. Bernstein und seine Anhänger.
Für Lenin aber war es unabdingbar, die marxistische Theorie weiter zu entwickeln. Das betraf besonders den dialektischen und den historischen Materialismus und die Erkenntnistheorie (sog. „Abbildungstheorie"), die proletarische Revolution und die Diktatur des Proletariats. In seiner Kritik der Erkenntnistheorie des österreichischen Philosophen Ernst Mach stellte Lenin die scharfe Frage nach den Spezifika der sozialen Erkenntnis. Aus seiner Kritik zog er den harten Schluß, daß „es eine Verbindung zwischen der reaktionären Erkenntnistheorie („Gnoseologie") und den reaktionären Ideen in der Soziologie gibt". Um diesen Zusammenhang geht es in seinem Werk „Materialismus und Empiriokritizismus" aus dem Jahre 1909, das den bezeichnenden Untertitel trägt „Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie".
Von der Soziologie verlangte Lenin dringend, empirische Untersuchungen durchzuführen. Sein Artikel „Soziologie und Statistik" (1921) stellte die wichtige Frage nach dem Umgang mit den sozialen Fakten, nach der theoretischen Verallgemeinerung usw. Als Theoretiker des Sozialismus und der sozialistischer Revolution arbeitete er Ideen über den Klassenkampf und über den sozialistischen Staat aus, der sich deutlich von dem Muster westlicher Demokratien unterschied. Er schrieb über den Aufbau der kommunistischen Partei, der allein alle staatliche und andere Macht gehört, und über die Gründe der sog. sozialistischen Kultur usw.
Besonderen Wert legte Lenin (und auch seine Nachfolger) auf das Prinzip der Parteilichkeit als Fundament aller sozialen Erkenntnis und auf die Theorie der sozialistischen Revolution, die nach Lenin für alle Welt unentbehrlich ist. Was ist damit gemeint, und warum verbindet Lenin diese beiden Fragen?
Parteilichkeit ist nach Lenin ein wichtiges soziologisches Prinzip; sie ist der politische Ausdruck der entwickelten Klassenwidersprüche und Ausdruck der Interessen der progressivsten sozialen Klasse in der Geschichte. Nun reicht es aber nicht, nur Klassenanalyse zu betreiben. Viel wichtiger ist es, die proletarischen Klasseninteressen in der Weltanschauung, in den Wissenschaften und in der Lebenspraktik zu verwirklichen. Aus dem Prinzip der Parteilichkeit leitet Lenin auch ganz selbstverständlich den Führungsanspruch der kommunistischen Partei gegenüber der Wissenschaft ab. Rückblickend kann man sagen, daß seinerzeit schon früh in der Wissenschaft die Voraussetzungen geschaffen wurden, die später zum „eisernen Vorhang" führten.
Die sozialistische Revolution ist nach Lenin die höchste Stufe der sozialen Revolution. Nach der Oktoberrevolution (1917) dachte Lenin ernsthaft über die Verwirklichung der sozialistischen Revolution überall in der Welt nach. Er verband den Gedanken einer proletarischen Revolution fest mit den nationalen antiimperialistischen Bewegungen (z. B. in solchen Ländern wie Bulgarien) und mit den sozialen Protesten der gesellschaftlichen Unterschichten in den entwickelten europäischen Ländern (z. B. Deutschland, Frankreich). Ein neuer Hauptpunkt seiner Theorie der sozialistischen Revolution im Vergleichnis zu den Marxschen Thesen über die sozialistische Revolution bestand darin, daß er ein „schwaches Glied" in der Kette der hochentwickelten kapitalistischen Länder findet. Er spricht von einem „unterentwickelten" Land, und damit meint er Rußland.
Für Lenin waren diese Ideen das Vorbild neuer Theorie, neuer Taktik und Praxis sozialer Veränderungen. Nach dieser Theorie ist der Übergang zum Sozialismus nur mit Gewalt möglich. Nach der Revolution setzt sich der Klassenkampf fort, aber an der Spitze des neuen Staates steht das Proletariat, das gegen feindliche Klassen Gewalt anwenden muß. Insgesamt genommen verstand Lenin seine Theorie der proletarischen Revolution als Begründung und tatsächliche Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und der Marxschen These von der „Expropriation der Expropriateure". Lenin selber formulierte diese These viel drastischer in der Losung „Raube das Geraubte!".
Lenin war ein hochgebildeter Mensch und verstand sehr genau, daß Soziologie für seine Macht und die Regierung von Nutzen sein konnte. Zuallererst sah er in der Soziologie ein gutes Mittel für die theoretische Begründung der praktischen Tätigkeit der Kommunistischen Partei beim Aufbau der neuen Gesellschaft. Für Lenin war es unabdingbar, die Schaffung der neuen sozialen Struktur zu beobachten und ihre Entwicklung gegebenenfalls zu korrigieren. Deshalb darf im proletarischen Staat die Soziologie nicht nur beschreiben, sondern sie muß auch prognostizieren und organisieren. Soziologie konnte als Frühwarnsystem zu wichtigen sozialen Prozessen dienen.
Eine Voraussetzung zur Schaffung der neuen Struktur war für Lenin, die sog. ausbeuterischen Klassen in der Industrie und auf dem Lande zu vernichten. Die Folge war eine Massenvernichtung des alten Unternehmertums und der sog. „Großbauern", von Priestern und Angehörigen des Militärs, von Politikern, Beamten und Deputierten auf allen politischen Ebenen, vor allem von Vertretern der echt russischen Selbstverwaltung, der „Semstwo". Das aber waren die Schichten, aus denen sich die soziale Elite der Gesellschaft rekrutiert hatte. Dabei betonte Lenin seine volle Verachtung der „bürgerlichen" Rechte, der „bürgerlichen" Parlamente und der Menschenrechte, über die er sich lustig machte.
Diese soziale „Säuberung" war nach Lenin eine notwendige Maßnahme der proletarischen Diktatur, und die physische Ausrottung solcher sozialen Gruppen stand in Übereinstimmung mit der marxistisch-leninistischen Lehre. Lenin selbst hatte sie als die erste praktische Aufgabe der Diktatur des Proletariats so bestimmt. Diese Idee und die Praktik der Vernichtung der „sozial fremden Schichten" wurde von Lenins Anhängern und Nachfolgern als die „Weiterentwicklung des Marxismus" geschätzt.
Als Triebkraft der Diktatur wirkte die Herrschaft der kommunistischen Partei, die Lenin als „Vernunft, Ehre und Gewissen unserer Epoche" bezeichnete. So nannte sie sich auch selbst. Deshalb waren auch andere, ihr sogar nahestehende Parteien verboten.
2. Soziologische Diskussion in den 20er und 30er Jahre
In den zwanziger Jahren begann sich die eine und für alle verpflichtende Ideologie durchzusetzen. Damals setzte dann auch das ein, was man heute „braindrain" nennt. Besonders offensichtlich wurde dieser Prozeß im Bereich der Kultur, als im Jahre 1922 ohne jede Rechtsbegründung mehr als 200 Denker, Gelehrte und Wissenschaftler gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen. Dazu gehörte auch der oben erwähnte Soziologe Pitirim A. Sorokin. Er wurde wegen seiner offenen Kritik der Verbrechen der Sowjetmacht zum Tode verurteilt. In seinem Tagebuch „Bemerkungen eines Soziologen" (1917) hatte er ganz offen die gefährliche Lage der Ökonomie Rußlands beschrieben und den künstlich organisierten Hunger in den Gebieten, die sich der Sowjetmacht widersetzten, angeprangert. Diese Hungersituation war bewußt hergestellt worden, um Bauernaufstände, die in bestimmten Landesteilen ausgebrochen waren, zu brechen. Viele Wissenschaftler verließen Rußland, andere wurden umgebracht.
An der Stelle der umgebrachten oder ausgewiesenen Professoren und Lehrer traten an den Universitäten sog. „Werktätige in leitender Stellung". Das waren Leute, die aus proletarischen Familien stammten und sich Verdienste um die neue Macht erworben hatten. Sie besaßen das richtige „Klassengefühl", und das war Voraussetzung genug, um Universitätslehrer zu werden. Die Universität von Sankt Petersburg hatte dabei noch ausgesprochenes Glück mit dem „roten Professor" Michail Serebrjakov. Früher war er Kommissar in der „Roten Armee" gewesen. Als Mitarbeiter und auch Kollege von Plechanov konnte ihn die Macht nicht übergehen. So wurde er zum „Werktätigen in leitender Stellung" in der Universität gemacht. Serebrjakov hat später viele interessante und originelle Arbeiten auf dem Gebiet der europäischen Philosophie und Soziologie verfaßt. Er lehrte die Studenten die sozialen und politischen Prozesse seinerzeit verstehen, die später auch Boris Pasternak in seinem Roman „Doktor Schiwago" so gut beschrieben hat. Aber als objektive Wissenschaften blieben die Sozialwissenschaften in diesen Jahren blind und taub für die soziale Realität. Das lag auch daran, weil es lebensgefährlich war, empirische Soziologie zu betreiben, also die realen Prozesse objektiv zu untersuchen.
Trotzdem erschienen in dieser Zeit Übersetzungen vieler wichtiger Soziologen aus dem Westen Europas. Darunter waren Max Webers „Wirtschaftsgeschichte" (1923), auch seine „Agrargeschichte des Altertums" (1925). Einige Jahre später wurde eine soziologische Anthologie von Werner Sombart unter dem Titel „Soziologie" veröffentlicht. Etwas später erschien Sombarts dreibändiges Buch „Der moderne Kapitalismus" und Fragmente der „Protestantischen Ethik" von Max Weber. Die russischen Leser kamen insofern schnell in Berührung mit der soziologischen Literatur im Westen, und die Rezensionen von russischen Autoren waren objektiv und zeugten von tiefem Verständnis. Die Wissenschaftler diskutierten sehr gründlich zahlreiche schwierige theoretisch-methodologische Fragen, z. B. über das Wesen der soziologischen Empirie oder die Weberschen Idealtypen und ihre erkenntnistheoretischen Möglichkeiten und Grenzen.
Die wichtigsten neuen Zeitschriften, in denen diese Diskussionen Ende der 20er Jahre liefen, waren „Unter dem Banner des Marxismus", „Nachrichten der Sozialistischen Akademie", „Bolschewik" oder „Oekonomist". Viele Autoren entstammten noch der alten akademischen Elite, und ihre Argumentation war professionell und wissenschaftlich. Meistens aber dominierte die neue Generation der „Werktätigen in leitender Stellung". Ihre Rolle in Diskussionen verstanden sie einfach darin, nur die Vorteile des Marxismus zu beweisen. Andere Gesichtspunkte fielen scharfer Kritik zum Opfer.
Besonders stark wurden die soziologische Konzeption und die philosophische Weltanschauung von Alexander A. Bogdanov (1873-1928) angegriffen. Diese Kritik hatte schon lange vorher begonnen, sie reicht weit vor die Oktoberrevolution (1917) zurück. So hatte Lenin schon im Jahre 1909 in seinem scharf polemischen Buch „Materialismus und Empiriokritizismus" Bogdanov heftig kritisiert. Lenin machte bei Bogdanov einen Rückzug vom „echten" Marxismus hin zum Empiriokritizismus aus. Bogdanov hatte eine eigene Theorie entwickelt, die er „Tektologie" (vom griech. tiktein - errichten, bauen) nannte. Diese Theorie war etwas völlig neues und originell und nahm ihren Ausgang nicht vom Marxismus. Heute wissen wir um die große Bedeutung dieser Theorie, die das Problem des Systems und prinzipielle Fragen der Information und ihrer Rückkoppelung behandelt. Außerhalb Rußlands verstand man sofort die Bedeutung der Tektologie Bogdanovs, in seinem eigenen Lande aber schmähte man ihn und wies seine Theorie als Antimarxismus und Idealismus zurück.
Einige Forscher versuchten im Auftrag der Macht konkrete Untersuchungen durchzuführen. Aus heutiger Sicht kann man diese Arbeiten nur mit Mühe der Soziologie zurechnen. Richtiger müßte man sie als sozialökonomische Beiträge bezeichnen, die politisierenden Charakter haben. Zu diesen Arbeiten zählen z. B. die Aufsätze von V. Trutovsky „Organisation der Arbeitsprozesse" (1921), L. Krinzmann „Klassenteilung auf dem sowjetischen Lande" (1925), F. Sausolkov „Zur Charakteristik der sozialen Lage" (1925), „Ehe und Familie früher und jetzt" (1925) oder A. Klibanov „Das Klassenwesen der modernen religiösen Sekten" (1928).
Eine Arbeit verdient aber besonders erwähnt zu werden. Sie war schon im November 1918 im Städtchen Vesjegonsk, gewissermaßen dem „Krähwinkel" Rußlands, erschienen. Es handelte sich um eine kleine Broschüre im orangefarbenen Umschlag, die noch nicht einmal 80 Seiten umfaßte. Die Auflage war mit 1000 Exemplaren auch nicht groß. Dieses Büchlein trug den ungewöhnlichen Titel „Ein Jahr mit Schießgewehr und Pflug". Der Autor war Alexander Todorsky. Er schickte ein Exemplar an Lenin, der damals an der Spitze des neuen sozialistischen Staates stand. Gegen jede Erwartung las Lenin diese Broschüre aufmerksam durch. Er schätzte die Arbeit so hoch ein, daß er sich in einem eigenen Artikel unter dem Titel „Ein kleines Bildchen für die Aufklärung der großen Fragen" mit ihr auseinandersetzte. Darin lobte er die von Todorsky beschriebene Arbeit der Bolschewiki aus Vesjegonsk, die - so Lenin - als ein Vorbild für alle Kommunisten Rußlands dienen könne.
Todorsky war Journalist, der das Leben in der kleinen Stadt und seinen Wandel nach der Oktoberrevolution von 1917 aus unmittelbarer Nähe und ganz genau beobachtete und beschrieb. Er war selbst in verschiedene politische und ökonomische Prozesse eingebunden und verstand deshalb die soziale Situation gut. Er sammelte große Mengen von Material und beschloß sie herauszugeben. Das Ergebnis war eine schlichte und ehrliche und deshalb um so lebendigere Beschreibung nicht nur der tragischen Schicksale von vielen Handwerkern und Großbauern, sondern auch der tiefen Erschütterung des provinziellen Trotts. Auf der anderen Seite zeigte der Autor auch die neuen Züge im Leben dieser Stadt, die mit der Einrichtung einer neuen Schule, einer Klinik u. a. eingeleitet wurden. Todorsky hatte tatsächlich ein „kleines Bild" der realen Wirklichkeit der Revolution gemalt. Er war überzeugter Anhänger der Revolution, der Sowjetmacht und des Sozialismus, aber als objektiver Forscher und Journalist wollte er auch nichts beschönigen.
Die Würdigung durch Lenin hat Todorsky später - unter Stalin - aber nicht vor einem schlimmen Schicksal bewahrt. Obwohl er der sozialistischen Idee aufrichtig ergeben war, wurde er in der Zeit der sog. „Säuberung" (1937) verhaftet und der „Teilnahme an einer konterrevolutionären Verschwörung" bezichtigt. Er verbrachte 15 Jahre im GULAG. Er hat überlebt. Wie Todorsky fanden sich viele Sozialforscher, die weit davon entfernt waren, der Sowjetmacht feindlich gegenüberzustehen, zum Schluß im GULAG wieder. Viele haben es nicht überlebt.
Neben dieser empirischen Linie muß eine andere Entwicklung in der Diskussion der 20er Jahre betrachtet werden, die die Theorie der Gesellschaft betraf. Die erste theoretische Arbeit über den historischen Materialismus nach der Revolution stammt von dem Parteitheoretiker und Mitglied der Sowjetregierung Nikolai Bucharin (1888-1938). Sein Buch trug den Titel „Theorie des historischen Materialismus" und erschien im Jahre 1921. Kritiker behaupteten sogleich, der Autor gehe nicht konsequent in der Bahn des Marxismus. Außerdem warf man ihm einen Mechanizismus und ein falsches Verständnis von Freiheit und Notwendigkeit vor. Nach dem Marxismus ist Freiheit als bewußte Notwendigkeit zu verstehen.
Dazu muß man sagen, daß Bucharin gar keinen Anspruch auf eine theoretische Auseinandersetzung erhoben hatte, sondern nur ein verständliches Lehrbuch schreiben wollte. In diesem Buch weicht er in der Tat von den orthodoxen kanonischen Texten des Marxismus ab. Darin lag denn auch die eigentliche Ursache der scharfen Kritik von der Seite der Theoretiker, die die Reinheit dieser Texte bewahren wollten. So betonte Bucharin z. B. die Bedeutung des Gleichgewichtes zwischen Natur und Gesellschaft. Dieses Gleichgewicht werde vom Menschen ständig verletzt und wieder hergestellt. Eben darin liege ein realer Widerspruch, der immer aufs Neue überwunden werden müsse. So verwirklichen sich Entwicklung und Niedergang. Diese einfache Idee dehnte Bucharin auch auf die Gesellschaft aus. Der orthodoxe Marxismus betrachtete das Verhältnis von Natur und Gesellschaft dagegen als „ewigen Kampf", in dem der Mensch als tätiges Subjekt immer der Sieger bleibe. Hier war sehr wenig über die sog. materialistische Geschichtsauffassung gesagt - darin lag der Unterschied zwischen Bucharin und den Orthodoxen. Die Kritik warf Bucharin in Analogie zu der Kritik an Bogdanovs Tektologie einen Biologismus der sozialen Erkenntnis à la Spencer vor.
Unter den marxistischen Theoretikern war Bucharin einer der ersten, die den Zusammenhang zwischen der Soziologie und den anderen Gesellschaftswissenschaften untersuchten. Seiner Meinung nach gibt es nur zwei Wissenschaften, die das soziale Leben vollständig umfassen. Das sind Soziologie und Geschichte. In seinem oben genannten Lehrbuch zur „Theorie des historischen Materialismus" beschreibt er die Aufgaben der Geschichte und der Soziologie. Die Geschichte muß feststellen, was, wann, wie und wo passiert ist. Die Soziologie muß sagen. was denn Gesellschaft ist, wovon ihre Entwicklung und ihr Niedergang abhängen, welche Beziehungen es zwischen solchen Gebieten wie Wirtschaft, Recht, Wissenschaft u.a. gibt, und so weiter. Soziologie ist die allgemeinste und abstrakteste der Sozialwissenschaften und steht auf der gleichen Stufe wie die Geschichtsphilosophie. Bucharin versteht Soziologie deshalb auch als „Theorie gesellschaftlicher Prozesse". Als solche liefert sie der Geschichte die allgemeinen Methoden und die Methodologie.
Trotz der Kritik der orthodoxen Marxisten an dieser Theorie darf man nicht vergessen, daß Bucharin die marxistische Geschichtsauffassung und Lenins Idee der Parteilichkeit immer und vorbehaltlos verteidigte. Ein bemerkenswerter Beleg für diese Grundüberzeugung ist seine Polemik gegen den Physiologen und Nobelpreisträger des Jahres 1904 Ivan Pavlov von der Universität St. Petersburg. Pavlov hatte ganz offen geschrieben, daß Marxismus und Kommunismus nicht im Besitz der absoluten Wahrheit sind, wie es Lenin und seine Anhänger behaupteten. Pavlov wies statt dessen immer auf die Unterdrückung der Meinungsfreiheit hin. Außerdem lehnte er die These von der Unausweichlichkeit der sozialistischen Revolution ab. Die Antwort von Bucharin lautete, die Weltrevolution sei ganz nah. Zum Beweis verwies er auf die Ereignisse in Bulgarien, wo es Aufstände gab. Es liegt auf der Hand, daß sich Pavlov mit diesem „Beweis" nicht zufriedengab.
Ein anderer Kritiker Bucharins war der bekannte Historiker Michail N. Pokrovsky (1868-1932). Er hat in seiner Aufsatzsammlung „Essays der Geschichte der russischen Kultur", die im Jahre 1923 erschien, ebenfalls einen Versuch zur Definition von Soziologie unternommen. Seine Position ist aber weniger klar als die von Bucharin. Pokrovsky verband die Soziologie nicht mit der Geschichte wie Bucharin, sondern mit der Kultur, wobei es für einen strenger Leser auch unklar wird, was er unter Kultur versteht. In diesem Buch betont Pokrovsky, daß er keine Unterschiede zwischen der Soziologie und der Kulturgeschichte sieht. Beide suchen nach den Gesetzen der Gesellschaft des Menschen als eines Kulturschöpfers. Während andere Kritiker Bucharin noch einen Biologismus aus dem Geiste Spencers, der die Gesellschaft mit einem biologischen Organismus gleichsetzte, vorwarfen, dekretierte Pokrovsky, Spencer spiele überhaupt keine Rolle mehr. Er gebe nur noch wenige Anhänger dieser Lehre, und deshalb mache es auch keinen Sinn, seine Position zu widerlegen. Bucharin selbst ereilte später ein Geschick, das unter Stalin vielen Wissenschaftlern und überzeugten Marxisten zuteil wurde. Er wurde im Jahre 1938 hingerichtet.
Will man die Bedeutung der Diskussion der 20er Jahre für die Etablierung der Soziologie in der Gesellschaft in einem Satz zusammenfassen, dann kann man sagen, daß es keine eigenständige „originär sowjetische" Soziologie gab. Die alte Soziologie im Geiste von Kovalevsky oder Sorokin im neuen Rußland war verboten und ihre Repräsentanten waren vertrieben. Den Marxisten, die seinerzeit der Wissenschaft Ziele und Inhalte vorgaben, diente ausländische soziologische Literatur, vor allem die westeuropäische, nur als Objekt der Kritik. Nur einige wenige hatten über die spärlichen Übersetzungen, die in Rußland erschienen, Zugang zu der soziologischen Diskussion im Ausland. Im eigenen Land die Soziologie weiterzuentwickeln wurde praktisch unmöglich, und die besten Sozialwissenschaftler verließen Rußland oder wechselten das Fach. Natürlich drängt sich die Frage auf, warum denn überhaupt Übersetzungen „klassenfeindlicher" Autoren erschienen. Darauf hat W. Adoratsky, einer der damals führenden marxistischen Theoretiker, schon im Jahre 1922 eine interessante Antwort gegeben: es wäre dumm, die bürgerlichen Wissenschaftler zu ignorieren, denn um den Feind zu besiegen, muß man ihn von Grund auf kennen. Die Aufgabe sei aber, theoretisch höher als diese Wissenschaft hinaufzusteigen.
Genau mit diesem Ziel wurde im Jahre 1926 eine soziologische Anthologie von Werner Sombart unter dem Titel „Soziologie" ins Russische übersetzt. Im Vorwort betonte der Herausgeber dieses Buches, I. Markuson, der entscheidende Fehler der westlichen Autoren bestünde darin, daß sie die historisch-dialektische Methode ignorierten. Die Aufgabe der Wissenschaft bestehe darin, die Form der gesellschaftlichen Struktur zu untersuchen. Diese verändere sich mit dem Wandel der Ökonomie. Die ökonomischen Verhältnisse seien das entscheidende, und deshalb bestehe auch die Aufgabe der Soziologie darin, die historisch-materielle Verfassung einer Gesellschaft zu analysieren. Deshalb falle auch vom marxistischen Standpunkt aus - hier beruft sich Markuson ausdrücklich auf Adoratsky - die Soziologie mit der Kulturgeschichte zusammen. Marxistische Kulturgeschichte und Soziologie, so Markuson, sind dasgleiche.
So sah die „offizielle" Position der führenden Marxisten aus, die sich durch „proletarische Herkunft" und aktive Tätigkeit in der kommunistischen Partei qualifiziert hatten und die Wissenschaft mit einem geschärften „Klassenbewußtsein" leiteten. Man kann sich leicht ausmalen, daß es ihnen an einer festen wissenschaftlichen Konzeption und daß es auch an einer ernsthaften Diskussion untereinander fehlte. Sie sahen auch nicht, worin der Sinn einer autonomer Wissenschaft bestehen sollte. So gingen sie ganz selbstverständlich davon aus, daß mit ihnen die Wissenschaft erst beginnt, und deshalb ließen sie das reiche Erbe der vorrevolutionären russischen Soziologie ganz bewußt außer Betracht.
Diese Einstellung herrschte auch in den 30er Jahren. Soziologie war erlaubt in dem Maße, wie sie in kommunistischen Begriffen ausgedrückt und als ideologische Waffe benutzt werden konnte. Da man nach der sowjetischen Ideologie immer und überall auf der Hut vor inneren und äußeren Feinde zu sein hatte, mußte auch eine Wissenschaft, die außerhalb und nicht nach den Maximen des Marxismus gepflegt wurde, mit Argwohn betrachtet werden. Die ausländische Soziologie galt als eine feindliche Wissenschaft.
Um so erstaunlicher ist es, daß selbst in dieser stark antisoziologischen Situation einige Untersuchungen erschienen, die höchst bemerkenswert sind und auch für die heutige Diskussion nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Die Forscher waren alles Anhänger des Marxismus. Als Beispiel möchte ich die religionssoziologischen Arbeiten über die Religionen des Frühkapitalismus von Alexander Kapelusch aus dem Jahre 1931 erwähnen. Er folgt Max Weber und beschreibt nicht nur protestanische und katholische, sondern auch andere Religionen, die im Prozeß der Entstehung des Kapitalismus wichtig waren. Das ist die zentrale Erkenntnis von Kapelusch, die bis heute interessant ist. Unter dem Blick der Methodologie der sozialhistorischen Erkenntnis hat sich Alexander I. Neusychin mit der empirischen Soziologie von Max Weber und seiner Logik der historischen Wissenschaft auseinandergesetzt. Schon die gestellten Fragen waren neu und viel tiefer als die marxistische Abbildungstheorie. Dazu gehören auch die Arbeiten von Sergej A. Oransky , der die Frage, was Soziologie ist, diskutierte und die Identität von Soziologie und Historischem Materialismus bestritt. Obwohl Oransky überzeugender Anhänger des Marxismus war, wurde er Anfang der 30er Jahre erschossen.
Wie gefährlich es seinerzeit war, soziologisch zu arbeiten, zeigt das Schicksal von Konstantin Megrelidse. Megrelidse wurde Ende der 20er Jahre als junger Parteifunktionär nach Deutschland geschickt, um dort beim Aufbau einer sozialdemokratischen Jugendbewegung mitzuhelfen. Während seiner Zeit in Deutschland hörte er Vorlesungen in Philosophie und Soziologie, unter anderem auch in Phänomenologie in Heidelberg und Freiburg. Nach seiner Rückkehr schrieb er zuhause eine Arbeit mit dem Titel „Hauptprobleme der Wissenssoziologie", die ganz neue und selbständige Ansätze enthielt. Da sie aus dem orthodoxen Marxismus herausfielen, durfte das Buch nicht erscheinen. Megrelidse selbst wurde im GULAG interniert und später im Großen vaterländischen Krieg (1941-1945) in einem Strafbataillon an vorderster Front eingesetzt, wo er dann auch umkam. Seine bahnbrechende Arbeit wurde erst ein halbes Jahrhundert nach dem ersten Entwurf, im Jahre 1973, veröffentlicht.
Alle genannten Autoren waren überzeugte Anhänger des Marxismus. Sie waren enzyklopädisch gebildet, sie verfügten über tiefe Einsichten, und ihre Aufsätze waren auf einem hohen internationalen wissenschaftlichen Niveau geschrieben. Viele dieser Autoren wurden in der Stalinzeit verhaftet und als „Volksfeinde" erschossen.
Insgesamt genommen war die Soziologie in den 20er und 30er Jahren in Sowjetrußland vom main stream der europäischen Entwicklung abgeschnitten. Der schwierige Weg, den sie ging, war durch ein ideologisches Diktat vorgegeben. Damit wandelte sie sich zu einer Art religiösen Glauben. Eine radikal veränderte Gesellschaft mit ganz neuen politischen Kräften verlangte nach einer neuen „klassenbewußten" Moral, aber nicht nach einer soziologischen Wissenschaft, die Anspruch auf objektive Erkenntnisse erhob. Ende der 30er Jahre brach die soziologische Diskussion ganz ab. Diese Situation dauerte bis Anfang 60er Jahre.
3. Soziologische Diskussion der 60er Jahre
Der Moskauer Historiker und Soziologe S. I. Sergeitschik schreibt in seinen Erinnerungen: „Zum erstenmal hörte ich von Max Weber Mitte der 50er Jahre von meinem Lehrer Professor Alexander I. Neusychin. Ich war damals Student. Wir waren immer begeistert von seiner breiten Gelehrsamkeit und tiefen Bildung. Er kannte und respektierte jeden von uns. In der Regel wurde er nie rechtzeitig mit der Vorlesung fertig. So setzten sich seine Erklärungen und unsere Gespräche bei ihm zuhause fort. Seelische Wärme, Gastfreundlichkeit und herzliche Anteilnahme seiner Familie zeichneten diesen Verkehr aus. Der Kreis der Themen war sehr weit. Die neuesten philosophischen Konzeptionen gehörten ebenso dazu wie die Gedichte der Schriftsteller, die in dieser Zeit alle verboten waren. Dichter wie Alexander Blok, Boris Pasternak, Ossip Mandelstam ... Sehr viel sprachen wir von den hervorragenden Vertretern der europäischen Kultur, und dabei fiel sehr oft der Name Max Weber."
Mitte der fünfziger Jahre begann in der Sowjetunion das berühmte „Tauwetter" unter Chrustschow. Es war eine helle und kurze Epoche der Hoffnung und des Optimismus. Das Land wurde offener zur ganzen Welt, es begann eine fruchtbare Zusammenarbeit von Wissenschaftlern, unter denen waren auch Soziologen. Sie alle stimmten darin überein, daß der Stalinkult die Erkenntnis stark behinderte.
Den Menschen im Westen ist Chrustschow leider nur als der Mann in Erinnerung geblieben, der die Weltöffentlichkeit verblüffte, als er in der UNO-Sitzung mit seinem Schuh auf das Pult schlug. Aber für die Menschen in der Sowjetunion ist mit seinem Namen viel mehr verbunden. Chrustschow stand damals an der Spitze der Partei und des Staates. Er war es, der auf dem XX. Parteitag im Jahre 1956 offen über die Verbrechen des Stalin-Regimes sprach. Das hatte zur Folge, daß im ganzen Lande der Stalinkult offen verurteilt wurde. Chrustschow, dieser dicke Mann mit dem schief sitzenden Hut und im zerknüllten weiten Anzug ohne jeden Schick, brach einem neuen - freien - Stil im Denken, in den zwischenmenschlichen Beziehungen und sogar in der Kleidermode Bahn. Er versuchte das Land von den Fesseln einer tödlichen Orthodoxie zu befreien.
In dieser Zeit entstand die feste Überzeugung, daß Gesellschaftsreformen möglich sind. Daß sie notwendig waren, stand ohnehin für alle fest. Um den Schritt zu Reformen tun zu können, mußte man aber zuerst einmal wissen, wie denn die vorhandene Gesellschaft aussah und wie sie funktionierte. Im Vergleich zu früheren sowjetischen Zeiten konnte man unter Chrustschow schon die Frage nach den sozialen Strukturen oder nach staatlicher und lokaler Verwaltung und ihrer Effizienz stellen. Man erkannte sehr rasch, daß vor allem soziologische Untersuchungen ein wichtiges Instrument waren, diese Fragen zu beantworten. Viele Forscher forderten denn auch, sich des alten soziologischen Erbes zu erinnern und es zu nutzen. Es tauchten aber auch ganz neue Fragen zum theoretischen und empirischen Charakter der Soziologie auf. Sie richteten sich auf Gründe und Ziele des sozialen Wandels, den Zusammenhang von Persönlichkeit und Sozialisation, auf Prozesse der Regulierung, Möglichkeiten und Grenzen der sozialen und ökonomischen Planung.
Es lag auf der Hand, daß das Interesse an der Soziologie in der Gesellschaft groß wurde. Man fühlte die Notwendigkeit, mithilfe der Soziologie in alle Gebieten des sozialen Lebens breit einzudringen. Ende der 50er Jahre waren soziologische Untersuchungen fast schon eine Mode. Überall im Lande entstanden soziologische Zentren der Akademie der Wissenschaften. Seinerzeit, im Jahre 1962, wurde auch die „Sowjetische soziologische Assoziation" gegründet. Im Institut für Philosophie, das zur Akademie gehörte, richteten jüngere Wissenschaftler eine Sektion für soziologische Untersuchungen ein.
Auch damals waren viele Forscher allerdings der Meinung, daß es nicht ausreicht, empirische Soziologie zu treiben, wie auch nur psychologische oder nur ökonomische Forschung nicht ausreiche. Immer ergäbe sich nur ein einseitiges Bild. Man erinnerte an die Situation in den Sozialwissenschaften in den zwanziger Jahren, als sozialoekonomische Forschungen dominierten. Man forderte, die Bemühungen von verschiedenen Wissenschaftlern zu vereinigen. So entstand an der damals noch Leningrader Universität unter der Leitung von Wladimir Jadov im Jahre 1961 das erste soziologische Laboratorium, das im Jahre 1964 zu einem großen „Institut für komplexe soziale Forschungen" umgestaltet wurde. Diesem neuen Institut lag als Schlüsselidee die Forderung nach umfassenden und viele Bereiche der Gesellschaft betreffenden Untersuchungen zugrunde. Nach dieser Konzeption sollten soziologische, ökonomische, rechtliche, psychologische und andere Ansätze einander ergänzen. Die Aktivität des Instituts und seine Forschungsergebnisse zogen sofort die Aufmerksamkeit nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch im Auslande auf sich.
Die Sowjetunion der 60er Jahre, in den Zeiten Chrustschows, war, was die Sozialwissenschaft und Politik, Kunst und Literatur betrifft, ein ziemlich offenes Land. Forscher aus Harvard (USA) und München (BRD), um nur einigen zu nennen, besuchten ihre sowjetischen Kollegen, deren Werke bekannt waren.
Als Pionierarbeit galt damals die theoretisch fundierte breite empirische Untersuchung in der Industriesoziologie von W. Roshin, A . Sdravomyslov und W. Jadov „Der Mensch und seine Arbeit", die im Jahre 1961 erschien. Es sei auch eine Untersuchung zur Berufswahl unter den Leningrader Oberschülern und zu den Motiven ihrer Wahl unter der Leitung von Vera Vodzinskaja erwähnt. In dieser Untersuchung wurden für die damalige Soziologie völlig neue mathematische Methoden, z. B. Graphentheorie für die Analyse kleiner Gruppen, die mit dem Namen von Eduard Belajev verbunden ist, eingesetzt. Die praktischen Verwendungsmöglichkeiten der soziologischen Empfehlungen erschienen vielen als so fruchtbar und die theoretischen Untersuchungen so beeindruckend, daß das Institut bald viele Anfragen aus Industriebetrieben und Hochschulen bekam. Viele Dozenten aus humanwissenschaftlichen Fakultäten, Studenten und Doktoranden wollten im Institut mitarbeiten. Seinerzeit veröffentlichten Wissenschaftler der Leningrader Universität wichtige und interessante Arbeiten, z. B. eine „Einführung in die marxistische Soziologie" (1962) und „Fragen der marxistischen Soziologie" (1962), die der Dekan der philosophischen Fakultät Roshin herausgab. Von diesen Forschern verließ aber niemand offen den Rahmen der marxistischen Ideologie, denn das hätte unweigerlich ein „Berufsverbot" nach sich gezogen.
Das „Institut für komplexe soziale Forschungen" wurde zum Vorbild für Forschungszentren ähnlicher Art. Institute entstanden in Moskau, Ekaterinburg (damals Swerdlowsk), in Sibirien (Nowosibirsk, Tomsk), in Tartu, um nur die wichtigsten zu nennen. Jedes Zentrum konzentrierte sich auf ein ganz bestimmtes Bündel von Problemen, ein Spezifikum, das bis heute bemerkbar ist. So zeichnete sich das Zentrum in Nowosibirsk durch die originäre Ausarbeitung methodologischer Fragen, wozu Fragen der Logik sozialer Forschung und der Statistik gehörten, und durch einen agrarsoziologischen Schwerpunkt aus.
Seit Anfang der 60er Jahre erschienen auch ziemlich regelmäßig die ersten neuen soziologischen Zeitschriften. Ihre Beiträge waren immer treffend und aktuell. Das galt besonders für die Zeitschrift „Soziale Forschungen", die in Moskau, und die Zeitschrift „Mensch und Gesellschaft", die in Leningrad erschienen. Ansehen und Wirkung dieser Zeitschriften waren so stark, daß amerikanische Soziologen die wichtigsten Artikel regelmäßig zu übersetzen begannen. Dazu stifteten sie eine spezielle Zeitschrift „Sovjet Sociology". Nach und nach übersetzte man nicht nur Artikel aus Zeitschriften, sondern auch inhaltlich und methodologisch interessante und informative Bücher, Dissertationen, Materialien von Konferenzen und Tagungen. Die ersten Auszüge aus dem oben genannten Buch „Der Mensch und seine Arbeit" erschienen ebenfalls zunächst in der „Sovjet Sociology", ehe sie erst viele Jahre später in der „Industriesoziologie" von Friedrich Fürstenberg rezipiert wurden.
Die Beiträge in den Zeitschriften entfesselten heftige Diskussionen. Schon in der ersten Nummer der Zeitschrift „Mensch und Gesellschaft" schlug Jadov vor, die breiten fundamental-theoretischen Begriffe des Marxismus, wie „gesellschaftliches Bewußtsein", auf eine empirische Grundlage zu stellen. Das war eine sehr wichtige Fragestellung, die bis heute aktuell ist. Jadov wurde für diesen Anspruch heftig kritisiert. Man warf ihm seine „bürgerlichen" Ansätze und Umtriebigkeit vor. Mit konstruktiven Alternativen konnten die Kritiker allerdings nicht aufwarten.
Ein anderes Thema, das seinerzeit breit diskutiert wurde, war die Soziologie der Persönlichkeit. Dazu gehörte die Frage der sozialen Werte, der Sozialisation und der sozialen Rolle. Die wichtigste Diskussion zu diesem Thema wurde an der Leningrader Universität geführt. Die eine Seite der Kontroverse wurde von Wasilij P. Tugarinov bestritten, die andere von dem jungen Theoretiker Igor S. Kon. Der erste war ein kluger und scharfsinniger Anhänger des Marxismus-Leninismus und lehnte die Rollentheorie und bestimmte Aspekte der Sozialisationstheorie ab. Der zweite verkörperte zwar eine europäisierte moderne wissenschaftliche Position, aber seine Argumente hatten eine marxistische Form. Auch Kon sah das Problem der Persönlichkeit als einen Bestandteil des Marxismus an. Seine Ideen legte er später in seinem Buch „Soziologie der Persönlichkeit" (1967), das in verschieden Sprachen in Europa und Amerika übersetzt wurde, nieder.
In der Diskussion um Persönlichkeit ging es implizit auch um das Thema „Werte und Parteilichkeit". Das wurde nicht offen ausgesprochen, und es wagte auch keiner, den Stellenwert der Parteilichkeit in der Wissenschaft offen zu kritisieren. Unklar blieb auch die Frage der Werte, weil in der Diskussion nur die Kritik an den „bürgerlichen Positionen" dominierte. Ähnlich war es auch mit dem Thema „soziale Rolle", für das es im Marxismus keinen Platz gab. Kon und seine Anhänger zeigten und stellten die neuen Positionen vor, die im Marxismus fehlten.
In der wissenschaftlichen Literatur stellte man damals auch die Frage nach dem Gegenstand der marxistischen Soziologie. Soziales Handeln war ein Gegenstand der „bürgerlichen" Soziologie. Es ist bemerkenswert, daß es die Ära Chrustschow, die Zeit des „Tauwetters", war, in der der Forscher das Recht bekam, eigene Position zu vertreten - vorausgesetzt, er überschritt nicht die Grenzen der Marxismus. So stellte seinerzeit das damals bekannte Sammelwerk „Methodologische Probleme der Wissenschaft" fest: „Heute verstehen sowjetische und ausländische Marxisten den Gegenstand der marxistischen Soziologie ganz verschieden. Einige denken, daß Marxismus insgesamt genommen und die Soziologie völlig identisch sind. Andere vergleichen diese nur mit der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus. Die dritten verbinden Historischen Materialismus und marxistische Soziologie ebenso wie theoretische und angewandte Teile einer Wissenschaft. (..) Zudem gibt es noch verschiedene Schattierungen dieser Positionen. Mit einem Wort: es gibt noch keinen einheitlichen oder einzigen Standpunkt. (..) Deshalb wäre es auch falsch, eigenständige Positionen nicht zu verteidigen."
Das war zwar die öffentliche und offizielle Anerkennung des prinzipiellen Rechtes und der prinzipiellen Möglichkeit der Wissenschaftler, Probleme frei zu benennen und zu lösen. Von einer wirklichen Freiheit der Fragestellung konnte aber noch keine Rede sein. Die Themen konzentrierten sich auf einen engen Kreis. Sie lauteten z. B. „Der Mensch in der Freizeit", „Beziehung zur Arbeit", etwas später „Die soziale Planung" und „Lebensweise". Dagegen konnte niemand riskieren, die Frage nach der Struktur politischer Entscheidungen in der Sowjetunion zu stellen, ebenso wie niemand die Besonderheiten der Machtstrukturen und der Verwaltung im Sowjetstaat untersuchen durfte.
Ebensowenig wurde die Frage nach der Relevanz von Parteibeschlüssen thematisiert. Nach den Beschlüssen der Partei baute man riesige Betriebe und Atomkraftwerke, man gründete neue Städte und machte neue Gebiete urbar. Das alles hatte natürlich positive und negative Seiten. So brachte z. B. das weitere Vordringen nach Norden nicht nur die Industrialisierung mit sich, sondern hatte auch die Beschädigung der Natur und tiefe Verletzungen der traditionellen Lebensweise der Naturvölker, zur Folge. Große Massen von Menschen folgten dem Ruf der Partei und brachen nach Süden auf, z. B. nach Kasakhstan, um Neuland zu gewinnen. Das alles bedeutete riesige Migrationsprozesse, und ihre Folgen waren z. T. ausgesprochen schlimm. Doch darüber zu sprechen war sinnlos. Soziologen registrierten diese Fakten, aber ihre Forschungen durften nur die Vorteile der „sozialistischen wissenschaftlich-technischen Revolution" zeigen. Die Bedeutung der soziologischen Forschungen sah man ja nur im Lichte der Ideologie. So schloß z. B. das zweibändige offizielle Werk „Soziologie in der UdSSR" (1965) mit den Worten ab: „Die konkreten soziologischen Forschungen sind wichtig für die Lebenserkenntnisse, für die praktische Tätigkeit der Kommunistischen Partei, des sozialistischen Staates, der Betriebe, der Behörden und der gesellschaftlichen Organisationen. Ohne diese Forschungen ist es unmöglich zu verwalten. (..) Sie helfen den Kommunismus in unserem Land aufzubauen". Ausdrücklich hieß es in den Dokumenten der Partei, daß die materialistische Geschichtsauffassung die Grundlage der Soziologie ist und daß sie die konkreten Fakten des sozialistischen Lebens analysieren müsse.
Bereits Ende der 60er Jahre richtete die Kommunistische Partei wegen der beabsichtigten ökonomischen Reformen ihr Hauptaugenmerk auf die Soziologie. Es wäre also falsch, den Beginn der Versuche, das veraltete System zu reformieren, erst mit dem Namen von Michail Gorbatschow und seiner „Perestroika" zu verbinden. Daß die sogenannte sozialistische Ökonomie ineffizient ist und reformiert werden müsse, war schon viel früher - nämlich am Ende der 60er Jahre - klar geworden.
In dieser Zeit wurden auch die ersten praktischen Versuche einer Reform begonnen. Ziel war, einige Marktelemente und neue Verwaltungsmethoden einzuführen. Wie gesagt richtete die Kommunistische Partei bei der Vorbereitung der Reformen ihr Augenmerk besonders auch auf die Soziologie. So wurden soziologische Untersuchungen durchgeführt, die helfen sollten, neue Arbeitsbeziehungen im Betrieb nach der Theorie der „human relations" herbeizuführen und damit die Produktivität zu erhöhen. Große Industriebetriebe in Leningrad wie „Svetlana", „Kirovsky savod" oder später „Positron" arbeiteten eng mit Soziologen aus dem oben genannten „Institut für komplexe soziale Forschungen" zusammen. Soziologen halfen den Arbeitern, schnell neue progressive und aussichtsreiche Berufe zu wählen, und unterstützten ihre Umschulung. In diesen Werken wurde auch mit der Hilfe von Soziologen ein völlig neues System der sog. „sozialen Planung" eingeführt. Kurz gesagt, bedeutete dieses System die kontinuierliche Verzahnung technologischer Erneuerung mit der Umgestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen am Arbeitsplatz. Dieses System führte zu einer Erhöhung der Arbeitsqualität und der Produktivität. Mit Industrie- und Arbeitssoziologie beschäftigten sich seinerzeit zahlreiche soziologischen Zentren, und es ist nicht zufällig, daß es im Buch „Soziologie in der UdSSR" (1965) vor allem um die Soziologie der Arbeit geht.
Alle diese Forschungen waren von dem festen Glauben an die Vorteile des Sozialismus getragen. Die Menschen waren seinerzeit voll Enthusiasmus und bereit, selbstlos und viel mehr als früher zu arbeiten. Für die Erhöhung ihrer beruflichen Qualifikation studierten viele Arbeiter an Ferninstituten. Ihr Enthusiasmus wurde von realen ökonomischen und politischen Errungenschaften und Leistungen beflügelt. So baute die Sowjetunion die weltweit größten Betriebe und Kraftwerke, und der Kosmonaut Juri Gagarin umkreiste im Jahre 1961 als erster Mensch die Erde in einer Raumkapsel. Das alles erklärt einige typische Antworten, die damals auf die Frage „Was brauchen Sie für ein glückliches Leben?" abgegeben wurden:
„Vor allem eine interessante Arbeit, dann eine harmonische Familie und ein bißchen Freizeit." (Montagearbeiter, 32 Jahre alt, Fernstudent)
„Die Schule beenden und später das Institut absolvieren, um Maschinen zu bauen, die die Arbeit erleichtern." (Schlosser, 30 Jahre alt, Fernschüler)
„Eine interessante Arbeit in einem Forschungsinstitut oder in einem Betrieb, die kreativ sein soll. Ein nettes Mädchen zur Frau kriegen und später etwas Wichtiges in der Wissenschaft machen, was im praktischen Leben nützlich ist." (Doktorand, 36 Jahre alt).
Diese Antworten gaben die Menschen ganz ohne romantische Illusion. Niemand sprach über Geld. An Platz 1 steht die interessante Arbeit. Nur die verheirateten Frauen stellten ihre Familie nach vorne, die ihnen wichtiger als die Arbeit war. Aber kein Soziologe hat diese Menschen gefragt, ob sie mit der Wohnung zufrieden waren, mit den Lebensmitteln in Laden, mit den Dienstleistungen.
Im Jahre 1964 fand am „Institut für Geschichte" in Moskau eine Diskussion zum Thema „Geschichte und Soziologie" statt. In den westlichen Sozialwissenschaften, die sich schon lange - seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts - mit der Beziehungen zwischen diesen beiden Disziplinen beschäftigt hatten, waren dieses Thema und seine Schwierigkeiten gut bekannt. Nach der marxistischen Geschichtsauffassung gab es aber keine Unterschiede zwischen den sog. „spezifischen Gesetzen der Geschichte" und den „allgemeinen soziologischen Gesetzen". Deshalb erwies es sich auch als besonders schwierig, solche Fragen wie die nach einer objektiven Wahrheit und nach historischen und soziologischen Werten zu besprechen. Das Resultat war, daß die Diskussion in eine Sackgasse geriet.
Im Jahre 1968 diskutierte man an der Moskauer Universität über die „Struktur der marxistischen Soziologie". Es gab drei Richtungen in diesem Streit: historischer Materialismus, wissenschaftlicher Kommunismus und soziologische Empirie. Dabei ging es auch um die Abgrenzung von Soziologie und historischem Materialismus. Einige Teilnehmer vertraten die Ansicht, daß marxistische Soziologie und historischer Materialismus identisch seien. Für eine andere Gruppe stand es außer Frage, daß der wissenschaftliche Kommunismus nichts anderes als wirkliche Soziologie ist. Überraschend für die Organisatoren und die Leiter dieser Diskussion wurde dann eine dritte Meinung ausgesprochen, daß Soziologie nur als empirische Soziologie möglich ist. Nur als solche könne sie eine unabhängige und autonome Sozialwissenschaft sein. Der historische Materialismus sei dagegen nur eine philosophische, und zwar marxistische, Geschichtstheorie. Die Soziologie untersuche dagegen das konkrete gesellschaftliche System und seine Komponenten. Diesen Gesichtspunkt vertrat Jurij Levada, der seinen Standpunkt mit langanhaltender Kritik und einem Berufsverbot bezahlen mußte. So sah die wissenschaftliche Freiheit der Diskussionen aus, als die Wissenschaft sich aus dem ideologischen Diktat zu befreien versuchte.
Trotzdem war es auch in diesen 60er Jahren, in den Zeiten des „Tauwetters", daß einige Werke der westlichen Soziologie ins Russische übersetzt wurden. Dazu zählen z. B. Arbeiten der amerikanischen Soziologen C. W. Mills und R. K. Merton. Aber auch in der Beziehung zu diesen Werken sollte die Kritik dominieren, so forderte es die Parteiideologie. Der Fachmann für die Geschichte der Soziologie, vor allem auch der deutschen Soziologie, Jurij Davydov, erzählt darüber: „Es war allerdings sehr schwierig - nicht nur für den westlichen Beobachter, sondern auch für den russischen, der alle Geheimnisse der aesopischen Sprache kannte - , zu unterscheiden, ob ein Autor eine Konzeption nur deshalb kritisierte, weil dies die einzige Möglichkeit war, die sowjetische Öffentlichkeit mit ihrem Inhalt bekannt zu machen, oder ob seine Kritik prinzipieller Natur war, das heißt, ob er die gegebene Konzeption tatsächlich für innerlich widerspruchsvoll oder ungenügend begründet hielt. Aber gerade an diesem Punkt zeigte sich der Fortschritt unserer soziologischen Theorie: Sie begann endlich, selbständig unter verschiedenen westlichen Konzeptionen und theoretischen Richtungen auszuwählen".
Russische Autoren diskutierten die theoretischen Fragen der Persönlichkeit und ihrer Motivation, sie setzten sich mit der Soziologie Max Webers auseinander und fragten nach dem Wesen des soziologischen Positivismus, seinen Möglichkeiten und Grenzen in der empirischen Forschung. Die tiefgründige Untersuchung von Kon über „Positivismus in der Soziologie" (1964) ist in dieser Beziehung besonders hervorzuheben. Dieses Buch wurde in Westeuropa umgehend verlegt, Teile daraus erschienen in den USA in verschiedenen Sammelbänden.
Insgesamt genommen war die Situation der sowjetischen Soziologie der 60er Jahre eine sehr fruchtbare Etappe, in der „soziologische Aufklärung" mit eigenständigen und wichtigen Arbeiten in der Theorie und Empirie zusammenfiel. Es war der Beginn breiter Institutionalisierung des Faches, und es entstanden soziologische Institute und Laboratorien in vielen Regionen.
4. Soziologische Diskussion in den 70er und 80er Jahren
Die Periode der 70er Jahre war dann wieder ziemlich schwer für die Soziologie in der Sowjetunion. Die Gesellschaft war bereit, von der Soziologen objektive Information zu bekommen, weil die Soziologie in den Augen der Öffentlichkeit als gesellschaftlicher Spiegel galt. Außerdem erwartete man von ihr die Rezepte zur Lebensverbesserung. Das Prestige der Soziologen war in der Gesellschaft hoch. Sie besaßen überzeugende Argumente, breiteten in den Massenmedien sorgfältig ausgearbeitete Analysen vor. Ihre Effizienz bewies die Soziologie beständig, und eben das wollte auch die Partei ausnutzen. Für die Parteiführung sollte Soziologie nun zur ideologischen Waffe werden.
Das muß man aber so verstehen, daß die Parteileitung der Soziologie diktierte, welche Themen sie zu behandelt hatte. Die Soziologen arbeiteten auf Bestellung Fragen und Forschungspläne aus, und die Partei entschied, was an Ergebnissen für die Gesellschaft brauchbar war. Sie nutzte die soziologischen Argumente, um ihre Beschlüsse „wissenschaftlich zu begründen". So war es praktisch unmöglich, unabhängige soziologische Resultate zu publizieren, weil alle Publikationen unter der Kontrolle der Partei und des Staates standen. Nicht wenige Wissenschaftler verließen ihr Fach wegen dieses ideologischen Drucks.
Das war aber nur eine Seite. Es gab auch die andere. Da es zahlreiche Forschungsverbote gab (z. B. die Situation in der Armee, der Krieg in Afghanistan, die öffentliche Meinung über die politischen und ökonomischen Beschlüsse des Staates und der Partei usw.) und wegen der strengen Aufsicht über die angewandte Soziologie, wandte man sich verstärkt der Frage des Managements, der Verwaltung, der sozialen Planung im Rahmen des „realen Sozialismus" zu. Nur mit großen Schwierigkeiten gelang es überhaupt, wichtige Bereiche wie die Geschichte der Soziologie in Westeuropa oder Technik der konkreten soziologischen Forschung als Universitätsfächer zu etablieren. Und das war auch nur in Moskau und Leningrad möglich. Nur diese Universitäten in Moskau und Leningrad hatten auch eine relative Freiheit gegenüber den staatlichen Studienplänen. „Ein Stiefkind sowjetischer Bildungspolitik" - so nannte man die Soziologie.
Es bestand ein großer Bedarf an spezieller soziologischer Literatur. Im Jahre 1974 erschien das erste Fachorgan mit dem Titel „Soziologische Forschungen". Bis Anfang der 90er Jahre gab es keine anderen allgemein zugänglichen Zeitschriften für professionelle Soziologen. Diese Zeitschrift, die zunächst als Vierteljahrsheft erschien, hatte wegen ihrer Aktualität sofort großen Einfluß. In den „Soziologischen Forschungen" wurden auch Tabuthemen wie z. B. Protektionen oder Protektionismus oder negative Folgen der Parteiarbeit in Betrieben behandelt. Rasch wurde sie auch im Ausland bekannt. Zu den Abonnenten dieser Zeitschrift gehörten selbstverständlich auch die nationalen Soziologischen Vereinigungen aus den USA, aus Japan und der BRD. Die „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie" veröffentlichte im Jahre 1981 eine ausführliche Übersicht der Materialien, die bis dahin in den „Soziologischen Forschungen" erschienen waren.
Neben den Beiträgen in dieser wichtigen Zeitschrift erschienen interessante Forschungsarbeiten, die voll von überraschenden Informationen waren, wie z. B. ein zweibändiges Buch „Soziologie und Gegenwart" (1979), worin der Leser nicht nur die Errungenschaften und Erfolge des nationalen Städtebaus, sondern auch die großen sozialen Probleme, die mit diesem Prozeß verbunden waren, nachlesen konnte. Es ging um die Errichtung neuer Werke, um die Bedeutung von Arbeitskollektiven und die Fragen der neuen Verwaltung u. a. Den Leser betrafen diese Analysen „face to face" in seinem Alltagsleben, und er stellte mit Befriedigung fest, daß die Fragen in diesem Buch offen und ehrlich besprochen wurden. Man muß sagen, daß solche Bücher und die Beiträge in einer Zeitschrift wie den „Soziologischen Forschungen" ebenso wie die Soziologie insgesamt sich dem annäherten und das vorbereiten halfen, was die „Perestroika" dann Mitte der 80er Jahre als Erneuerung der Gesellschaft betrieb.
Soziologie - so kann man ihre Lage und ihre Bedeutung seit dem Ende der 70er Jahre vielleicht zusammenfassen - half die Realität zu verstehen. Die Hinwendung vieler Menschen zur Soziologie war zugleich auch eine Folge ihrer Enttäuschung über Werte, die bis vor kurzem noch uneingeschränkt gegolten hatten. Diese Enttäuschung resultierte auch aus der Desillusionierung einer idealisierten „Sowjetischen Lebensweise", aus der Ernüchterung über die leeren Versprechungen der „sozialistischen Programme" in allen Bereichen des Lebens. In dieser Situation des Landes fiel den Soziologen eine besondere Verantwortung zu, weil diese auf den neuen geistigen Habitus sowohl des einzelnen als auch der Russen insgesamt, auf das moralische und psychologische Klima im Lande durchaus aktiven Einfluß zu nehmen vermögen.
Dank der beharrlichen Anstrengungen der Soziologen sind seit den 80er Jahren viele der tabuisierten Bereiche der Gesellschaft der wissenschaftlichen Forschung zugänglich. Bis dahin waren ganze soziale Gruppen für die Forschung schlichtweg nicht existent wie z. B. die Invaliden, die Pflegebedürftigen, die Obdachlosen, die privilegierten Gruppen in der sowjetischen Gesellschaft, um nur einige zu nennen. Viele theoretische Fragen der Sozialwissenschaften, wie z. B. die Entfremdungsprozesse im Sozialismus, blieben ausgeklammert. Ebensowenig war eine Analyse der administrativen Bürokratie sowie der wirklichen Lage in den nationalen Beziehungen möglich. Es wurden aber auch soziologische Prognosen nicht zur Kenntnis genommen. So hatten Soziologen in Baku (Aserbaidschan) bereits 1984 mit aller Klarheit auf den unausweichlichen Grenzkonflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan hingewiesen, falls nicht bestimmte Maßnahmen ergriffen würden. Die Warnungen waren in den Wind gesprochen.
Eine reale Veränderung in der Beziehung zur Soziologie begann in der Mitte der 80er Jahre. Ein demokratischer Wind ergriff auch die Sozialwissenschaften. In ihm reifen neue Kräfte heran und bilden sich gesunde Tendenzen heraus, die eine neue Sichtweise erkennen lassen. Schon allein die Tatsache, daß es möglich wurde, Telefonbefragungen, umfangreiche Paneluntersuchungen und repräsentative Umfragen zu „neuralgischen" Punkten, beispielsweise zum Krieg in Afghanistan oder zur Popularität der führenden Politiker des Landes u. a. durchzuführen, kann als Beweis dafür gelten, daß sich in der Wechselbeziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft positive Wandlungen vollzogen haben, daß die Menschen sich von ihrer Angst zu befreien und ihre Apathie abzulegen beginnen. Um so naheliegender ist deshalb die berechtigte Frage, ob denn die Soziologie ihrerseits auf der Höhe der Zeit ist und diese positiven Veränderungen auch weiterhin zu fördern vermag.
Die Möglichkeit dazu wurde mit der Reformpolitik des Generalsekretärs des Zentralkomitees der KPdSU Michail S. Gorbatschow eröffnet. Die Reformen in der späten Sowjetunion - und jetzt Rußland - wurden als Änderung der Grundstrukturen der Gesellschaft geplant. Für solche Änderungen brauchte man wieder objektive Erkenntnisse über die Gesellschaft, jetzt war die Soziologie ohne ihre ideologische Funktion gefragt. Im Jahre 1988 wurde sie durch die Verordnung des Politbüros des ZK der KPdSU als selbständige Wissenschaft und als Studiengang an den Hochschulen zugelassen. Das ist ein sehr wichtiges Datum in der Geschichte der russischen Soziologie. Damit beginnt eine neue Etappe.
Nikolai Golovin
5. Die Situation der Soziologie in den 90er Jahren
In den 90er Jahren wurde die Situation der russischen Soziologie von den komplizierten Prozessen in Gesellschaft und Wissenschaft bestimmt. Diese Periode war für die Soziologie eine Zeit der dauernden Selbstbestimmung in einer sich wandelnden Gesellschaft. Es verändern sich die weltanschaulichen und erkenntnistheoretischen Grundlagen dieser Wissenschaft, die Errungenschaften der vorangehenden Perioden werden umgewertet, der gegenwärtige Zustand, die Probleme, die vorrangigen Richtungen der Entwicklung der Soziologie und die aktuellen Aufgaben werden analysiert, es entsteht eine neue Erfahrung der Beziehung zwischen Wissenschaftlern und Politikern. Alle diese unverkennbaren und manchmal dramatischen Prozesse entfalten sich unter den Umständen einer vierfachen Transformation der russischen Gesellschaft:
Zu den wichtigsten Veränderungen auf dem Gebiet der weltanschaulichen und erkenntnistheoretischen Grundlagen der Soziologie gehören der Übergang von der monistischen Orientierung, die in allen sozialen und Geisteswissenschaften herrschte, zum Pluralismus in den Methoden der Erkenntnis, die Anerkennung der Vielfalt und Komplexität der Probleme der modernen Gesellschaft.
Den Wechsel der Erkenntnisorientierungen hat als erster der sowjetische Philosoph W. Schkoda festgestellt und so charakterisiert: „In den verschiedenen und voneinander ziemlich getrennten Gebieten der sozial- und naturwissenschaftlichen Erkenntnis stellen die Forscher mehr und mehr zwei Einstellungen gegenüber: gegen eindimensionale treten mehrdimensionale, gegen eindimensionale treten alternative Einstellungen, gegen typologisches tritt individualisierendes Denken, an die Stelle des Prinzips der Einheitlichkeit tritt Polymorphismus, statt Monozentrismus - Polyzentrismus. Das Wort „Polyphonie" mag außerhalb der Musik überraschen. Wenn man die traditionelle philosophische Terminologie benutzen will, so kann man die gerade beschriebenen Gegensätze ziemlich genau mit dem Gegensatz Einheit - Mannigfaltigkeit beschreiben".
Das pluralistische Paradigma in den Gesellschaftswissenschaften in Rußland ist neu und bedeutet die Absage an die frühere erkenntnistheoretische Tradition, die als philosophischer Monismus von Hegel aufsteigt und in Rußland durch die marxistische Lehre, die die gesellschaftliche Entwicklung als einen dialektischen Prozeß verstand, akzeptiert wurde. Heute rückt in der russischen Wissenschaft das Prinzip des Pluralismus in den Vordergrund: danach gibt es keine universellen Theorien und Methoden, sondern für jeden Gegenstandsbereich gibt es spezifische methodologische Einstellungen. Das Prinzip des Pluralismus hat sich vor allem auch in den Sozialwissenschaften durchgesetzt, weil die moderne Gesellschaft als Komplexität verstanden wurde. Diese Tatsache war zwar schon gleich am Anfang der Perestroika formuliert und bereits 1986 als die offizielle Ideologie der KPdSU angenommen, aber ohne pluralistische Folgen für die soziale Erkenntnis. Mit der Beseitigung der ideologischen Kontrolle über die Wissenschaft wandelte sich dieser latente Prozeß der Pluralisierung der Wissenschaft in einen offenen: das schon latent vorhandene kritische Potential in der wissenschaftlichen Diskussion wurde nun zur Öffentlichkeit zugelassen.
Den Impuls dazu gab der damalige Generalsekretär des ZK der KPdSU Michail S. Gorbatschow persönlich bei einem Treffen, an dem die Leiter der sozialwissenschaftlichen Lehrstühle aller wichtigen Hochschulen teilnahmen. Er sagte: „Man kann nicht einfach die alten Formeln auf die heutigen Prozesse übertragen. Man muß zu neuen, die gegenwärtige Dialektik des Lebens widerspiegelnden Schlußfolgerungen kommen. Und das ist nur in einer schöpferischen Atmosphäre zu erreichen. Die Suche nach der Wahrheit muß sich durch das Aufnahme verschiedener Standpunkte, durch Auseinandersetzung, Meinungsaustausch und Abbau der veralteten Stereotypen vollziehen". Daher müßten die Wissenschaftler, so Gorbatschow, aktiv, mutig und entschlossen sein.
In dem Zusammenhang muß man aber auf ein scheinbares Paradoxon hinweisen: das Prinzip des Pluralismus und der Mannigfaltigkeit existierte in der sowjetischen Wissenschaft auch schon vor der Perestroika, allerdings in einer „umgekehrten Form." Es war in gewissem Sinne als „negative" wissenschaftliche Erfahrung aufgetreten. So waren die Studenten zum Beispiel in ihren Kursen selbstverständlich auch mit der internationalen Wissenschaft vertraut gemacht worden, aber nur in Form der Kritik der bürgerlichen Philosophie, Soziologie und Nationalökonomie. Und letztlich war auch der wissenschaftliche Atheismus eine umgekehrte Form der religiösen Aufklärung.
Das Prinzip von Vielfalt der erkenntnistheoretischen Grundlagen hat die Möglichkeiten der Entwicklung der Theorie und Methodologie der Soziologie bedeutend erweitert und ihre Integration in die internationale soziologische Diskussion erleichtert. Mit der Anerkennung des Prinzips der Vielfalt wurde der Weg der objektiven Bekanntschaft und der Aneignung der Errungenschaften der ausländischen Soziologie eröffnet. Ihre Methoden und Ergebnisse wurden damit praktisch zum objektiven Studium auch der russischen Gesellschaft zugelassen. Das ging aber, wie die späteren Diskussionen gezeigt haben, nicht so reibungslos.
Unter den neuen Verhältnissen der ideologischen Freiheit wandte sich die sowjetische soziologische Gemeinschaft zwei prinzipiellen Fragen der Wissenschaftsentwicklung zu: erstens, wie die Wege der Integration der nationalen Soziologie in die internationale soziologische Diskussion aussehen könnten, und zweitens, wie die weitere Selbstbestimmung der Soziologie in einer sich wandelnden Gesellschaft zu betreiben sei und welche Bestimmung ihres Gegenstandes und ihrer Aufgaben damit verbunden ist.
Die Grundrichtungen der Annäherung der sowjetischen Soziologie an die
internationale soziologische Diskussion wurden auf dem ersten Kongreß der
Sowjetischen Soziologischen Assoziation im Jahre 1991 diskutiert. Nach
der Meinung eines seiner prominentesten Teilnehmer A. G. Sdravomyslov,
müsse sich die sowjetische Soziologie drei Errungenschaften der internationalen
Soziologie zunutze machen:
1. Sie bekennt sich zu einer modernen Theorie der Persönlichkeit, ihrer
Struktur, einschließlich dem Verhältnis von Bewußtem und Unbewußtem, und
ihrer Motivation, die eine große Rolle für die politische Soziologie spielt;
2. sie bekennt sich zur kulturellen Vielfalt der Welt, die vor allem
von der modernen Anthropologie und Ethnologie beschrieben wurde, womit
die Idee einer zwangsläufigen Evolution in nur eine Richtung in Zweifel
gezogen wird;
3. sie bekennt sich zur praktischen Verwendbarkeit und der Nützlichkeit
der soziologischen Erkenntnisse für den Produktionsprozeß (vor allem am
Beispiel der Theorie der menschlichen Beziehungen und der Soziologie der
Organisationen).
Die Bereitschaft zur Integration in die internationale Soziologie bedeutete gleichzeitig die Abwendung vom Historischen Materialismus und der mit ihm verbundenen Idee einer zwangsläufigen und planmäßigen Entstehung des neuen sozialistischen Menschen.
5.1 Der Gegenstand der Soziologie
In dem Maße, wie ideologische Beschränkungen in der Erforschung der Gesellschaft abnahmen, wurde auch die Hierarchie der marxistischen Gesellschaftswissenschaften in Rußland in Frage gestellt. In dieser Hierarchie hatte die Soziologie eine nachrangige Position, weil sie der Idee des Historischen Materialismus untergeordnet war. Um es kurz zu sagen: die Soziologie war Teil und Anwendung des Histomat. Nachdem nun im Jahre 1988 die Verordnung des Zentralkomitees der KPdSU die neue Selbständigkeit der Soziologie als Wissenschaft festgestellt hatte und ihr Unterricht an den Hochschulen begann, entstand auch das dringende Bedürfnis, den Gegenstand der Soziologie neu zu definieren.
Bis zum Beginn der 90er Jahre war die Struktur der sowjetischen Soziologie durch die sogenannte Dreigliederformel bestimmt gewesen. Danach galt
Mit der Ablösung der Soziologie vom Historischen Materialismus Anfang der 90er Jahre entstand auch die Notwendigkeit, die Gegenstände des Histomat und der Soziologie voneinander abzugrenzen. Die Diskussion zu diesem Thema fand vor allem in den „Soziologischen Forschungen" statt, der einzigen Fachzeitschrift, die seinerzeit allgemein zugänglich war. An der Diskussion waren vor allem Soziologen wie W. A. Jadov, M. N. Rytkewitsch, J. T. Toschenko aus Moskau und A. O. Boronoev, W. Orlov und W. J. Elmeev aus St. Petersburg beteiligt. Einige Teilnehmer der Diskussion vertraten den Standpunkt, daß die Soziologie die Gesellschaft als Ganzes erforschen müsse, d. h. einschließlich dem, was allen ihren Teilen gemeinsam ist. Als eine Wissenschaft vom Allgemeinen sei die Soziologie der Philosophie ähnlich und gehöre zu den sozialphilosophischen Wissenschaften, bzw. ihr Gegenstand sei die philosophische Frage der Gesellschaftserkenntnis.
Einen anderen Standpunkt vertrat W. A. Jadov, der davor warnte, die theoretische Soziologie mit der Philosophie gleichzusetzen, da der Gegenstand der Soziologie die Tätigkeit des sozialen Subjektes sei. Zum Gegenstand der Soziologie gehörten sowohl die sozialen Gebilde als auch die einzelnen Menschen. Die Soziologie, fuhr Jadov fort, befaßt sich mit der Entstehung und der Funktion sozialer Subjekte, was die Frage nach den Gesetzmäßigkeiten des sozialen Handelns einschließe. Unter „sozialen Subjekten" verstand Jadov nicht nur handelnde Individuen, sondern auch die Menschheit insgesamt, Völker und territoriale Gemeinschaften, Klassen und Kollektive. Ins Zentrum seiner Theorie „sozialer Subjekte" stellte er allerdings die Persönlichkeit, die als ein „sozialer Subjekttyp" verstanden wird, und ihr soziales Handeln. Deshalb schlug Jadov vor, das soziale Handeln des Einzelnen als Gegenstand der Soziologie zu akzeptieren und dabei auf die makrosoziologische Tradition nicht zu verzichten.
Indem sich die Soziologie nach Meinung der meisten Diskussionsteilnehmer vor allem auf die makrosoziologischen Gesetze bezieht, heben sie gleichzeitig hervor, daß sie zwar den gleichen Gegenstandsbereich wie der Historische Materialismus hat, keineswegs aber die Allgemeingültigkeit seiner Gesetze akzeptiert.
Innerhalb dieser vorherrschenden Überzeugung kann man allerdings eine Reihe von Positionen unterscheiden, die den Gegenstand der Soziologie unterschiedlich definierten. Drei Positionen markieren das Spektrum.
Nach Jadov geht es in der Soziologie um die Erforschung der sozialen Gebilde, der Mechanismen ihrer Entstehung und ihres Funktionierens, und um die Entwicklung eines aktiven handlungsfähigen sozialen Subjekts. G. V. Osipov versteht unter Soziologie die Aufdeckung der Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung und des Funktionierens von historisch bestimmten sozialen Systemen. Nach A. G. Sdravomyslov befaßt sich die Soziologie mit den Gesetzen und den Formen der Entfaltung des sozialen Lebens.
Trotz der Unterschiede in der Definition des Gegenstandes sind gemeinsame Grundannahmen unverkennbar. Es sind vor allem drei Annahmen, die sich durch die russische soziologische Diskussion ziehen:
Aus der Diskussion in der Zeitschrift „Soziologische Forschungen" über den Gegenstand der Soziologie wird sichtbar, daß sie sich einerseits in die vorherrschenden sozialphilosophischen Orientierungen der Gesellschaftswissenschaften einpaßt und vom spezifischen Charakter der russischen Kultur bestimmt ist, daß sie sich andererseits in die Richtung empirischer Forschung ausdehnt. Und in der Tat kommt es zu einer stärkeren Differenzierung der Soziologie in eine theoretische Disziplin, die unter einem starken Einfluß der Philosophie nach dem Wesen des Sozialen fragt, einerseits und in eine empirische Wissenschaft, die soziale Probleme untersucht und über ihre Lösung nachdenkt.
Außer der theoretischen Diskussion über ihren Gegenstand hat die Soziologie auch versucht, ihre öffentlichen Aufgaben unter den neuen Bedingungen zu bestimmen. Diesen Versuch begünstigte der Umstand, daß die Soziologie bis zur Perestroika als eine selbständige Wissenschaft im öffentlichen Bewußtsein nicht präsent war. Sie hatte sozusagen im Windschatten gestanden. Darum ist sie jetzt, wo es um ihre Neubestimmung geht, auch nicht dem Vorwurf des Dogmatismus und der Scholastik, der gegen die übrigen Gesellschaftswissenschaften erhoben wurde, ausgesetzt. Im Gegenteil: die Soziologie stand Anfang der 90er Jahre in der Reputation einer objektiven und bis dahin von den Behörden unterdrückten Wissenschaft.
Dieses Bild der Soziologie wurde noch mehr aufgehellt, weil viele Soziologen an der Kritik der Gesellschaftswissenschaften selbst teilnahmen und versuchten, der Soziologie die Funktion der wissenschaftlichen Fundierung und des Impulsgebers für Reformen zuzuschieben.
Ausdruck dieser Bewegung waren die umfangreichen Sammelbände, die die bekannten Moskauer Soziologen A. Migranjan, I. Bestuschev-Lada, A. Nasimova und W. Scheinis zusammen mit einigen jüngeren Soziologen, Wirtschaftswissenschaftlern und Ethnologen herausbrachten. Diese Wissenschaftler veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Forschung in Bänden wie „Anderes ist nicht gegeben" (1988) und „Die UdSSR: eine demographische Diagnose" (1990). In diesen Forschungen wurde die „kranke Gesellschaft" diagnostiziert und Rezepte für die Heilung des Sozialismus angeboten. Zum Manifest dieser Bewegung wurde der programmatische Sammelband „Die Soziologie der Perestroika" aus dem Jahre 1990, in dem die bekanntesten sowjetischen Soziologen wie W. A. Jadov, T. I. Zaslavskaja, O. I. Schkaratan, J. T. Toschenko, A. I. Prigoschin, L. A. Gordon u. a. gegen den Dogmatismus und Scholastik der bisherigen Gesellschaftswissenschaften auftraten und „für eine objektive und realistische Erforschung der Gesellschaft und die Mithilfe bei der Erarbeitung des erneuerten sozialistischen Ideals" plädierten. Als praktische Rolle der Soziologie wurde die objektive Analyse aller gesellschaftlichen Beziehungen bestimmt.
Die Artikel des Bandes liefern eine realistische Beschreibung der sozialistischen Gesellschaft und eine theoretische Bestimmung des Wesens des Transformationsprozesses. Zum ersten Mal wurde die Frage nach einer entideologisierten Sozialstrukturforschung und nach den Beziehungen zwischen den Nationalitäten gestellt. Hintergrund dieser zwei Fragen war der Zweifel an der Ideologie der Freundschaft zwischen den Klassen und an der Ideologie der Freundschaft zwischen den Nationalitäten. Statt dessen forderte dieser Sammelband als Ziel der Perestroika, den wirklichen Sozialismus entsprechend den humanistischen und demokratischen Idealen aufzubauen.
In dem Sammelband „Die Soziologie der Perestroika", der eine für diese Zeit erstaunliche Tiefe und Präzision der Problemanalyse aufweist, wurde noch der ideologischen Tradition in Form der Erwähnung von Klassikern des Marxismus und der Dokumente der KPdSU in den einleitenden Absätzen Tribut gezollt. Er enthielt noch viele ideologische Schlagworte und theoretische Klischees, aber er enthielt eben auch die neue Sicht der Gesellschaft. Er atmete schon die Freiheit des Denkens und beeindruckte durch Frische und Kompetenz bei seiner Sicht auf das gesamte Spektrum des öffentlichen Lebens. Das belegt der Blick auf einige ausgewählte Beiträge.
Der Beitrag von T. I. Zaslavskaja zog zum ersten Mal die offizielle Parole der Perestroika, die sich als soziale Revolution verstand, offen in Zweifel und beschrieb das Verhältnis verschiedener sozialer Gruppen zu ihr. Im Gegensatz zur offiziellen Ideologie zeigte Zaslavskaja nicht nur die Zustimmung zur Innenpolitik der KPdSU, sondern auch das Protestpotential von einigen sozialen Gruppen. In dem Beitrag „Sozialismus: Gesetzmäßigkeiten und Kriterien" von G. J. Rakitski und B. W. Rakitskaja wurde die Modernisierung des Sozialismus in Übereinstimmung mit den Entwürfen seiner Gründungsväter sowie der objektiven historischen Erfahrung der sowjetischen Gesellschaft diskutiert. Durch besondere Schärfe zeichnete sich der Artikel von O. I. Schkaratan „Die soziale Struktur: Illusionen und Realität" aus. In diesem Beitrag wurde zum ersten Mal das dogmatische Schema der Sozialstruktur der sowjetischen Gesellschaft „2 + 1" (zwei Klassen und die Schicht der Intelligenz) offen in Zweifel gezogen. Statt dessen wurde Vielfältigkeit als eine Gesetzmäßigkeit der Sozialstruktur proklamiert. Dies war die eine Seite der kritischen Diskussion, in der die Theorie der Gesellschaft auf den Prüfstand kam.
In dem Sammelband fanden sich aber auch realistische Studien zu sozialen Gruppen und gesellschaftlichen Erscheinungen, die bis dahin von der Wissenschaft offiziell nicht wahrgenommen worden waren: die Bürokratie und ihre Privilegien, die Schattenwirtschaft und kriminelle Gruppen. J. T. Toschenko unterzog in seinem Beitrag „Der Zustand und die Widersprüche des gesellschaftlichen Bewußtseins Ende 1988" die von den Dogmatikern sorgfältig bewachte Sphäre der Ideologie einer scharfen und für die damaligen Verhältnisse mutigen Kritik. Der Autor hat zum ersten Mal aufgezeigt, daß zum öffentlichen Bewußtsein nicht nur die Phänomene gehören, die die offizielle Ideologie festgestellt hat, sondern auch etwas anderes, was bis dahin in der wissenschaftlichen Literatur gar nicht oder nur als sogenanntes Relikt der Vergangenheit erwähnt worden war: radikale und konservative Einstellungen, politische Gleichgültigkeit und Apathie, Kriechertum und Heuchelei. Dazu gehörte aber auch der Anspruch der führenden Personen auf eine exzeptionelle soziale Lage.
Neben wissenschaftlichen Beschreibungen versammelte der Band „Die Soziologie der Perestroika" auch die Diskussion über Probleme der sozialen Diagnostik unter dem Gesichtspunkt der Übereinstimmung von Ideal und Realität, zur Suche nach den Zielen der Reformen und über die Mechanismen des Überganges zu den neuen sozialen Verhältnissen. Am Ende des Sammelbandes findet sich ein Artikel von S. G. Kordonski über „Gesellschaftskunde als staatliche Einrichtung", in dem der höchst kritische Zustand der Gesellschaftswissenschaften aufgedeckt wird. Wie dem emotional gefärbten Vorwort des Herausgebers dieses Sammelbandes, W. A. Jadov, zu entnehmen ist, wurden die Artikel auch in der Absicht veröffentlicht, in den Gesellschaftswissenschaftlern ein staatsbürgerliches Bewußtsein und das Gefühl ihrer großen Verantwortung in dieser Zeit umwälzender Veränderungen zu fördern.
Zusammen mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Perestroika mit ihren sozialistischen Parolen von praktischen Reformen abgelöst, und damit war auch ein so wegweisender Band wie „Die Soziologie der Perestroika" plötzlich überholt. Viele Soziologen gaben mit dem Ende der Perestroika auch den Anspruch an die Soziologie auf, zur wissenschaftlichen Fundierung von Reformen beizutragen. Da sich auch die negativen Erfahrungen häuften, die Wissenschaftler beim Eintritt in die Politik machten, und eine zunehmende Politikverdrossenheit in der Gesellschaft unverkennbar wurde, kam es im akademischen Milieu zu einer Rückkehr zu den eigentlichen wissenschaftlichen Fragen. Die Entwicklung der Soziologie nahm dabei immer mehr den Charakter einen immanenten fachlichen Diskussion innerhalb der „scientific community" über wissenschaftliche Grundprobleme der Soziologie an. Diese Wende wurde von dem bekannten Soziologen I. S. Kon im Jahre 1994 so zusammengefaßt: „Bisher war der Mut des Autors ein Kriterium seiner Wertschätzung, d. h. inwieweit überschreitet er die Schranken des Erlaubten. Heute tritt in den Vordergrund (mindestens für mich selbst) die Gedankentiefe, die Konstruktivität und die Verantwortung für die möglichen Konsequenzen bei der Realisierung seiner Ideen."
Zusammenfassend kann man sagen: die Zeit der Perestroika und der Sammelband „Die Soziologie der Perestroika" stellen eine wichtige Etappe der Selbstbestimmung der russischen Soziologie dar. Der Sammelband zeigte einerseits die Möglichkeit und Notwendigkeit objektiver wissenschaftlicher Erforschung der sowjetischen Gesellschaft, auf der anderen Seite blieb er in vielem noch von der offiziellen Ideologie abhängig. So darf man auch nicht übersehen, daß die Perestroika - anders als das z. B. im Westen gesehen wurde - sich keineswegs von den sozialistischen Idealen gelöst hat.
5.2.1 Ausgangspositionen der theoretischen Diskussion
Beziehungen zum Historischen Materialismus und den westlichen Theorien
Die 90er Jahre stehen im Zeichen der Suche nach soziologischen Theorien und Methoden, die der gegenwärtigen russischen Gesellschaft angemessen sind. Nachdem die „Dreigliederformel" der Struktur des soziologischen Wissens ihren offiziellen Status verloren hatte, begann sofort die theoretische Debatte zwischen den Soziologen und den Vertretern des Historischen Materialismus. Beide Seiten nahmen für sich in Anspruch, die adäquate theoretische Perspektive auf die Gesellschaft und ihre Entwicklungsmöglichkeiten zu haben.
Die Argumente der Vertreter des Historischen Materialismus kann man reduzieren auf die wissenschaftliche Kenntnis von den Wesensgesetzen der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Soziologen lehnten diese Theorie als apriorische nomologische Konstruktion ab, die keinen Bezug zur Realität einer komplexen Gesellschaft habe. Besonders scharf wurde das vereinfachende Verständnis der Kategorie des ‘Wesens’ kritisiert, in der sich die spekulative Erbschaft der deutschen klassischen Philosophie und der dialektischen Methode äußere, die die soziale Evolution nur schematisiere.
Die Soziologen wiesen demgegenüber auf die neuen Forschungsgegenstände hin, auf das Individuelle, Eigenartige, Situative im sozialen Leben, auf die Notwendigkeit der Erforschung der regionalen Variation und Vielfalt der sozialen Gruppen. Damit traten sie bewußt in einen Gegensatz zu der traditionellen historisch-materialistischen Suche nach dem Allgemeinen, Gesetzmäßigen und für ganze Gesellschaften Geltenden.
Da den Anhängern des Historischen Materialismus die Stützung durch eine offizielle Ideologie abhanden gekommen war und auch keine politischen Behörden zur Durchsetzung ihrer Lehre mehr zur Verfügung standen, blieben sie entweder eher passiv oder mußten ihre Positionen im Streit ziemlich schnell verloren geben. Zur Zeit ist es schwierig, in der russischen soziologischen Literatur irgendwelche Arbeiten über die universellen Gesetze des sozialen Seins aus der Feder von Marxisten zu finden; ihre Veröffentlichungen findet man eher auf dem ‘politischen Markt’, wo sie die Reformen und deren negative soziale Folgen kritisieren.
Die Kritik am Historischen Materialismus wurde in der Philosophie und anderen Disziplinen aus der Sicht eines Pluralismus in den erkenntnistheoretischen Grundlagen vorgetragen. In der Soziologie waren es vor allem G. V. Osipov, L. G. Ionin und S. A. Efirov aus Moskau, die eine solche Kritik formulierten. Osipov hat speziell das abstrakte Interesse des Historischen Materialismus an den sozioökonomischen Strukturen der Gesellschaft dem konkreten Interesse der Soziologie gegenüberstellt, das sich auf den realen Menschen mit seinen Bedürfnissen, Wertorientierungen und Einstellungen richtet. Seine Kritik lief darauf hinaus, daß die Theorie des Historischen Materialismus für die soziologische Forschung völlig unbrauchbar ist.
Die Ablehnung des Historischen Materialismus machte allerdings sogleich das theoretische Vakuum in der russischen Soziologie offensichtlich, was besonders für eine Theorie der Gesellschaft galt. Als eine der Ursachen dafür wurde das Fehlen einer fachlichen Ausbildung in der Soziologie genannt. Die Vorsitzende der Sowjetischen Soziologischen Assoziation T. I. Zaslavskaja sprach seinerzeit treffend von „einer Soziologie ohne Soziologen". Eine weitere Ursache, die mit der ersten verbunden ist, war die Tatsache, daß das sowjetische soziale Denken aus ideologischen Gründen von der internationalen theoretischen Diskussion abgeschnitten war. Den Schaden dieser Politik für die Wissenschaft beschrieb die bekannte Soziologin R. Ryvkina so: „Während vieler Jahrzehnte wurden bei uns die Werke der bedeutendsten internationalen Soziologen nicht veröffentlicht, was den militanten Ideologen die Möglichkeit gab, die Werke von herausragenden Vertretern der Wissenschaft wie M. Weber, T. Parsons, P. Sorokin etc. inhaltlich zu fälschen".
Eine erste natürliche Reaktion, die Lücken in der theoretischen Soziologie zu schließen, war die Publikation von Übersetzungen der Klassiker der internationalen Soziologie sowie der soziologischen Arbeiten von Emigranten über die sowjetische Gesellschaft. Außerdem wurden nun ideologiefreie Forschungsarbeiten einheimischer Autoren publiziert, die zuvor breiteren Kreisen nicht zugänglich waren. So erschienen Auszüge aus Büchern bzw. Sammelbände mit Aufsätzen von M. Weber, G. Simmel, E. Durkheim, V. Pareto, P. Sorokin, K. Mannheim, Cl. Levi-Strauss, P. L. Berger und Th. Luckmann sowie von Vertretern der Frankfurter Schule. Die Moskauer Universität veröffentlichte die Arbeiten klassischer amerikanischer Autoren in Ausschnitten: Ch. Cooley, A. Schütz; G. H. Mead, R. K. Merton, T. Parsons, B. F. Skinner. Die Fakultät für Soziologie der Universität St. Petersburg hat erst kürzlich zwei Sammelbände veröffentlicht, in denen Arbeiten heutiger russischer Soziologen gemeinsam mit Aufsätzen deutscher theoretischer Soziologen wie N. Luhmann, D. Baecker, R. Grat-hoff, P. Weingart und A. Deichsel zusammengestellt sind.
Es wurden weiterhin mehrere Werke zur Geschichte und Theorie der Soziologie übersetzt und veröffentlicht: so das Buch von R. Aron „Les Etapes de la pensee sociologique" und P. Mansons „Die moderne westliche Soziologie", N. Smelser „Sociology". Als Lehrbücher aus der Feder russischer Soziologen gelten P. P. Gaidenko und J. N. Davydov „Geschichte und Rationalität. Die Soziologie von M. Weber und die Weberrenaissance" (1991), J. N. Davydovs „Geschichte der theoretischen Soziologie" aus dem Jahre 1995 und „Die westliche theoretische Soziologie (1996) von I. Gromov, A. Mazkewitsch, W. Semjonov.
Die oben angeführten Auszüge bilden derzeit den Kernbestand der klassischen soziologischen Literatur in russischer Sprache. Weite Teile der Werke von Simmel, Mannheim oder Tönnies sind aber weiterhin verschlossen, weil sie nicht ins Russische übersetzt sind und auch im Original nicht leicht zu erhalten sind. Die Bereicherung der russischen Soziologie durch die internationale Soziologie ist von einer Vollendung noch weit entfernt. Positiv ist, daß unter der jungen Generation der russischen Soziologen Fremdsprachenkenntnisse keine Seltenheit mehr sind, was die Fachausbildung weniger von Übersetzungen abhängig macht.
Neben der Rezeption der ausländischen Theorien gibt es in Rußland ein starkes Interesse, an die vorrevolutionäre nationale soziologische Tradition anzuknüpfen. So werden die Werke der russischen vorrevolutionären Soziologen, Sozialphilosophen und Denker wieder veröffentlicht. So wurde etwa die Bücherreihe „Soziologischer Nachlaß" gegründet, in der u. a. die Werke von N. D. Kondratjev und P. Sorokins „System der Soziologie" veröffentlicht wurden. Es wurden zahlreiche wissenschaftliche Tagungen abgehalten, die den Klassikern der nationalen Soziologie gewidmet waren. Damit wurde die Bedeutung der russischen soziologischen Tradition unterstrichen, was aber nicht hieß, vorrevolutionäre Traditionen in der Soziologie fortzusetzen, denn es war augenfällig, daß die vorrevolutionären Soziologen eine ganz andere Gesellschaft in Rußland vor Augen hatten. Sie lebten damals in einer anderen Gesellschaft, die mit der heutigen nicht zu vergleichen ist.
Dadurch erklären sich die Versuche, westliche Theorien auf die heutige russische Gesellschaft zu übertragen. Die soziologische Diskussion wurde natürlich auch von Konzepten beeinflußt, die im engeren Sinne keine soziologischen waren. Hier sind zu nennen die Übernahme der Konzeption der ‘sozialen Marktwirtschaft’, der ‘pluralistischen Gesellschaft’, die sich aus konkurrierenden sozialen Gruppen zusammensetzt, und des ‘demokratischen Rechtsstaates’. Diese Konzeptionen haben teilweise das Vakuum ausgefüllt, das nach dem Verlust der sozialistischen Ideologie entstanden war. Die soziologische Theorie in Rußland wurde außerdem von den Theorien der Modernisierung, der sozialen Schichtung und der sozialen Bewegungen beeinflußt. Merkwürdigerweise haben die „großen Theorien" wie z. B. die Theorie des sozialen Systems von T. Parsons oder die kritische Gesellschaftstheorie der Frankfurter Schule keinen besonderen Einfluß auf die russische Soziologie gehabt. Sehr wohl aber gibt es ein beachtliches Interesse an der Systemtheorie von N. Luhmann und am Problem der Autopoiesis sozialer Systeme.
In dem Versuch, sich an westliche Theorien anzupassen, bietet die theoretische Soziologie in Rußland heute ein mosaikartiges Bild. Das wird von verschiedenen Soziologen durchaus als Krisensymptom eingeschätzt. „Für die russische theoretische Soziologie sind eine außerordentliche Nichtübereinstimmung der Standpunkte und ihre schwache logische Durcharbeitung charakteristisch, (was zum Teil mit institutionellen Bedingungen zusammenhängt, die eine Innendiskussion erschweren)" - schreibt der Soziologe S. A. Belanovski. Mit Blick auf die Forschungsansätze, die Terminologie und das Forschungsinstrumentarium weist ein anderer Vertreter der theoretischen Soziologie, G. W. Nemirovski, auf einen eher negativen Effekt der Strategie der Entlehnungen hin: „In letzter Zeit entwickelt sich die theoretische Soziologie in unserem Land wesentlich durch die Übernahme der westlichen soziologischen Theorien, sowohl der modernen als auch der schon seit langem klassisch gewordenen." Im Klartext heißt das: man entwickelt kaum eigene Gedanken. Das zweite Problem liegt nach seiner Meinung darin, daß diese Theorieansätze die Besonderheiten der russischen Gesellschaft eher nicht erfassen.
In einigen Bereichen ließen sich westliche soziologische Theorien und Begriffe relativ gut mit den Interessen der russischen Soziologen verbinden. Das gilt z. B. für phänomenologische Forschungsansätze und Themen wie ‘Identität’, ‘Mentalität’, ‘Habitus’ oder ‘Lebenswelt’.
In der letzten Zeit mehren sich in der russischen Soziologie kritische Einstellungen gegenüber einer mechanischen Übernahme westlicher Theorien und Methoden, die sich im soziokulturellen Kontext Rußlands als nicht effektiv erweisen. Es wird dazu aufgerufen, soziologische Theorie auf der Basis der einheimischen kulturellen Tradition zu entwickeln. So beklagten die Herausgeber der Zeitschrift „Soziologische Forschungen" erst jüngst den Verlust der traditionellen Orientierungen der russischen Soziologie und das Fehlen eigener soziologischer Paradigmen und effizienter Konzepte und warnten davor, solche Konzepte „einfach vom Westen zu übernehmen und unkritisch auf die lokalen Bedingungen zu übertragen".
Die Erfahrungen mit der Entlehnung westlicher theoretischer und methodologischer Ansätze haben heute zu einem ausgeglichenen Standpunkt gegenüber der internationalen wissenschaftlichen Kommunikation geführt. Man geht davon aus, daß mechanische Entlehnungen destruktiv für die eigene theoretische Soziologie sind; andererseits ist es aber ebenso klar, daß auch eine Selbstisolierung zerstörend ist. Daraus folgt, daß die Entwicklung der soziologischen Theorie in Rußland unter heutigen Bedingungen einerseits mit den einheimischen Traditionen aufs engste verbunden werden, andererseits aber gegenüber den vorhandenen ’auswärtigen’ theoretischen Angeboten offen sein muß.
5.2.2 Theorie der Gesellschaft
Zu den wichtigsten theoretischen Richtungen der russischen Soziologie gehört heute die Theorie der russischen Gesellschaft, ihrer Sozialstruktur und ihres institutionellen Aufbaus. Russische Soziologen entwickeln theoretische Ansätze zu einem Vergleich der Sozialstruktur Rußlands und des Westens bis zum Mikroniveau der sozialen Realität, wo es um Strukturen der sozialen Interaktion in sozialen Gruppen und Verhaltensstereotype geht. Als Beispiel für Arbeiten zur soziologischen Theorie der russischen Gesellschaft kann man das Buch von K. Kasjanova „Über den russischen Nationalcharakter" nennen, das nach langen Vorarbeiten im Jahre 1994 erschienen ist. Dabei handelt es sich um eine Studie, die eine interessante und gründlich erarbeitete konzeptionelle Grundlage hat. Das Buch wurde ab Ende der 70er Jahre bis 1983 geschrieben, aber erst 1994 veröffentlicht. Insofern ist es auch ein Beispiel für den Beitrag inoffizieller und informeller soziologischer Forschung zum modernen russischen theoretischen Denken. Als empirische Grundlage der Studie dienen Daten über Persönlichkeitsmerkmale der Bevölkerung Rußlands und der USA, die mit der MMPI-Persönlichkeitsdiagnostik („Minnesota Multiphasic Personality Inventory") erhoben wurden. Der Vergleich der Daten machte klar, daß der psychologische Verhaltensarchetyp der Russen individualistischer als der der Amerikaner ist. Deswegen mußte die russische Gesellschaft eine kollektivistische Kultur entwickeln, die sich gerade auf kollektivistische Werte stützt, um den Individualismus des Einzelnen zu überwinden und dadurch die Integration der Gesellschaft zu garantieren. Aus zahlreichen Beobachtungen des Verhaltens der Russen in typischen sozialen Situationen wird der Schluß gezogen, daß in Rußland im Unterschied zum Westen weniger zweckrationales als wertrationales Handeln (gemäß der Typologie von M. Weber) vorherrscht.
Damit wird auch die Tatsache erklärt, daß auch seit langem bestehende politische Institutionen, die zweckrational aufgebaut sind, wie der Staat, die Parteien oder die Gewerkschaften, in Rußland anders funktionieren. Sie erfüllen nicht jene Funktionen, die für ihre westlichen Analoga typisch und in allen Lexika auch so benannt sind, weil ihre zweckrationalen Grundlagen mit dem wertrationalen Verhalten der Russen nicht vereinbar sind. Statt der Kalkulation von Zielen und Mitteln bevorzugen Russen die Orientierung an bestimmten Werten und realisieren ihr Verhalten eher auf einer informellen Grundlage. Diese Theorie erklärt auch gut die unpolitische Einstellung der Bevölkerung und das mangelnde Interesse am Funktionieren der modernen politischen und ökonomischen Institutionen. Es erklärt aber auch, warum bei politischen Wahlen der persönliche Status eines Politikers und nicht seine Ideologie den Ausschlag geben. Und schließlich erklärt es einen gewissen Konservatismus der Gesellschaft und das geringe Interesse an Reformideen und ihrer Realisierung. Nach Kasjanova nimmt die Geduld in der Wertehierarchie der Russen einen zentralen Platz ein, während die Arbeit in dieser Hierarchie eine sehr bescheidene Rolle spielt. Trotz siebzigjähriger sozialistischer Propaganda einer werktätigen Lebensweise ist Arbeit keineswegs ein vorrangiges lebenswichtiges Bedürfnis.
Eine andere interessante Analyse der russischen Gesellschaft bietet die theoretische Studie des Emigranten A. A. Sinowjew an, die unlängst in Rußland veröffentlicht wurde. Dieser Wissenschaftler hatte schon anfangs der 50er Jahren den Versuch unternommen, Dialektik als einen Satz von allgemeinen wissenschaftlichen und logischen Annahmen, losgelöst von der Ideologie, zu konzipieren und sie für die Erforschung der sozialistischen Gesellschaft zu nutzen. Der Autor meint, daß für die Erforschung des komplexen, vielfältigen und differenzierten Gegenstandes, der jede moderne Gesellschaft - einschließlich der sowjetischen - sei, eine Methode produktiv sei, die in allgemeiner Form schon in 19. Jahrhundert von Hegel und Marx entdeckt und wissenschaftlich praktiziert wurde. Es ist die Methode des Überganges vom Abstrakten zum Konkreten. Sie trennt abstrahierend die wesentlichen gesellschaftlichen Beziehungen von den zufälligen begleitenden Umständen. Das Ziel dieser Methode liegt in der Entdeckung der „Keimzelle" der Gesellschaft.
Marx verwendete diese Methode ausdrücklich im „Kapital". Während Marx aber die Keimzelle der kapitalistischen Gesellschaft im Warentausch sah, identifiziert Sinowjew als die „Keimzelle der kommunistischen Gesellschaft" die sogenannte „Kommune". D. h. die Funktion eines formellen Kollektivs und jeder beliebigen Organisation ist nicht nur produktive Arbeit zu leisten, sondern vielmehr alle wichtigen Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft zu vermitteln. Die Beziehungen in einem Kollektiv stützen sich auf „Kommunalität", was man mit dem Gefühl der Gemeinschaft gleichsetzen kann. Sinowjew definiert „Kommunalität" als eine allgemeinmenschliche Eigenschaft, die aus einer Gesamtheit sehr einfacher Verhaltensweisen besteht. Z. B.: „Weniger geben und mehr nehmen; weniger Risiko und mehr Gewinn; weniger Abhängigkeit von anderen, mehr Abhängigkeit der anderen von einem selbst. Die Leichtigkeit, mit der die Menschen diese Regeln entdecken und sich aneignen, ist erstaunlich," - wundert sich Sinowjew und erläutert weiter: „Das erklärt sich dadurch, daß sie natürlich sind und der sozio-biologischen Natur des Menschen entsprechen." Diese Verhaltensregeln seien so alt wie der Warentausch, aber sie seien „fester" als der letztere, da sie, laut Sinowjew, auf Grund der allgemeingültigen Evolutionsgesetze des menschlichen Verhaltens entstehen. Sowohl der Warentausch als auch die „Kommunalbeziehungen" bestehen, natürlich, in jeder Gesellschaft, aber das Dominieren einer der genannten Verhaltensweisen über alle anderen gesellschaftlichen Beziehungen bedeutet, daß sich in der Gesellschaft der Kapitalismus oder der Sozialismus formiert hat.
Die real existierende sozialistische (kommunistische) Gesellschaft stützt sich direkt auf die Kommunalität, d. h. sie schafft eine Gesellschaftsordnung, in der die einfachen Verhaltensgesetze der Kommunalität vorherrschen und das soziale Leben bestimmen. So arbeiten die Menschen z. B. in der sozialistischen Gesellschaft viel weniger und erholen sich viel mehr als im Kapitalismus. Sie werden weniger ausgebeutet und fordern mehr Garantien vom Staat, dafür aber zahlen sie mit einem deutlich niedrigeren ökonomischen Lebensniveau. Das entspricht ihrer kommunalen Natur. So erklärt Sinowjew die sowjetische Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung.
Der Kommunismus produziert die „Gemeinschafts"-Beziehungen ständig neu, er produziert damit Menschen, die für das Überleben in der kommunistischen Gesellschaft bestens angepaßt sind. Deshalb sind sie auch geneigt, für die Erhaltung dieser Gesellschaft zu kämpfen. Das steht natürlich in einem gewissen Gegensatz zu den Annahmen zahlreicher westlicher Theoretiker, so Sinowjew, die den Kommunismus aus der Perspektive der industriellen Gesellschaft ohne Bezug auf seine Natur und ohne die Berücksichtigung der Vor- und Nachteile der Lebensweise unter der Herrschaft der Kommunalität kritisieren.
Die weiteren Überlegungen von Sinowjew illustrieren, daß die kommunistische Gesellschaft - als System von ganz einfachen Verhaltensgesetzen aufgebaut - resistent gegenüber dem marktwirtschaftlichen System sei. Zwar hätte die UdSSR bzw. Rußland im Weltkrieg gesiegt, aber den kalten Krieg mit dem Westen hätte Rußland verloren, weshalb Rußland heute auch einer raschen Verwestlichung ausgesetzt sei. Dennoch sei die russische Gesellschaft nach wie vor auf der Herrschaft der Kommunalität aufgebaut, d. h. sie ist, wie gesagt, viel „natürlicher" verfaßt als die westliche Gesellschaft, in der Geld-Waren-Beziehungen herrschen. Diese Verfassung kann man deshalb als „natürlicher" bezeichnen, weil die Gesetze des kommunalen Verhaltens ursprünglicher und allgemeiner als die Gesetze des Warentausches sind. Ergo kann man sagen: Eine auf Kommunalität gegründete russische Gesellschaft, die sich von der ideologischen Form des Sozialismus ablöst, würde einen höheren Sicherheitsgrad und Stabilitätsvorrat haben. Außerdem, so Sinowjew, läßt die Geschichte noch genügend Zeit, um den historischen Wettbewerb zwischen kommunaler und kapitalistischer Gesellschaftsordnung bis zum endgültigen Sieg der Kommunalität fortzusetzen. Dieser Sieg kommt, weil die kommunale Verhaltensgesetze grundlegend seien und der menschlichen Natur entsprechen.
Die Theorie von Sinowjew erklärt auch eine der wichtigen Besonderheiten der russischen Gesellschaft und ihrer sozialen Struktur, daß in ihr - im Unterschied zu den westlichen Gesellschaften, nicht aber Japan - der Betrieb im Zentrum des gesellschaftlichen Leben steht. Sinowjew bezeichnet die westlichen Gesellschaften sogar als „Sonderfall", weil sie seinen Vorstellungen über die Gesetze des Lebens der menschlichen Gattung weniger entsprechen, während der russische Gesellschaftstyp den Gesetzen der biologischen Evolution eher entspricht und dadurch „universell" ist.
5.2.3 Sozialstruktur: Klassen oder Schichten
Ein weiteres wichtiges Thema der aktuellen theoretischen Diskussion in der russischen Soziologie ist die soziale Struktur der russischen Gesellschaft. Wie oben gesagt wurde, galt in der Sowjetunion lange Zeit die offizielle Formel „2+1" zur Kennzeichnung der Sozialstruktur der Gesellschaft: die zwei freundschaftlich verbundenen Klassen der Arbeiter und Bauern und der Schicht der Intelligenz (der Intellektuellen). Tatsächlich war diese Formel schon seit langem von der empirischen Sozialforschung durch Übersetzung in sozialstatistische Kategorien grundsätzlich differenziert worden. Man sprach von „Schichten" und beschrieb sie nach den Merkmalen der Zugehörigkeit zu einem Wirtschaftsbereich, nach Beruf, Ausbildungsgrad, Wohnort und Einkommen. Die Schichten der sowjetischen Gesellschaft wurden allerdings als Teile der Klassen definiert, die ihrerseits aufgrund der oben genannten Merkmale abgegrenzt wurden. Diese Definition der Schicht schloß von Anfang an jegliche Reibungen mit der offiziellen Ideologie aus.
Zu Anfang der 90er Jahre vollzog sich der Abschied von der Formel „2+1". Er wurde durch den schon genannten Sammelband „Die Soziologie der Perestroika" (1990) und andere Arbeiten beschleunigt. Zu diesen Arbeiten zählen vor allem die Sozialstrukturanalysen, die auf der Grundlage der westlichen Schichtungstheorien operierten. Zu den interessantesten Studien darf man die Untersuchung von M. S. Voslensky über die Nomenklatura als herrschender Klasse der UdSSR zählen. Der wichtigste Gedanke dieses Buches bestand darin, daß sich im Unterschied zur marxistischen Vorstellung der Prozeß der Klassenbildung und der sozialen Schichtung auch in der sowjetischen Gesellschaft fortsetzt. Dieser Prozeß gelte keineswegs nur für die vergangenen historischen Epochen, wie es von den sowjetischen Marxisten behauptet wurde. Durch Voslenskys Studie wurde das Interesse für die reale soziale Dynamik der russischen Gesellschaft gefördert und entdogmatisiert.
In den 90er Jahren erschienen auch die ersten nationalen Forschungen zur sozialen Stratifikation, die neben den vier allgemein anerkannten klassischen Merkmalen Einkommen, Eigentum, Beruf, Ausbildung auch andere Merkmale einbezogen, die für die moderne russische Gesellschaft weit größere Bedeutung haben. In der Studie von W. I. Iljin „Soziale Stratifikation" , die unter den russischen Soziologen sehr populär ist, wird die These begründet, daß die Gesellschaft des staatlichen Sozialismus tatsächlich eine Schichtenstruktur und keine Klassenstruktur aufweist, für die spezifische Merkmale von besonderer Bedeutung sind. Vor allem führt die staatlich gesteuerte Produktionsweise zu einem System der administrativen Beziehungen, die zum zentralen Moment auch für die soziale Stratifikation werden. Iljins Theorie der Sozialstruktur basiert auf der Kombination der folgenden Merkmale: Verteilung der Macht, Zugehörigkeit der Arbeitnehmer zu bestimmten Wirtschaftsbereichen, Region und Wohnort, ethnische Zugehörigkeit. Diese Merkmale bestimmen das Eigentum und das Einkommen, in geringerem Maße die Bildung. Anhand dieser Merkmale lasse sich in der sowjetischen Gesellschaft die soziale Lage des Einzelnen viel sicherer bestimmen als durch Einkommen, Eigentum, Beruf oder Ausbildung, wie es für die westlichen Gesellschaften gilt. Diese neuen theoretischen Konzepte sind in weiteren Forschungen über alte und neue soziale Schichten und Gruppen - z. B. Unternehmer, Politiker, Arme, Jugendliche, Wissenschaftler, Militär, Migranten - detailliert worden.
Parallel zu der Diskussion über die neue Funktion und neue Themen von Sozialforschung wird in den 90er Jahren auch die Diskussion um die alten maßgeblichen Richtungen der soziologischen Theorie fortgesetzt. Dazu gehört vor allem die seit langem etablierte systemtheoretische Richtung in der Erforschung der Gesellschaft. Das schon in den 50er Jahren gegründete „Institut für Systemforschung der Akademie der Wissenschaften der UdSSR" war Ausdruck des seinerzeitigen internationalen Interesses an der Systemforschung. Im Laufe der Jahrzehnte führte das Institut Forschungen sowohl auf dem Gebiet der allgemeine Systemtheorie als auch auf dem Gebiet der Theorien einzelner Systeme durch. Die bis zum Beginn der 90er Jahre erzielten Ergebnisse führten zu ganz neuen Fragestellungen in der Theorie sozialer Systeme.
Bevor diese Ansätze dargestellt werden, ist es nötig, die wesentlichen Unterschiede zwischen der russischen und der westlichen soziologischen Systemtheorie klar zu machen. Im Westen entwickelte man die soziologische Systemtheorie durch die Verbindung der allgemeinen Systemtheorie mit einer jeweils anerkannten soziologischen Theorie, wie z. B. mit der Handlungstheorie bei T. Parsons oder mit der Kommunikationstheorie bei N. Luhmann. In Rußland dagegen dominierten Versuche, die allgemeine Systemtheorie direkt auf die Gesellschaft als Totalität anzuwenden. Das hing mit der Neigung zusammen, die Gesellschaft als Teil eines wohlgeordneten, nämlich „harmonischen" Weltallsystems aufzufassen und sie mit anderen Subsystemen des Weltallsystems zu vergleichen. D. h. in Rußland versucht man den Begriff des Systems an die Gesellschaft anzuknüpfen und dadurch die Systemeigenschaften und Systemmerkmale der Gesellschaft zu beschreiben. Es geht also bei der russischen und der westlichen soziologischen Systemtheorie um ziemlich unterschiedliche Ansätze unter demselben Titel.
Da die russischen Wissenschaftler die Erkenntnisse der internationalen Diskussion über die Theorie sozialer Systeme aus diesem Blickpunkt bewerteten, sahen sie das grundlegende Problem für die weitere Entwicklung der soziologischen Systemtheorie vor allem in einem Defizit an quantitativer Forschung und Beschreibung der Systemeigenschaften der Gesellschaft. Um so mehr haben die quantitativen Gesetzmäßigkeiten sozialer Systeme in Rußland Aufmerksamkeit gefunden, und die russische Systemtheorie will die Gesetze der Strukturierung, des Funktionierens und der Entwicklung der sozialen Systeme quantitativ beschreiben und erklären.
Ausgehend von der Analyse der quantitativen Gesetzmäßigkeiten sozialer Systeme wurden von den russischen Theoretikern vor allem drei Strategien der Entwicklung der Theorie des sozialen Systems entwickelt:
Russische Soziologen erforschen - wie gesagt - auch den Zusammenhang zwischen natürlichen und sozialen Systemen und ihren gegenseitigen Einfluß. Ein gutes Beispiel für wissenschaftliche Untersuchungen dieser Art ist die Verbindung des systemtheoretischen Ansatzes mit der russischen kulturphilosophischen Tradition, für die die Befassung mit der gesamten sittlichen Welt des Menschen und seinen Existenzproblemen charakteristisch ist. Hier wird der Mensch als ein Teil der Natur und des Weltalls betrachtet. Das neue wissenschaftliche Bild der Welt, das durch die Errungenschaften der Kybernetik, Synergetik und der modernen Systemforschung geschaffen wird, liefert dieser Tradition neue wissenschaftliche Argumente. In der russischen Sozialphilosophie äußert sie sich in der Idee der Synthese der Weltanschauungen des Ostens, des Westens und Rußlands in dem umfassenden Ideensystem, das als „Kosmismus" bezeichnet wird.
Ein Vertreter dieser Denkweise ist der Soziologe W. G. Nemirovski aus Krasnojarsk. Er hat ein Buch unter dem Titel „Die Grundlagen der theoretischen Soziologie" im Jahre 1994 veröffentlicht. Sein theoretischer Ausgangspunkt ist das Prinzip des „Minimaluniversums". Dieses Prinzip postuliert, daß das System eine Einheit sei, dessen Entwicklung zu beschreiben man nur wenige Kategorien braucht: 2 Elemente, 3 Niveaus, 5 Zustände, 7 Schichten. Sie bilden das System als ein Minimaluniversum. Daher ergibt sich ein logischer Prozeß der Entfaltung des Minimaluniversums:
Die Bildung des Minimaluniversums
Es ist interessant, daß sich Nemirovski auf eine der Thesen der klassischen deutschen idealistischen Philosophie stützt: nur durch ein Kategorienschema und allgemeine theoretische Prinzipien ist es möglich, die Realität analytisch zu ordnen und zu begreifen. Er benutzt eine ähnliche Kreuztechnik der Theoriebildung wie T. Parsons, obwohl er dessen Theorie kritisiert. Aber an die Stelle der Handlungstheorie, mit der Parsons die Systemtheorie verbindet, setzt Nemirovski den „Kosmismus". Nach seiner Ansicht kann man die dargestellte Matrix auf jede beliebige Gesellschaft oder Teile davon anwenden, um ihre Struktur und Dynamik zu bestimmen.
Die Idee der zahlreichen Entwicklungsrhythmen begründet Nemirovski durch das Eingebundensein des Menschen in die Naturwelt, die zur Umgebung der sozialen Welt gehört. „Der Mensch ist widersprüchlich. In ihm ist viel von Gott und Teufel gemischt", zitiert er ein altes Sprichwort und kommentiert: „Wenn wir es mit den Worten der modernen Soziologie ausdrücken wollen, so ist der Mensch gleichzeitig in die natürliche Umwelt sowie in die komplizierten sozialen Beziehungen eingegliedert. Jede dieser Welten charakterisiert sich durch ihren eigenen Rhythmus." Nach Nemirovski bestehen ferner diese Rhythmen aus zwei Phasen (der Entwicklung und dem Funktionieren), aber sie lassen sich auch als Dreistufenrhythmen darstellen entsprechend den drei Niveaus der Systemevolution: dem sachlich-energetischen, funktional-organisatorischen und informationellen Niveau.
Nemirowski unterscheidet die wichtigsten Rhythmen für Persönlichkeit, Generation, soziales Gebilde, Institution, Zivilisationen und zwar:
· Die Persönlichkeit ist durch einen Zweipolerhythmus von 8 Jahren charakterisiert (4 Jahre für die Entwicklung und 4 für das Funktionieren);
Für die Bestätigung seiner Zeitreihentheorie der sozialen Dynamik führt Nemirovski zahlreiche Beispiele aus der europäischen sowie amerikanischen Geschichte an. So z. B. beginnt die eigentliche Geschichte der politischen Institutionen in Amerika um 1787 mit der Inkrafttretung der Verfassung. Nach 144 Jahren wurde um 1929 durch die sogenannte „Große Depression" der erste Zyklus der sozialpolitischen Institutionen beendet. Der Höhepunkt dieses Zyklus war der Bürgerkrieg von 1861-65, was den Übergang von der Entwicklung zum Funktionieren der politischen Institutionen bedeutete. 1933 hat Präsident F. Roosevelt die Politik eines „new deal" proklamiert, d. h. der zweite Zyklus begann. Der Höhepunkt wird im Jahre 2003 (1933 + 144:2) kommen und den Übergang von der Entwicklung zum Funktionieren bedeuten. In diesem Zusammenhang prognostiziert Nemirovski für 2003 auch wichtige politische Ereignisse in den USA. Allerdings räumt der Autor ein, daß die Überprüfung seiner Berechnungen schwierig ist.
Kehren wir nach diesem Ausflug in eine spekulative Variante systemischen Denkens zurück zu den Hauptrichtungen der soziologischen Diskussion.
5.2.5 Methodologische Defizite
In der soziologischen Diskussion kann man auch in den 90er Jahren eine unterschiedliche Entwicklung feststellen. Während man in der allgemeinen soziologischen Theorie schon eine ganze Reihe von interessanten nationalen Entwürfen registrieren kann, die in gewissem Grade die Besonderheiten der russischen Gesellschaft und das Sozialdenken widerspiegeln, wird die Lage in der Methodologie der Soziologie einhellig als dringend verbesserungsbedürftig eingeschätzt. Im schon erwähnten Editorialartikel der Zeitschrift „Soziologische Forschungen" wird deutlich gesagt, daß es im Zuge der grundlegenden Revision der ideologischen Grundlagen der Gesellschaftswissenschaften in Rußland ein „katastrophales Defizit im Bereich gerade der Methodologie der Sozialforschung" gibt.
Das wird vor allem an der qualitativen Sozialforschung deutlich. Zwar verwenden die Zentren für soziologische Forschung in Moskau und in der Provinz vielfach schon qualitative Methoden. Dabei stützen sie sich auf Erfahrungen, die ihre Mitarbeiter aus persönlichen Kontakten zu westlichen Soziologen gewonnen haben, und auf Literatur, die allerdings nicht ins Russische übersetzt ist. Die Anwendung dieser Methoden erfolgt oft ohne kreative Aneignung. Weil es sich meist um Auftragsforschung handelt, bleibt zu wenig Zeit für eine theoretische Reflexion. Deshalb gibt es auch kaum neuere Arbeiten zur Methodologie der Soziologie.
Als Reaktion auf die methodologische Rückständigkeit ist die Gründung einer wissenschaftlichen Zeitschrift für empirische Forschung im Jahre 1991 zu verstehen. Sie trägt den Titel „Soziologie: Methodologie, Methoden, mathematische Modelle". Sie richtet sich an Fachwissenschaftler und verfolgt das Ziel, bei den einheimischen Forscher eine hohe methodologische Qualifikation zu entwickeln. Auf Initiative der Soziologen, die zum Kreis der Gründer der Zeitschrift gehören, ist die Diskussion über qualitative und quantitative Methoden in der Soziologie in Gang gekommen. Diese Diskussion nimmt unmittelbar Bezug auf die Besonderheit der Forschungssituation in Rußland, die durch das lange Defizit in der Theorie der Gesellschaft einerseits und die Kluft zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung andererseits charakterisiert ist.
In der angewandten Forschung herrschen zur Zeit die quantitativen Methoden vor, vor allem in der Meinungsforschung, während man in der Grundlagenforschung qualitative Methoden verwendet, die auf die Suche nach und Lösung von neuen Problemen gerichtet sind.
Die methodologische Erfahrung der russischen Soziologie wird bereichert durch das Interesse für die komplizierten dynamischen Prozesse in der Gesellschaft, in der Politik und in der Wirtschaft. Die Analyse dieser Prozesse verlangt die Anwendung moderner wissenschaftlicher Verfahren der mehrdimensionalen Aufbereitung von komplexen Datenmengen, den Einsatz von Computertechnologie in der Informationsverarbeitung und der Modellierung sozialer Prozesse.
Die Diskussion der ersten Hälfte der 90er Jahre über die soziologischen Theorien und die Methodologie kann man vielleicht in den folgenden Sätzen zusammenfassen:
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer freien soziologischen Theorieentwicklung war zunächst die Formulierung der sog. „Dreigliederformel" der Struktur der Theorie. Sie war in den 70er Jahren aufgestellt worden und unterschied: die allgemeine soziologische Theorie (Historischer Materialismus), die soziologische Theorie der kommunistischen Gesellschaftsformation (der wissenschaftliche Kommunismus) und die speziellen soziologischen Theorien als Wege zur empirischen Sozialforschung. Die speziellen soziologischen Theorien als Teil der theoretischen Soziologie haben es ermöglicht, soziale Tatsachen zu analysieren, und zusammen mit den empirischen Forschungen haben sie die nachfolgende Etablierung der Soziologie als selbständige Wissenschaft ohne Bezug auf den Historischen Materialismus vorbereitet.
Während der Perestroika wandte sich die theoretische Diskussion in der Soziologie von der Dreigliederformel ab und ging den Weg einer grundsätzlichen Kritik des Marxismus. Soziologie wurde zur Wissenschaft der Perestroika („Umgestaltung") und sollte eine wissenschaftliche Begründung für die Reformen liefern. In dieser Hinsicht hat die Soziologie der Perestroika nach dem Zusammenbruch der UdSSR und des Sozialismus allerdings keine weitere Entwicklung genommen.
Mit der Absage der Soziologie an die theoretischen Grundlagen des Marxismus und der Entfaltung der freien wissenschaftlichen Diskussion wurde aber auch das theoretische und methodologische Vakuum der nachsowjetischen Soziologie in der allgemeinen Theorie und Methodologie offensichtlich. Das stimulierte die Entwicklung von Ansätzen zu einer Theorie der russischen Gesellschaft. Das wiederum zog eine gewisse kritische Distanzierung und Ernüchterung gegenüber den Errungenschaften der internationalen Soziologie nach sich.
5.3 Die empirischen Forschungen
Anfang der 90er Jahre vollziehen sich bedeutende strukturelle Änderungen in der empirischen Forschung: einerseits wird die öffentliche Meinungsforschung stark ausgeweitet, andererseits werden die Industriesoziologie, die Verwaltungssoziologie, die Soziologie der Freizeit, die Familienforschung usw. reduziert.
Die Meinungsforschung entstand mit der Politik der Demokratisierung und Mündigkeit, aus der Initiative des Generalsekretärs des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) M. S. Gorbatschow, und wurde zu einem ständigen wissenschaftlichen Prozeß, der große politische Bedeutung hatte. So wurde 1988 das Sowjetische (damals war es noch nicht russisch) Zentrum für öffentliche Meinungsforschung (WZIOM) gegründet, und in mehreren Städten des Landes entstanden Forschungszentren. Schnell entwickelten sich einige Hauptrichtungen der Forschung: Popularität der Politiker, Forschungen über die Abgeordneten, Marktforschung, Forschung über die allgemeine und persönliche wirtschaftliche Lage im Land. Am meisten entwickelten sich die Wahlprognosen, die dadurch zum wichtigsten Ziel der empirischen Forschungen wurden, weil Wahlen heute als eine Form der kontinuierlichen politischen Partizipation der Bürger gelten.
Zuerst war die Reaktion der Befragten sehr positiv. Problemlos wurden Antworten auf die Fragen nach Politik und Wirtschaft gegeben, und die Soziologen erlangten in den Augen der Öffentlichkeit rasch die Reputation objektiver Forscher. Als sich aber die meisten Voraussagen zu den Wahlen der Abgeordneten der Staatsduma, der unteren Kammer des Parlaments, im Jahre 1993 als falsch erwiesen, änderte sich diese Situation schlagartig. Diese Wende hatte eine große Bedeutung für die Entwicklung der russischen Soziologie und verdient einige Kommentare.
Im Jahre 1993 beschäftigten sich in Rußland Dutzende Forschungsorganisationen mit der Wahlforschung, wie das gerade schon genannte Russische Zentrum für öffentliche Meinungsforschung (WZIOM), das Institut für Parlamentarismus, die Stiftung „Die öffentliche Meinung" und eine ganze Reihe kleinerer soziologischer Zentren. WZIOM hat praktisch das Monopol für Forschungen, die das gesamte Rußland betreffen. Von 20 Enqueten basierend auf einer gesamtrussischen Stichprobe wurden 14 vom WZIOM gemacht.
Die Ergebnisse der Wahlen von 1993 zeigten, daß die Prognosen aller Forschungszentren weit von den Ergebnissen abwichen. So war die Wahlbeteiligung mit 60 bis 65% prognostiziert worden, tatsächlich nahmen nur etwa 50% der Stimmberechtigten an der Wahl teil. Die Forscher konnten weder Sieger oder Verlierer prognostizieren noch die relative Stimmenverteilung, also die Stärke der politischen Kräfte im Land. Weltweit gab es während der letzten Jahre nur zwei derartige Mißerfolge, in Nicaragua 1989 und in Großbritannien 1992.
Die Ergebnisse der Wahlen waren für das Land überraschend und für den Westen erschreckend. Der Populist Schirinovski, der mit radikalen nationalistischen Parolen angetreten war, erhielt rund 20 % der Stimmen. Die Wahlforscher hatten aber nur 2 % vorausgesagt! Der Mißerfolg der Prognosen zwang die Soziologen dazu, über die Gründe nachzudenken. Einen ganzen Monat lang diskutierten Moskauer Forscher und Politiker die Frage, wie es möglich war, daß alle Forschungszentren dieselben Fehler gemacht hatten. Es wurden sowohl „theoretische", als auch „praktische" Erklärungen vorgetragen. Zu den „theoretischen" Erklärungen gehörte die These der Fälschung der Wahlen. Nach dieser These wollte der zentrale Wahlausschuß angesichts einer niedrigen Wahlbeteiligung das Vertrauen in den Präsidenten unterstreichen. Deshalb wurde die Wahlbeteiligung für höher erklärt, was natürlich nach sich zog, auch den Oppositionsparteien mehr Stimmen zu bescheinigen. Das Verhältnis wurde dadurch natürlich nicht verändert. Diese Erklärung scheint nicht klar und auch nicht logisch zu sein. Als weitere Erklärung wurde eine sogenannte „Fernsehtheorie" angeboten, die den Erfolg der überspannten Politik Schirinovskis mit seinen Auftritten in den Medien erklärte.
Als ganz handfeste Erklärungen wurden die Bedingungen der Auftragsforschung genannt. Die Ergebnisse mußten schnell vorliegen, was methodologische Vereinfachungen nach sich zog. In diesem Zusammenhang wurde auf Fehler und Defekte der Stichprobe, die nur auf die großen Städte projiziert war, hingewiesen. Es wurde eingeräumt, daß die Stichproben oftmals in aller Eile und unkorrekt aufgestellt wurden. Schließlich wollte man auch nicht ausschließen, daß bei den Befragten nach wie vor das alte Mißtrauen gegen alles, was mit staatlicher Macht in Verbindung zu stehen schien, existierte, was sich negativ auf das Antwortverhalten auswirkte.
Eine Frage grundsätzlicher Bedeutung ist, ob die Methoden der Meinungsforschung in Rußland überhaupt angewendet werden können, und welche Besonderheiten dabei berücksichtigt werden müssen. Der bekannte Politiker und ehemalige Bürgermeister von Moskau, G. H. Popov, hatte in diesem Zusammenhang die Hypothese ausgestellt, daß sich die Methode der Befragungen, die in den angelsächsischen Länder entwickelt wurde, auf die Tradition der aufrichtigen Beichte stützt, die jahrhundertelang von der katholischen Kultur gepflegt wurde. Seiner Meinung nach fehlte diese Tradition in der russischen Kultur. Die Anwendung dieser Befragungsmethode ohne Rücksicht auf die russische politische Kultur führte deshalb unvermeidlich zu Fehlern.
Es würde zu weit führen, auf dieses Thema genauer einzugehen. Soviel läßt sich allerdings festhalten: der russische Bürger wird in seiner Einschätzung der politischen Situation oder der Politiker stark von Gefühlen und Werten beeinflußt. Darum ist der Appell an die Gefühle der Wähler ein wichtiges Moment des politischen Handelns. Diese Ansicht vertritt auch der Leiter des WZIOM, der Soziologe J. Levada. Deshalb will er auch die Befragungsmethoden präzisieren und genauer und regelmäßiger Faktoren messen, die das politisches Verhalten der Wähler bestimmen. So entwickelt das WZIOM zur Zeit unter Leitung von Levada zusammen mit einigen anderen Forschungszentren die angemessene Fragestellung, um über die Analyse latenter Sympathien und unausgesprochener Erwartungen der Wähler den persönlichen Status der Politiker näher zu erfassen. Man erklärt die Fehler der Gutachten zu den Wahlen nicht nur mit der Eile, sondern auch mit der politischen Kultur, die man noch erforschen müsse.
Auch die Prognosen der verschiedenen Forschungsinstitute für die letzten Präsidentenwahlen 1996 waren nicht einheitlich. Das zeigt, daß eine Erarbeitung der adäquaten Prognosemethode der Soziologie noch aussteht.
Natürlich hat auch die mangelnde Formierung des Angebots soziologischer Dienstleistungen negative Auswirkung auf die empirische Sozialforschung. In Rußland haben die Auftraggeber soziologischer Forschungen und die Auftragnehmer ihre Besonderheiten. Die Besonderheit der Auftraggeber besteht darin, daß sie ihren Auftrag nicht immer korrekt formulieren können, da ihnen auch die Ziele und Möglichkeiten soziologischer Forschung nicht klar sind. Andererseits haben aber auch viele Soziologen wenig Erfahrungen mit Forschungen dieser Art. Im Ergebnis werden dann oberflächliche soziologische Analysen veröffentlicht, was wiederum eine kritische Einstellung gegenüber der Soziologie nach sich zieht. Positiv ist jedoch aus all diesen Erfahrungen der Wahlforschung festzuhalten, daß das Debakel mit politischen Prognosen die Lücken in der Theorie und der Methodologie aufgedeckt hat.
Unter den neuen Marktbedingungen zeichnen sich aber auch positive Prozesse ab. Da ist vor allem die Sammlung und Systematisierung empirischer Daten über die russische Gesellschaft zu nennen. Das Institut für Soziologie der Akademie der Wissenschaft hat eine soziologische Datenbank gegründet, in der die empirischen Forschungen zu breiten Themenkreisen aus vielen Jahren der Tätigkeit des Institutes gesammelt sind. So schafft das WZIOM eine Datenbasis mit zuverlässigem und einzigartigem Material, das mit der Methode der Sekundäranalyse erschlossen werden kann.
Abschließend muß man festhalten, daß, obwohl die soziologischen empirischen Forschungen in Rußland in den 90er Jahre thematisch eingeschränkt wurden, der Umfang der sozialpolitischen Forschungen wesentlich zugenommen hat. Hierauf aufbauend lassen sich neue Theorien entwickeln. Es ist zugleich eine wichtige Voraussetzung zur Verbesserung der Ausbildung von Soziologen.
5.4 Die soziologische Ausbildung
Eine wesentliche Errungenschaft der russischen Soziologie ist, daß sie als eine selbständige Disziplin in die Curricula der Hochschulen eingegliedert worden ist, daß sie ein eigenständiges Curriculum für Soziologie durchgesetzt hat und daß sie Fachsoziologen an den wichtigsten Hochschulen des Landes ausbildet. Die fachliche Ausbildung erfolgt vor allem an der soziologischen Fakultät der Universität Moskau und an der Fakultät für Soziologie der Universität St. Petersburg, an der soziologischen Fakultät der Pädagogischen Universität Moskau und an der Abteilung für Soziologie der Universität Nischni Novgorod, aber auch noch an einigen anderen Hochschulen: Im Wintersemester 1995 gab es in Rußland insgesamt 290 Lehrstühle für Soziologie.
Erfahrungen in der Lehre, die für die Ausbildung qualifizierter Soziologen erforderlich ist, reichen weit in die Zeit vor der Perestroika zurück. Diese Erfahrungen wurden an den Lehrstühlen und in Hörsälen und in der „scientific community", aber auch in interessanten Gruppen außerhalb der offiziellen Wissenschaft gesammelt, und manche Gedanken schlugen sich in Arbeiten von Wissenschaftlern nieder, die am Rande der offiziellen Wissenschaft standen.
An den Hochschulen gab es seit den 60er Jahren ein starkes Interesse an soziologischem Wissen, und die Begeisterung für die Soziologie war deutlich zu beobachten. Vor allem an den Universitäten wurden erste soziologische Labors und Forschungsgruppen eingerichtet, es wurden Lehrstühle und Seminare für Soziologie gegründet. Seit den 60er Jahren wurde kontinuierlich ein Forschungs- und Lehrpotential für die soziologische Ausbildung aufgebaut. Die ersten vollwertigen soziologischen Fakultäten in Rußland wurden die soziologische Fakultät der Universität Moskau und die Fakultät für Soziologie der Universität St. Petersburg, die im Jahre 1989 gegründet wurden. Die erste Aufgabe, die diese Fakultäten schon weitgehend gelöst haben, ist die Entwicklung eines Satzes grundlegender Literatur für die Lehre. Die Vorstellungen von einer grundständigen, qualifizierten soziologischen Ausbildung will ich am Beispiel der Struktur der beiden genannten Fakultäten in Moskau und St. Petersburg genauer verdeutlichen.
Die soziologische Fakultät der Universität Moskau ist die größte im Lande. An der Fakultät gibt es eine starke philosophische Tradition in der Analyse sozialer und politischer Probleme, daneben entwickelt sich aber auch empirische Forschung. An der Fakultät sind etwa 100 Professoren, Dozenten und wissenschaftliche Mitarbeiter tätig. Für den Unterricht werden bedeutende Wissenschaftler aus den führenden wissenschaftlichen Zentren Rußlands und aus dem Ausland eingeladen.
Die Fakultät besteht aus den folgenden Lehrstühlen und Laboratorien :
Die Fakultät für Soziologie der Universität St. Petersburg hat
drei Abteilungen: die Abteilung für Soziologie, die Abteilung für soziale
Arbeit und die Abteilung für Sozialanthropologie. An der Fakultät sind
42 Lehrer tätig, darunter 16 Professoren, die auf 7 Lehrstühle verteilt
sind:
· Lehrstuhl für Theorie und Geschichte der Soziologie
· Lehrstuhl für die Theorie der sozialen Entwicklung des Menschen und
der Gesellschaft
· Lehrstuhl für angewandte Soziologie
· Lehrstuhl für gesellschaftliche Analyse und mathematische Methoden
in der Soziologie
· Lehrstuhl für Kulturanthropologie und ethnische Soziologie
· Lehrstuhl für soziale Verwaltung und Planung
· Lehrstuhl für Wirtschaftssoziologie
An der Fakultät studieren etwa 800 Tag-, Abend- und Fernstudenten,
hinzu kommen etwa 100 Doktoranden und Praktikanten aus verschiedenen Ländern
Europas, Asiens und Afrikas. Die Fakultät führt die Tradition der vorrevolutionären
russischen Soziologie, die von Pitirim Sorokin gegründet wurde, fort. In
Anknüpfung an die Anfänge der russischen Soziologie und an einen ihrer
Gründungsväter in St. Petersburg wurde 1993 die schon vor der Revolution
bestehende Russische Soziologische Kovalevski-Gesellschaft neugegründet.
Seit 1992 gibt es das Forschungszentrum „Die russische Soziologie: Theorie,
Geschichte, Erfahrung". Für die Fakultät sind das Interesse an der Erforschung
der Geschichte der russischen Soziologie, die Auseinandersetzung mit der
gegenwärtigen soziologischen Theorie und die sozialökonomische Analyse
der gesellschaftlichen Probleme charakteristisch. Große Bedeutung wird
der Professionalisierung der Studenten durch die Teilnahme an Forschungsprojekten
der Fakultät und der soziologischen Zentren St. Petersburgs beigemessen.
Die Fakultät kooperiert mit vielen Universitäten, Hochschulen und wissenschaftlichen Zentren in Rußland, den GUS-Ländern, in Asien und Europa. Dort sind es besonders die Universitäten in Amsterdam, Berlin, Bielefeld, Hamburg, Helsinki, Lissabon, Salzburg, Straßburg und Turku und seit 1995 auch mit der FernUniversität Hagen.
5.5 Die soziologische Gemeinschaft
Im Laufe der Transformation der russischen Gesellschaft in den 90er Jahren, also der Veränderungen des wirtschaftlichen und politischen Systems und des territorialen und staatlichen Aufbaus, entstanden neue Bedingungen für die Entwicklung der russischen Wissenschaft. Für die Sozial- und Geisteswissenschaften sind vor allem zu nennen die Beseitigung der ideologischen Aufsicht und der Bestellung der Leiter von Forschungsorganisationen durch Komitees der KPdSU, die Reduzierung der staatlichen Finanzierung und die Entstehung eines Marktes für wissenschaftliche Forschungsdienstleistungen. Dies alles hat zu erheblichen Veränderungen der Wissenschaft und zur Neuorganisierung ihrer Institutionen geführt. Von diesem Transformationsprozeß werden auch die Perspektiven der Entwicklung der Soziologie ganz wesentlich bestimmt.
Dadurch daß die zentralistische Struktur der Wissenschaft zerfiel, sind an die Stelle der ehemals einzigen Akademie der Wissenschaften der UdSSR mehrere Fachakademien getreten. Die Soziologie ist heute nicht nur in der nachsowjetischen Akademie der Wissenschaften Rußlands, sondern auch in der neuorganisierten Akademie der Naturwissenschaften vertreten. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR und dem Abbruch der wissenschaftlichen Kommunikation mit den ehemaligen sowjetischen Republiken verlor die sowjetische soziologische Assoziation ihren Sinn. Sie wurde im Februar 1993 zur Soziologischen Assoziation mit Sitz in Moskau umgewandelt.
Sehr wichtige Veränderungen haben sich im Institut für Soziologie an der Akademie der Wissenschaften in Moskau ergeben, das in zwei selbständige wissenschaftliche Institute innerhalb der Akademie der Wissenschaft geteilt wurde. Der Prozeß der Spaltung des Institutes hatte schon 1990-91 angefangen, als das ZK der KPdSU entschied, die Leitung des Institutes zu ersetzen. In dieser Situation wurde der Einfluß des Kollektivs des Instituts auf die Entscheidung der Kaderfragen deutlich. Das Kollektiv hatte zwei Kandidaten nominiert: den bekannten Spezialisten für die Soziologie der Persönlichkeit und der Methodik der empirischen Sozialforschung W. A. Jadov und den prominenten Soziologen G. V. Osipov. Jadov wurde vom Vorstand der Akademie und einem großen Teil des Kollektivs unterstützt und zum Direktor des Instituts für Soziologie der Akademie der Wissenschaft gewählt. Daraufhin gründete Osipov ein neues Institut für sozialpolitische Forschungen. Dieses Institut gehört auch zur Akademie der Wissenschaften Rußlands.
Mit der Spaltung des Institutes für Soziologie werden nicht nur Differenzen im Leitungsstil des wissenschaftlichen Kollektivs, sondern auch in den Vorstellungen über die Rolle der Soziologie im politischen Prozeß sichtbar. In der Folge unterscheiden sich die beiden akademischen soziologischen Institute sowohl in der Orientierung ihrer wissenschaftlichen Forschungen, als auch in den Organisationsformen der wissenschaftlichen Arbeit. Das Institut für Soziologie unter der Leitung von Jadov, der 1994 wiedergewählt wurde, bevorzugt einen klassischen akademischen Stil und betreibt Grundlagenforschung. Es herrscht eine liberale Atmosphäre, und der individuelle Charakter der wissenschaftlichen Forschungen wird betont. Zu den aktuellen Forschungen des Instituts gehören Forschungen zur Geschichte der Soziologie, Übersetzungen der Klassiker, Forschungen zur Persönlichkeit. Unter den Marktbedingungen ist ein Teil der Mitarbeiter individuell in Auftragsforschung involviert.
Das Institut für Sozialpolitische Forschungen unter der Leitung von Osipov versucht auf den politischen Prozeß Einfluß zu nehmen. Das Kollektiv des Institutes veröffentlicht zweimal im Jahr eine Analyse der sozialpolitischen Situation in Rußland mit Gutachten zur Entwicklung und Vorschlägen zur Korrektur der politischen Richtlinien. Diese Veröffentlichungen sind oft durch ein scharfe Kritik der Strategie und Taktik der Reformen charakterisiert.
Ein wichtiger Faktor der Institutionalisierung der Soziologie ist die heftige Politisierung der Wissenschaftler Anfang der 90er Jahre zusammen mit der gesamten Gesellschaft. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre nahmen mehrere namhafte Wissenschaftler - vor allem Wirtschaftswissenschaftler -, die auf die sozialen Probleme hinwiesen, wichtige Stellungen in der Politik ein. Dazu gehörten die Akademiemitglieder L. A. Abalkin und S. Schatalin oder die Wissenschaftler E. T. Gaidar, A. Tschubais, S. Schochin, G. V. Javlinski u. a. Aber schon nach einem Jahr zog sich ein Teil dieser Wissenschaftler nach der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung aus der Staatspolitik zurück. Einerseits hat die Mehrheit von ihnen während der Teilnahme an der Verwaltung und am politischen Leben negative Erfahrung gemacht und sich zugleich von akademischen Forschungsinstitutionen distanziert. Andererseits traute die politische Führung der akademischen Wissenschaft, einschließlich der Soziologie, wenig und organisierte ihre eigenen wissenschaftlichen Zentren für sozialpolitische Forschungen im Präsidentenamt, bei der Staatsduma und in den Behörden. Die akademischen Wissenschaftler wandten sich wieder rein wissenschaftlichen Interessen zu.
In dem Zusammenhang darf aber nicht verschwiegen werden, daß die Finanzierung der Wissenschaft seitens des Staates weiterhin mangelhaft ist, was eine weitere Institutionalisierung erschwert.
Der Höhepunkt der institutionellen Desintegration der sowjetischen Wissenschaft infolge des Zerfalls der gemeinsamen Institutionen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion scheint in Rußland allerdings überschritten zu sein. Tendenzen zur Integration machen sich auch in der Soziologie bemerkbar. Zum Beispiel hatte die Tagung der Soziologischen Assoziation im Jahre 1993 in Moskau „Die Mannigfaltigkeit der Interessen und die Machtinstitutionen" zum Thema. An der Tagung nahmen auch Soziologen aus den ehemaligen sowjetischen Republiken Kyrgystan, Turkmenistan, Tadshikistan, Usbekistan, Armenien und der Ukraine teil. Ihre Anwesenheit deutet auf die Tendenz zur Integration der Soziologe im Rahmen der GUS-Länder hin, obwohl die Palette der soziologischen Institutionen auf der Tagung nicht hinreichend repräsentiert war.
Im Jahre 1994 wurde die „Russische Gesellschaft für Soziologie und Demographie" gegründet, die zusammen mit dem Institut für Sozialpolitische Forschungen Ende 1994 eine Tagung über Krisensymptome der Soziologie durchführte. Das Spektrum war breit: man befaßte sich mit einer theoretisch-begrifflichen, mit der wissenschaftlich-organisatorischen und mit der finanzökonomischen Krise, aber auch mit der sittlich-moralischen Krise und der Krise des sozialen Status oder der Kaderkrise, und es wurden Wege zu Lösung dieser Probleme entworfen. Auf dieser Tagung der Russischen Gesellschaft für Soziologie und Demographie wurde auch eine neue wissenschaftliche Vereinigung mit internationalem Status, die „Soziologische Assoziation der Republiken Europas und Asiens", gegründet, die die Russische Föderation, Kasachstan, Moldawien, Usbekistan, und einige Vertreter aus der Ukraine umfaßt. An der Spitze dieser Vereinigung steht das Akademiemitglied Osipov.
Wichtige Foren der soziologischen Gemeinschaft zur Integration von Forschungsinteressen, Richtungen und Fragestellungen sind die neuen soziologischen Zeitschriften. Zahl und Inhalt zeugen von dem realen Zustand der Soziologie, ihrer Rolle in der Gesellschaft und den Möglichkeiten ihrer weiteren Entwicklung. Um 1980 existierte in der UdSSR nur eine einzige soziologische Zeitschrift, die allgemein zugänglich war, die Zeitschrift „Soziologische Forschungen". Da sie diesen Status über zwei Jahrzehnte behielt, mußte sie gezwungenermaßen allgemein sein. Ihre Autoren waren Theoretiker, Empiriker, Fachleute für die Familienforschung, für die Soziologie der Armee, der sozialen Stratifikation, der Arbeit und der Freizeit.
Auch die meisten neugegründeten Zeitschriften verstehen sich nicht als Spezialzeitschriften; sie erweitern und vertiefen die Kenntnisse über die Geschichte des soziologischen Denkens, über modernen soziologische Theorie und Methoden der empirischen Sozialforschung. Allerdings ist bei einigen neueren Zeitschriften neben der Universalität auch eine Tendenz zur Spezialisierung zu beobachten.
Seit Anfang der 90er Jahre unterstützt die J. Soros-Stiftung „Kulturinitiative" die russische Wissenschaft. Mit ihrer Unterstützung, die von dem reichen Amerikaner Soros finanziert wird, erscheint seit 1994 „Die soziologische Zeitschrift". Der Zeitschrift geht es um soziologische Kenntnisse auf dem Gebiet der Theorie, der Methodologie, der Massenbefragungen und der Experimente. Die Zeitschrift wendet ihre Aufmerksamkeit der Geschichte der russischen und westlichen Soziologie und Ansätzen zur sozialen Problemintervention in der russischen Gesellschaft zu. Unter den populären soziologischen Veröffentlichungen muß man den Almanach der sozialen Forschungen „Die Schranke" nennen. Sie wird von der gerade genannten Stiftung „Kulturinitiative" und vom staatlichen Programm „Die Völker Rußlands: ihre Wiedergeburt und ihre Entwicklung" unterstützt.
Im Jahre 1991 wurde die wissenschaftliche Zeitschrift „Soziologie: Methodologie, Methoden, mathematische Modelle" gegründet, die versucht, ein hohes Niveau der methodologischen Ausbildung von Spezialisten zu schaffen. Seit 1992 erschienen einige Hefte der Zeitschrift „Fragen der Soziologie". Sie wendet sich vor allem an Intellektuelle und Forscher, die an der soziologischen Theorie interessiert sind. Die Zeitschrift veröffentlicht auch Übersetzungen klassischer Aufsätze von M. Merleau-Ponty, Carl Schmitt, G. Simmel, P. Sorokin, aber auch Übersetzungen von modernen westlichen Soziologen wie z. B. N. Luhmann, P. Turner, P. Bourdieu, Z. Bauman, I. Wallerstein, D. Bertaux, S. Moscovici, R. Harre, und natürlich die Arbeiten moderner russischer Soziologen.
Im Jahre 1995 erschien die Zeitschrift „Nachrichten der Moskauer Universität. Reihe 18. Soziologie und Politologie", die die soziologische Professionalisierung der Lehrer, Studenten, Doktoranden und Wissenschaftler als Ziel verfolgt. Die Zeitschrift konzentriert sich auf die Geschichte des soziologischen und politischen Denkens, auf eine systemtheoretische Erforschung der Gesellschaft, auf theoretische und methodologische Probleme der Soziologie und der politischen Wissenschaft. Ein wichtiger Bereich der Arbeit der Zeitschrift ist die Unterstützung des Unterrichts an der Fakultät für Soziologie der Universität Moskau: man publiziert Aufsätze über die Gestaltung eines Curriculums und zu Kursprogrammen usw.
Inzwischen gibt es auch neue Zeitschriften wie „Die Macht", „Polis" u. a., die sozialen Problemen gewidmet sind und sehr differenzierte empirische Daten veröffentlichen. Unter ihnen ist die spezialisierte periodische Ausgabe des WZIOM zur Soziologie der Meinungsforschung von besonderer Bedeutung. Seit 1993 wird die Zeitschrift „Wirtschaftlicher und sozialer Wandel: Monitoring der öffentlichen Meinung" herausgegeben. Zu den Gründern und Herausgebern zählen auch die bekannten Wissenschaftler T. I. Zaslavskaja und J. A. Levada. Gegenstand ist der „Zustand und die Veränderung der öffentlichen Meinung angesichts der scharfen Wendung der Geschichte". Ein Drittel der Zeitschrift ist den empirischen Daten und zwei Drittel Fragen der Methodologie und Methoden der Analyse gewidmet. Die Zeitschrift zeichnet sich durch theoretische, methodologische und empirische Einheit aus. Sie ist der Politik bei der Durchführung der Reformen durch die Erforschung der politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen und ihrer direkten und indirekten Folgen, behilflich.
Zur Zeit ist es nicht leicht, die soziologischen Periodika zu übersehen, aber es ist augenfällig, daß sich die Möglichkeiten der professionellen Kommunikation gerade durch diese Zeitschriften für die russische Soziologie in den letzten 2-3 Jahren - ungeachtet der politischen Instabilität - wesentlich verbreitert haben. Heute gibt es viele Zeitschriften, allerdings meist in kleiner Auflagen und zu hohen Preisen. Das gemeinsame Problem der Zeitschriften ist die Finanzierung. Die meisten von ihnen brauchen Spenden, um regelmäßig erscheinen zu können.
5.6 Die Perspektiven der russischen Soziologie
Große soziale Veränderungen haben immer auch zu einer Veränderung der Soziologie geführt. Das wird auch in der russischen Geschichte bestätigt, etwa um die Jahrhundertwende, nach der Oktoberrevolution in den 20er Jahren, Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre, als sich der innenpolitische Kurs veränderte. Vor dem Hintergrund dieses Zusammenhangs läßt sich allerdings nur spekulieren, welche Perspektiven die russische Soziologie unter den heutigen Umständen in der sich wandelnden Gesellschaft hat. Für die weitere Entwicklung der Soziologie dürften die folgenden Faktoren, die sich in der jüngeren Geschichte herauskristallisiert haben, wichtig sein:
Ausgewählte Literatur
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(Berlin)
Bucharin, N.(1922): Theorie des historischen Materialismus.
(Hamburg)
Davydov, J. N., Gaidenko, P. P. (1995): Rußland und der
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Ficher, G. (Hg.) (1967): Science and Ideology in Sovjet
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Jadov, W. A. (Hg.) (1990): Soziologija perestroiki (Moskau,
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Sorokin, P.(1926): Die russische Soziologie im zwanzigsten
Jahrhundert. In: Jahrbuch für Soziologie. Bd. 2. (Karlsruhe)
Wehrt, N. (1990): Revolution in der sowjetischen Soziologie:
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Weiterführende Literatur
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Die russische Soziologie: ihre Entwicklungsetappen
und die aktuelle Diskussion
Kurzfassung
Die Soziologie entstand in Rußland in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts. Das damalige Rußland erlebte eine schnelle Modernisierung und Industrialisierung. Das war eine energische Bewegung zum Kapitalismus, aber diese Entwicklung war noch stark von den Resten des Feudalismus bestimmt. Sie wirkten sich auf allen Bereichen des sozialen Lebens aus. Genau hier, in dieser Widersprüchlichkeit ist der Schlüssel zur Besonderheit der frühen russischen Soziologie zu finden.
Eine wichtige Besonderheit besteht in dem starken Einfluß der russische Philosophie und des geistigen Klimas seinerzeit auf die Soziologie. In der Soziologie verbanden sich alte Traditionen in Literatur, Sozialphilosophie und Wissenschaft mit der Frage nach der Verbesserung der Lage des Volkes. Darum war die soziologische Literatur publizistisch, und umgekehrt behandelte die russische realistische Literatur die sozialen Probleme und die Fragen der sozialen Erkenntnis. Viele Schriftsteller begrüßten die Soziologie als „siegreiche Wissenschaft" (Vladimir Korolenko). Die Tradition der soziologischen Publizistik ist bis heute in Rußland lebhaft. Die Wirkung der humanitären Kultur hatte von Anfang an die Orientierung der Soziologie auf die Grundprobleme der gesellschaftlichen Entwicklung bestimmt und ein Übergewicht des makrosoziologischen Denkens gefördert. Das gilt bis heute.
Um die Entwicklung der russischen Soziologie richtig zu verstehen, ist es wichtig, an die engen Kontakte und die tiefe innere Verbindung der russischen Soziologen mit den europäischen Denkern zu erinnern. Man kann erwähnen, daß die erste soziologische Untersuchung des Selbstmordes von Statistikern und Juristen in Rußland schon in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts gemacht wurde und in Frankreich (1824) publiziert, also schon rund 70 Jahre vor Durkheim.
Später wurden die internationalen Kontakten der russischen Soziologen noch enger. Als bedeutender Beleg dazu dient die Herausgabe der internationalen Zeitschrift für Philosophie und Kultursoziologie "Logos". Sie ist eine der erstaunlichsten Erscheinungen in der Geschichte der Geisteswissenschaften. Die Zeitschrift erschien 1910 zugleich in Freiburg und Moskau, dann in Sankt-Petersburg. An der Zeitschrift waren von der deutschen Seite Max Weber, Heinrich Rickert, Ernst Troeltsch und Georg Simmel und von der russischen Seite Fjodor Stepun, Sergius Hessen, Boris Jakovenko und Nikolai Bubnov beteiligt.
Der große deutsche Soziologe Max Weber hatte ein besonderes Interesse an der politischen Entwicklung in Rußland. Seiner Ansichten nach führte die Entwicklung des Kapitalismus in Europa dazu, daß der moderne Mensch seine ehemalige Vielseitigkeit verloren hat. In diesem Sinn setzte er auf Rußland seine Hoffnung, die Demokratie ohne diese Nachteil des Kapitalismus zu verwirklichen. Wie seinerzeit K. Marx und F. Engels begann Weber Russisch studieren und hat zwei Aufsätze über die Politik in Rußland publiziert. Er war mit den Ansichten der russischen Sozialdemokraten W. Lenin und G. Plechanov vertraut und war mit dem Soziologen Fjodor Kistjakovski befreundet.
Neben der engen Verbindung zur westeuropäischen Diskussion muß man auf den Konflikt zwischen Intelligentja (so heißen in Rußland die Intellektuellen) und politischer Macht als wichtige Besonderheit der russischen Soziologie hinweisen. Die Modernisierung in Rußland erfolgte unter der politischen Macht der Zaren und der Herrschaft der adligen Oberschicht. Sie waren Anhänger der konservativen politischen Position. Deshalb wurden die Soziologen als Vertreter des Liberalismus verfolgt, und der Liberalismus konnte sich bis heute in Rußland nicht etablieren.
Die zaristische Regierung kämpfte zu dieser Zeit mit den Liberalen und ließ die Marxisten außer Acht. Sie verstand nicht, welchen Bezug die Mehrwerttheorie von K. Marx zu Rußland hatte. Durch diese Lücke in der Innenpolitik und dank einer guten parteilichen Organisation konnte sich in Rußland der Marxismus verbreiten. Die von Karl Marx ausgearbeitete historisch-materialistische Geschichtsauffassung diente als philosophisches Fundament der Gesellschaftstheorie, weil sie gut zu den eschatologischen und messianischen Elementen in der russischen geistigen Kultur paßte. Darum wurden der Konflikt zwischen der Soziologie und der politischen Macht einerseits und der Konflikt zwischen einer marxistisch orientierten Soziologie und allen anderen Richtungen andererseits auf lange Zeit für die Institutionalisierung der Soziologie bestimmend.
Damals, wie gesagt, gehörten die nichtmarxistischen Soziologen zu den Hauptgegnern der Regierung. In diesem Sinn spielte die Soziologie eine oppositionelle Rolle, und sie galt in den Augen der Öffentlichkeit als eine oppositionelle Wissenschaft. Die Beziehungen zwischen der Soziologie und der politischen Macht sind auch heute noch von gegenseitigem Mißtrauen geprägt. Dieser Konflikt wurde durch den theoretischen Standpunkt der russischen Soziologen verstärkt. Theoretisch war die Soziologie zu dieser Zeit positivistisch orientiert. Die Soziologen sahen im Positivismus ein vielversprechendes Modell, neue, soziologische - und nicht mehr philosophische oder ideologische - Fragestellungen und Forschungsansätze zu entwickeln. Als man dann den Versuch unternahm, sie zu realisieren, war das für die Regierung Anlaß genug, gegen soziologische Forschungstätigkeit einzuschreiten. Die unabhängigen Soziologen haben schon früh unter dem Zaren und später während des Sozialismus "Berufsverbote" erlebt.
Ich kann nur sehr knapp die theoretischen Ansichten der russischen Soziologen insgesamt skizzieren und dies näher nur mit ein paar Beispielen über die bedeutenden Soziologen illustrieren. Diese Beispiele illustrieren zugleich den Konflikt zwischen dem liberalen Denken und der politischen Macht und die Schwierigkeit der Institutionalisierung der russischen Soziologie.
Die Situation in der Soziologie soll am Beispiel des Lebenslaufs von zwei bedeutenden russischen Soziologen illustriert werden. Sehr anschaulich ist das Schicksal von Maxim Kovalevsky (1851-1916). Kovalevsky war ein hervorragender Gelehrter. Die Entstehungsgeschichte der Soziologie und ihre Institutionalisierung ist eng mit seinem Namen verbunden. Wegen seiner unabhängigen wissenschaftlichen Tätigkeit, seiner liberalen und demokratischen Ansichten mußte er seine Heimat verlassen. Er wurde dreimal ausgewiesen. Er verbrachte viele Jahre im Ausland, und hielt seine Vorlesungen in Frankreich, Schweden und Italien.
Als Theoretiker war er Anhänger der positivistischen Fortschrittstheorie, aber statt A. Comtes "Dreistadiengesetz" propagierte Kovalevsky das "Gesetz zur Vermehrung der menschlichen Solidarität". Im positvistischen Sinne war sich Kovalevsky sicher, daß es in der menschlichen Gesellschaft nicht die eine Hauptursache gibt, die die Gesellschaft als ganze und ihre Entwicklung bestimmt und reguliert. Die Soziologie muß Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Faktoren feststellen. Das ist die Grundlage seiner Faktorentheorie. Die Aufsätze von Kovalevsky waren in Rußland und im Ausland gut bekannt. Z. B. veröffentlichte er seine Werke: „Die ökonomische Entwicklung Europas bis zum Beginn der kapitalistischen Wirtschaftsform", Vol. 1-7, zwischen 1901 und 1914 in Berlin und „Die politischen Institutionen in Rußland" im Jahre 1902 in Paris. Kovalevsky war der erster Autor eines Werkes mit dem Titel "Soziologie". In diesem Buch legte Kovalevsky nicht nur seine positivistischen Gedanken dar, sondern er zeigte den russischen Forschern auch die Hauptrichtungen der zeitgenössischen europäischen und amerikanischen Soziologie auf.
Am Ende des 19. Jahrhunderts blieben alle Versuche, eine soziologische Fakultät an der Universität zu gründen, erfolglos. Darum gründete Kovalevsky im Jahre 1901 in Paris die sog. Russische Hochschule für Gesellschaftswissenschaften, an der Soziologie als obligatorisches Fach gelehrt wurde. Diese Hochschule wurde auf Druck der russischen Regierung 1906 geschlossen. Daraus stammen die Tradition der russischen Soziologie im Exil, die bis in die jüngste Zeit lebendig war, und die Tradition der soziologischen Selbstausbildung, d. h., soziologisches Wissen mußte man sich über Bücher aneignen.
Ebenso typisch ist das Schicksal des berühmten Soziologen Pitirim A. Sorokin (1889-1968). Als Wissenschaftler war er Anhänger des "gemäßigten Behaviourismus" in der sogenannten „russischen Variante". Ihm war es gelungen, 1919 die erste Abteilung für Soziologie an der Universität Sankt-Petersburg zu gründen.
Sorokin war nicht nur ein renommierter Wissenschaftler, sondern auch Politiker. Er war Mitglied der Provisorischen Regierung von Kerensky um 1917 und Abgeordneter der Staatsduma. Wegen seiner Kritik der bolschewistischen Innenpolitik wurde er zum Tode verurteilt, aber es gelang ihm, in die USA zu emigrieren. Die Abteilung für Soziologie an der Universität Sankt-Petersburg wurde geschlossen. Nach einem längeren Aufenthalt an der Universität von Minnesota ging Sorokin nach Harvard, wo er ein Vierteljahrhundert (von 1930 bis 1955) als Soziologe neben Parsons lehrte und erfolgreich wissenschaftlich arbeitete.
Wenn von der Soziologie in Rußland die Rede ist, darf man auch die Vertreter des russischen Marxismus nicht vergessen. Die Marxisten waren Anhänger derselben globalen Fragestellungen wie die positivistischen Soziologen, aber sie haben sie von einem anderen Standpunkt aus beantwortet. Für sie waren ebenfalls die makrosoziologische Orientierung, die Idee des Fortschritts, die Ziele der Entwicklung der Gesellschaft wichtig.
Aus dem Marxismus leitet sich ein besonders wichtiger Punkt ab, der engen Bezug zur Wissenschaftspolitik hat. Neben der Theorie der Revolution, und der Diktatur des Proletariats und dem Entwurf des Sozialismus hatte Wladimir I. Lenin das Prinzip der Parteilichkeit formuliert. Danach ist die adäquate soziale Erkenntnis nur aus der Sicht der progressiven Klasse, d. h. aus dem Interesse der Proletariats möglich. Das war die theoretische und praktische Grundlage der Wissenschaftspolitik nach der Revolution.
Lenin war ein gebildeter Mensch und verstand sehr gut, daß Soziologie für seine Regierung von Nutzen sein konnte. Vor allem sah er in der Soziologie ein gutes Mittel für die theoretische Begründung der praktischen Tätigkeit der Kommunistischen Partei beim Aufbau der neuen Gesellschaft. Von der Soziologie verlangte Lenin empirische Untersuchungen durchzuführen. Er stellte die wichtige Frage nach der Auswertung sozialer Daten und ihrer theoretischen Interpretation. Aber als nach der Revolution diese Auswertung der Ideologie widersprach und die Soziologen mit ihrer Kritik an der Innenpolitik anfingen, entfaltete sich der Konflikt zwischen der Soziologie und der Macht mit neuer Schärfe. Dieser Konflikt hatte für die Soziologie in Rußland schwere Folgen und bestimmte für lange Zeit ihr Schicksal.
3. Soziologie während des Sozialismus
Das Schicksal der Soziologie während des Sozialismus kann man in zwei Perioden teilen. Erstens, der Niedergang der Soziologie in den 20er und 30er Jahren und zweitens ihre begrenzte Zulassung ab den 60er Jahren. Die unterbrochene Geschichte der Soziologie in Rußland ist aus dem Verbot des Pluralismus in jeglicher Form unter schweren innen- und außenpolitischen Bedingungen zu erklären. Zu dieser Zeit hatte I. Stalin die These formuliert, daß sich mit dem Aufbau des Sozialismus der Klassenkampf verstärken werde. Es begann die Verbreitung einer einzigen Ideologie. Als erste politische Maßnahme wurden im Jahre 1922 mehr als 200 Denker, Gelehrte und Wissenschaftler ausgewiesen. Als zweite Maßnahme wurden die Professoren an den Hochschulen durch Lehrer „proletarischer Herkunft" ersetzt, egal, ob sie wissenschaftlich ausgebildet waren.
Trotzdem publizierte man die Werken der westlichen Soziologen, z. B. Max Weber oder Georg Simmel weiter. Diese Werke wurden kompetent rezensiert, aber allmählich wurde ihre Behandlung nur als Kritik aus der marxistischen Sicht zugelassen. Von hier stammt die Tradition, die internationale Diskussion nur in Form der Kritik kennenzulernen.
Um so erstaunlich ist es, daß einige Wissenschaftler auf eigenes Risiko die soziologische Theorie fortsetzen. Ein interessantes Beispiel dafür ist das Schicksal von Konstantin Megrelidse. Megrelidse wurde Ende der 20er Jahre als junger Parteifunktionär nach Deutschland geschickt, um dort beim Aufbau einer sozialdemokratischen Jugendbewegung zu helfen. Während seines Aufenthalt in Deutschland besuchte er Vorlesungen in Philosophie, Soziologie und Phänomenologie in Heidelberg und Freiburg. Nach seiner Rückkehr schrieb er das Buch "Die Hauptprobleme der Wissenssoziologie", das neue und selbständige Ansätze enthielt. Sie entfernten sich aber vom Marxismus, und deshalb durfte das Buch nicht erscheinen. Megrelidse selbst wurde im GULAG interniert und während des 2. Weltkrieges mit einem Strafbataillon an die Front geschickt, wo er umkam. Seine hervorragende Arbeit wurde erst im Jahre 1973 veröffentlicht.
Die nachrevolitionären Marxisten „proletarischer Herkunft" waren fest überzeugt, daß mit ihnen die Wissenschaft erst beginnt, und deshalb ließen sie das reiche Erbe der vorrevolutionären Soziologie ganz bewußt außer Betracht. Weil diese Position nicht wissenschaftlich ist, werde ich diese Linie nicht verfolgen.
Die empirische Soziologie in den 20er und 30er Jahren entwickelte sich über Einzelforschungen, die für russische Leser noch heute interessant sind. Zwei Besonderheiten zeichnen diese Forschungen aus: Das ist erstens, der Beginn der Auftragsforschung unter ideologischer Kontrolle und zweitens die sozioökonomische Thematik dieser Forschung.
In diesem Zusammenhang muß man einige Worte zur Gestalt der Soziologie in Rußland insgesamt sagen. Die sowjetische Wissenschaft und Ideologie messen der Ökonomie als Basis aller anderen gesellschaftlichen Institutionen die größte Bedeutung zu. Die sowjetische Innenpolitik hatte die Wirtschaft immer als ihre Hauptsorge verstanden. Die Sicht auf die Wirtschaft als gesellschaftlicher Basis gehört heute in Rußland schon zum Alltagsdenken. Unsere heutigen Antikommunisten ebenso wie politisch neutrale Wissenschaftler argumentieren immer ökonomisch, obwohl sie alle schon z. B. über Max Weber und über die große Bedeutung des Kulturkontexes gehört haben. Paradoxerweise berücksichtigt niemand diese Thesen. Das ist zugleich ein Beispiel der Wirkung der Ideologie auf das Alltagsdenken.
In den 30er Jahren, unter Stalin war die Soziologie von der europäischen Diskussion abgeschnitten. Sie war dem ideologischen Diktat unterworfen und zwischen den Ende der 30er und 60er Jahren war die soziologische Diskussion unterbrochen.
Mitte der 50er Jahre begann in der Sowjetunion Chrustschows berühmtes „Tauwetter". Es war eine Zeit der Hoffnung und des Optimismus. Der schwere Krieg war vorbei, die Wirtschaft wiederaufgebaut. Man glaubte, es gibt keine Hindernisse mehr das glückliche Leben aufzubauen. Es kam die Zeit der Wirtschaftsreformen.
Das Dilemma zwischen der Nachfrage nach objektiven Kenntnissen über die Gesellschaft und der Ideologie wurde jetzt zugunsten der Wissenschaft gelöst, aber immer noch im Rahmen des Marxismus.
Die theoretische Grundlage der Soziologie wurde im Rahmen des Marxismus durch die Dreigliederformel definiert:
Zu dieser Zeit wurde auch die theoretische Diskussion belebt. Man versuchte z. B. die marxistische Kategorien zu operationalisieren, man diskutierte die Sozialisationsforschung, die Rollentheorie. Bald geriet diese Diskussion mit der offiziellen Ideologie wieder in Konflikt. Im Jahre 1968 diskutierte man an der Moskauer Universität über die "Struktur der marxistischen Soziologie". Einige Teilnehmer setzen die marxistische Soziologie mit dem Historischen Materialismus gleich. Andere meinten, daß der wissenschaftliche Kommunismus nichts anderes als Soziologie der modernen Gesellschaft sei. Überraschend wurde dann eine dritte Meinung von dem Soziologen J. Levada aufgestellt, wonach Soziologie nur als empirische, unabhängige Wissenschaft möglich sei. Für seine Meinung wurde er sofort mit einem „Berufsverbot" bestraft.
Trotzdem setzte sich die theoretische Diskussion in der Form der Kritik der bürgerlichen Wissenschaft fort, aber auf viel höheren Niveau. Der bekannte moderne Soziologe J. Davydov erzählt darüber: "Es war (...) sehr schwierig (...) zu unterscheiden, ob ein Autor eine Konzeption nur deshalb kritisierte, weil dies die einzige Möglichkeit war, die sowjetische Öffentlichkeit mit ihrem Inhalt bekannt zu machen, oder ob seine Kritik prinzipieller Natur war, das heißt, ob er die gegebene Konzeption tatsächlich für in sich widersprüchlich oder ungenügend begründet hielt. Aber gerade an diesem Punkt zeigte sich der Fortschritt unserer soziologischen Theorie: Sie begann endlich, selbständig unter verschiedenen westlichen Konzeptionen und theoretischen Richtungen auszuwählen".
Insgesamt genommen war die Situation der sowjetischen Nachkriegssoziologie bis 1968 eine fruchtbare Etappe, in erster Linie für die empirische Forschung.
Es gab nach 1968 ein Interesse an Tabuthemen wie z. B. Behinderte und Obdachlose oder an Forschungen über privilegierte Gruppen, die Bürokratie, die Situation in der Armee, die öffentliche Meinung über die Beschlüsse der Partei und später den Krieg in Afghanistan usw., doch solche Forschungen durften nach wie vor nicht gemacht werden. Die genannten tabuisierten Themen waren zugleich die ungelösten gesellschaftlichen Probleme.
4. Die gegenwärtige soziologische Diskussion ab 1988
Die Situation der Soziologie änderte sich mit der Reformpolitik des Generalsekretärs des ZK der KPdSU Michael Gorbatschov. Die Reformen in der Sowjetunion wurden als Änderung der grundlegenden Strukturen der Gesellschaft geplant. Für solche Reformen brauchte man wieder objektive Kenntnisse über die Gesellschaft, und jetzt wurde Soziologie ohne ideologische Funktion nachgefragt. Im Jahre 1988 wurde sie als selbständige Wissenschaft auf Anordnung des Politbüros zugelassen. Die Soziologie wurde als Fach an den Hochschulen eingeführt. Das ist ein sehr wichtiges Datum in der Geschichte der russische Soziologie. Es begann eine neue Etappe.
Ende 1991 hatte Gorbatschov die Kontrolle über die gesellschaftliche Entwicklung verloren, die Sowjetunion wurde aufgelöst und die Reformen führten zu einer vierfachen Transformation der Gesellschaft:
Diese Formel war interessanterweise in Analogie zum Begriff der „Theorie der mittleren Reichweite" von Robert K. Merton geprägt worden. Merton hatte schon in der Nachkriegsperiode eine Forderung hinsichtlich der Generierung und der Geltung von soziologischen Theorien erhoben, die man so zusammenfassen kann: auf der Basis empirischer Forschung zu definierten gesellschaftlichen Bereichen müssen Theorien entworfen werden, die mehr als die Struktur dieser Bereiche erklären, aber keinen Anspruch erheben, die gesellschaftliche Komplexität total zu erfassen. In der Sowjetunion war es dagegen umgekehrt gewesen: offiziell galt der Historische Materialismus als die allgemeine soziologische Theorie, und es ging ausschließlich darum, seine allgemeinen Aussagen auf empirische Forschungen zu einzelnen Aspekten der Gesellschaft zu beziehen.
Die Soziologen lehnten den Historischen Materialismus als eine apriorische nomologische Konstruktion ab, die keinen Bezug zur Realität einer komplexen Gesellschaft habe. Sie wiesen demgegenüber auf die neuen Forschungsgegenstände hin, auf das Individuelle, Eigenartige, Situative im sozialen Leben, auf die Notwendigkeit der Erforschung der regionalen Variation und Vielfalt der sozialen Gruppen. Damit traten sie bewußt in einen Gegensatz zu der traditionellen historisch-materialistischen Suche nach dem Allgemeinen, Gesetzmäßigen und für ganze Gesellschaften Geltenden. Da die Anhänger des Historischen Materialismus keine politische Unterstützung mehr hatten, blieben sie entweder passiv oder mußten ihre Positionen im Streit ziemlich schnell verloren geben.
Der leichte Sieg über den Historischen Materialismus hatte aber drei komplizierte Fragen auf die Tagesordnung gestellt, und zwar:
Im Vergleich mit der Vergangenheit waren die Soziologen unter neuen Bedingungen in der günstigen Lage, eine öffentliche Rolle zu spielen. Die Soziologie hatte einen guten Ruf in der öffentlichen Meinung. Sie stand im Ruf einer objektiven und bis dahin unterdrückten Wissenschaft. Ihre öffentliche Aufgabe hatte die Soziologie als wissenschaftliche Unterstützung der Reformen formuliert. Die Soziologen diagnostizieren eine „kranke Gesellschaft" und boten Rezepte für die Heilung des Sozialismus an. Sie forderten als Ziel der Perestroika, den wirklichen Sozialismus entsprechend den humanistischen und demokratischen Idealen aufzubauen. Diese Bewegung darf man als „Soziologie der Perestroika" bezeichnen. Sie wies eine für diese Zeit erstaunliche Tiefe und Präzision der Problemanalyse auf. Sie enthielt zwar noch viele ideologische Schlagworte und theoretische Klischees, aber sie enthielt eben auch die neue Sicht der Gesellschaft. Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Perestroika mit ihren sozialistischen Parolen von praktischen Reformen abgelöst, und damit war auch die Bewegung der „Soziologie der Perestroika" plötzlich überholt. Trotzdem sind viele Soziologen auch heute bereit, die Reformen wissenschaftlich zu unterstützen.
Mit der Ablösung vom Historischen Materialismus entstand eine große Lücke in der soziologischen Theorie. Eine Weiterentwicklung der Soziologie sah man in der Teilnahme an der internationalen soziologischen Diskussion. Dabei sollte sich die sowjetische Soziologie drei Errungenschaften der internationalen Soziologie zunutze machen:
Die Entlehnungen aus den westlichen Theorien werden nicht auf den soziokulturellen Kontext Rußland angepaßt, und es entstand in der Theorie ein mosaikartiges Bild. Nach und nach setzte sich die Überzeugung durch, daß man die westlichen theoretischen Angebote nicht einfach entlehnen könne, sondern fruchtbare Ideen in die eigene Theorie integrieren müsse. Mittlerweile gibt es schon einige interessante einheimische Angebote zur Theorie der russischen Gesellschaft.
Die Soziologin K. Kasjanova hat eine kultursoziologische Studie über den russischen Nationalcharakter veröffentlicht. Sie hat empirische Daten über den Verhaltenstyp der Russen und Amerikaner verglichen und festgestellt, daß die Russen individualistischer als Amerikaner sind. Deswegen ist die russische Gesellschaft gezwungen, eine kollektivistische Kultur zu entwickeln, die sich explizit auf kollektivistische Werte stützt, um den Individualismus des Einzelnen zu überwinden und dadurch die Integration der Gesellschaft zu garantieren. Aus ihrer Analyse der Wertehierarhie aus der Sicht der soziologischen Handlungstheorie folgt, daß in Rußland im Unterschied zum Westen weniger zweckrationales als wertrationales Handeln (gemäß der Typologie von M. Weber) vorherrscht. Kasjanova stellt fest, daß im Unterschied zum Westen die Geduld in der Wertehierarchie der Russen einen zentralen Platz einnimmt, während die Arbeit in dieser Hierarchie eine eher bescheidene Rolle spielt. Trotz siebzigjähriger sozialistischer Propaganda einer werktätigen Lebensweise ist Arbeit keineswegs ein vorrangiges lebenswichtiges Bedürfnis.
Diese Theorie erklärt gut viele Besonderheiten des ökonomischen und politischen Verhaltens der Russen. Jetzt kann man auch verstehen, warum z. B. politische Institutionen, die zweckrational aufgebaut sind, wie der Staat, die Parteien oder die Gewerkschaften, in Rußland anders funktionieren als im Westen. Sie erfüllen nicht jene Funktionen, die für ihre westlichen Analoga typisch und in allen Lexika benannt sind. Ihre zweckrationalen Grundlagen sind mit dem wertrationalen Verhalten der Russen nicht vereinbar. Statt der Kalkulation von Zielen und Mitteln bevorzugen Russen die Orientierung an bestimmten Werten und realisieren ihr Verhalten eher auf einer informellen Grundlage. Diese Theorie erklärt auch gut die unpolitische Einstellung der Bevölkerung und das mangelnde Interesse am Funktionieren der modernen politischen und ökonomischen Institutionen. Es erklärt aber auch, warum bei politischen Wahlen der persönliche Status eines Politikers und nicht seine Ideologie den Ausschlag geben. Und schließlich erklärt es einen gewissen Konservatismus der Gesellschaft und das geringe Interesse an Reformideen und ihrer Realisierung.
Der Soziologe A. Sinowjew verbindet für die Analyse der realen sozialistischen Gesellschaft die Systemtheorie und die moderne Verhaltenstheorie. Das sozialistische System bezeichnet er als Herrschaft von einfachsten Verhaltensgesetzen, denen sich die Menschen ohne großen Arbeitsaufwand anpassen können. Diese Gesetze knüpfen unmittelbar an die Gesetze der sozio-biologischen Evolution an und bilden zusammen das System der Gesellschaft. Darum sei die russische Gesellschaft viel natürlicher, weil sie den Gesetzen der biologischen Evolution eher entspricht und dadurch „universell" ist. Dagegen sind die westlichen Gesellschaften eher ein „Sonderfall". Die Theorie von Sinowjew erklärt ganz gut die heutigen Schwierigkeiten der Reformen und warum manche befürchten, daß es zu einer Rückkehr zu kommunistischen Gesellschaftstrukturen kommen könnte.
Ein weiterer interessanter Beitrag betrifft die Sozialstrukturanalyse. Es begann die Kritik der offiziellen Formel „2+1" (die zwei freundschaftlichen Klassen der Arbeiter und Bauern und die Schicht der Intelligenzija). Die russische Soziologie hatte den Schichtbegriff mit den klassischen 4 Merkmalen der sozialen Ungleichheit (Einkommen, Macht; Beruf und Ausbildung) akzeptiert, aber Forschungen zeigen, daß diese Merkmale die soziale Schichtung sehr unpräzis oder sogar falsch beschreiben. Der Soziologe W. Iljin hat andere Kriterien vorgeschlagen, die die soziale Lage in Rußland viel näher beschreiben als die 4 klassischen, und zwar: Zugehörigkeit der Arbeitnehmer zu bestimmten Wirtschaftsbereichen, Region und Wohnort, ethnische Zugehörigkeit und die Position in der Machtstruktur.
Wie in anderen Ländern auch entwickelt sich die Systemtheorie in Rußland durch die Verbindung einer allgemeinen Systemtheorie mit ihrer jeweiligen einheimischen soziologischen Tradition. So verbindet sie z. B. Talcott Parsons mit der soziologische Handlungstheorie oder Niklas Luhmann - mit der Kommunikationstheorie. Die Systemtheorie in der heutigen russische Soziologie hat das Ziel, eine Harmonieformel für die Gesellschaft zu finden. Hier liegt die Eigenart der soziologischen Systemtheorie in Rußland. Während die westlichen soziologischen Theoretiker nicht mehr an eine Harmonie glauben, verbindet sich die Systemtheorie in Rußland mit der kulturphilosophischen Richtung, die „Kosmismus" heißt und nach Harmonie sucht.
In der 90er Jahre kam es zu einer wichtigen Änderung in der empirischen Forschung. Die Meinungsforscher wurden stark ausgewertet. Die empirische Soziologie beschäftigte sich mit politischen Themen, in erster Linie mit Wahlprognosen. Diese Forschung hatte sowohl Erfolge als auch Niederlagen. Bei den ersten pluralistischen Wahlen 1989 und 1990 hatten die Soziologen ziemlich genau den Erfolg der Demokraten prognostiziert. Aber bei den Parlamentswahlen 1993 waren alle Prognosen falsch. So hatte man z. B. für den überspannten Politiker Schirinovski 2 % Wählerstimmen prognostiziert, und er hat etwa 20% bekommen. Es war offensichtlich, daß die Methodologie der Wahlforschung für Rußland anders sein mußte als z. B. für die USA. Deshalb arbeiteten die führenden Forschungszentren an Korrekturen. Das gab zugleich neue Impulse zur Theorie der Gesellschaft.
Mit der Pluralisierung der Gesellschaft wurde auch das alte Problem der Institutionalisierung der Soziologie gelöst. Das Institut für soziologische Forschungen der Akademie der Wissenschaften wurde in ein Institut für Soziologie umgewandelt. Es entstanden mehrere neue Forschungszentren. Das wichtigste von ihnen ist WZIOM in Moskau (Allrussisches Zentrum für die öffentliche Meinungsforschung). Es wurden mehrere neue soziologische Zeitschriften gegründet. Die Soziologie wurde an den Universitäten und Hochschulen als Fach etabliert. Im Lande gibt es zur Zeit 290 Lehrstühle für Soziologie.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion erschwert die Kommunikation mit den Soziologen aus den GUS Ländern. Die Politisierung der Wissenschaftler führte zur Spaltung des Instituts für Soziologie der Akademie der Wissenschaften in zwei Institute: Das Institut für Soziologie unter der Leitung von W. Jadov betreibt Grundlagenforschung. Das Institut für Sozialpolitische Forschungen unter der Leitung von G. Osipov versucht auf den politischen Prozeß Einfluß zu nehmen.
5. Schlußfolgerung und Ausblick
Wenn wir die heutige soziologische Diskussion resümieren, dürfen wir sie vielleicht in folgenden Sätzen zusammenfassen:
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Westen (Frankfurt am Main, Suhrkamp)
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